EILMELDUNG! Likud-Bündnis mit 54 Sitzen vorn. Eisenkots Bündnis kommt auf 49 Sitze

Finale

Der Rest der Welt

Wollen Sie mal ein richtig lustiges Experiment wagen? Dann nehmen Sie drei Kleinkinder, am besten im Alter von drei bis sechs, und steigen Sie in einen ICE Ihrer Wahl – aber die 1. Klasse muss es sein. Scharen Sie die Gören unauffällig hinter sich, besteigen den Zug mit Unschuldsmiene und dann, irgendwo in der Nähe von Sitzplatz 56, machen Sie einen eleganten Ausfallschritt nach rechts und signalisieren den Kids: »Go!« Während die Kleinen emsig Knete auf die Polster verteilen und mit ihren Nasen Schmierspuren auf den Fenstern hinterlassen, erleben Sie ihrerseits ein herzerwärmendes Empfangskomitee von hochgezogenen Augenbrauen, gerümpften Nasen, abruptem Sitzplatzwechsel.

Und Sie erfahren voller Erstaunen, wie Sie auf einmal die Fähigkeit zum Gedankenlesen entwickeln: Bitterböse kleine Gedankenwölkchen füllen auf diese Weise bald den Luftraum in der 1. Klasse, und in ihnen steht wahlweise »Unterschicht-Mutti«, »Sozialhilfe-Rudel«, »Freak« oder »hier fehl am Platz«. Schon bald erscheint auch der Schaffner und geleitet Sie galant zum Mutter-Kind-Abteil, wo es heimelig nach Windelwechsel riecht: Die Passagiere der 1. Klasse atmen auf.

Frum-Society Genau andersherum läuft dieses Szenario, wenn Sie im jüdischen Antwerpen wohnen, auch »Tschulent-Insel« genannt: Denn hier nimmt Sie unterhalb der Drei-Kinder-Grenze kein Mensch ernst. Vielmehr sollten Sie vier oder sechs Gören anstreben, um in der »Frum-Society« etwas zu gelten. Es empfiehlt sich zum Beispiel, zum Einkaufen stets eine eindrucksvolle Kinderschar mitzunehmen, widrigenfalls das Verkaufspersonal Ihnen keinerlei Beachtung schenken wird.

Zum Beispiel der Klamottenladen auf der Belgielei-Straße: Der an der Kasse stehende Belser Chassid, der mit über dem Tresen baumelnden Schläfenlocken in die neueste Ausgabe von »Tiferet« vertieft ist, ignoriert Sie stets geflissentlich. Wenn aber genügend Kids mit von der Partie sind, ist es, als ob Sie auf einmal die Batterien in einen Duracell-Hasen eingelegt hätten: Der Chassid sowie ein Trupp von Damen mit Scheitel, Tichel und fleischfarbenen Stützstrümpfen hoppeln aufgeregt um Sie herum und stopfen die Kleinen mit Bonbons voll. Außerdem kriegen Sie Prozente.

Shopping-Meile Natürlich dürfen Sie sich diese neu gewonnenen Sympathien nicht gleich wieder verscherzen. Es gilt bei den Schnäppchen-Shops der Belser, Satmarer und sonstigen Chassiden auf der Shopping-Meile: Fragen Sie nie, nie, nie nach roten Klamotten (böser Blick!) oder nach kurzärmeligen T-Shirts (»passt nisht«) oder im Schuhgeschäft nach Sandalen (ebenfalls »passt nisht«).

Im Supermarkt sollten Sie Ihren Kindern beibringen, Wangenkneifen und Haartätscheln der Schlange stehenden Sabas und Saftas geduldig zu ertragen und an der Kasse, nach dem Einsacken der reichlichen Gratis-Süßigkeiten und Bonbons, höflich »Shkojech« zu sagen. So viel zum Thema Etikette. Nach erfolgreicher Shopping-Tour packen Sie die Gören dann zusammen und gehen zu »Mamma Mia« koschere Pizza essen.

Und ob Ihre Kleinen dort non-stop nach Eiscreme quäken oder mit Mozzarella-Belag um sich werfen – Sie können sicher sein, dass kein Mensch auch nur mit der Wimper zucken wird. Sie fühlen sich endlich wie jemand, der im Leben einen Dauerplatz in der 1. Klasse gebucht hat.

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 29. Oktober bis zum 4. November

 28.10.2026

Nürnberg

Interaktives NS-Dokumentationszentrum öffnet

Nach fünf Monaten Probebetrieb wird das neu gestaltete Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg am kommenden Mittwoch feierlich eröffnet. Im Zentrum des Ausstellungskonzepts stehen Barrierearmut und ein multimediales Angebot

von Julia Riese  28.10.2026

Philologie

Mehr als Dolmetscher

Jüdische Übersetzer haben nicht nur zwischen den Sprachen vermittelt, sondern dabei auch eigene Denkformen geprägt

von Katharina Hillmann  27.10.2026

Bucerius Kunst Forum

Verstreute Meisterwerke

Eine Ausstellung in Hamburg vereint rund 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen aus 15 jüdischen Sammlungen und erinnert an den Kunstraub der Nationalsozialisten

von Edgar S. Hasse  27.10.2026

Kino

Wiener Blut

Ulrike Ottinger lädt in der Horrorkomödie »Die Blutgräfin« zum morbiden Vampirvergnügen und schwelgt in opulenten Bildern. Isabelle Huppert geht perfekt gestylt auf Beutezug

von Anna Maria Pahlke und Sophie Albers Ben Chamo  27.10.2026

Jerusalem

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Der israelische Jazz-Musiker Avishai Cohen hat sich für sein neues Album ein Buch des legendären Singer-Songwriters Leonard Cohen vorgenommen

von Imanuel Marcus  27.10.2026

Nachruf

»Star Trek«-Star Walter Koenig ist tot

Seine Rolle als Pavel Chekov hatte eine humoristische Funktion. Der Charakter sollte jüngere Zuschauer ansprechen

 27.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Rote Bänke, erschöpfte Katzen – ein Nachmittag in Amsterdam

von Margalit Edelstein  26.10.2026

Düsseldorf

50 Jahre Kiss in Deutschland: Doro Pesch feiert ihre Helden

Wegen Kiss fing Doro Pesch mit der Musik an. Später wurde der jüdische Bassist, Sänger und Bandleader Gene Simmons ihr Mentor. Seither ist ein halbes Jahrhundert vergangen

von Philip Dethlefs  26.10.2026