Glosse

Der Rest der Welt

Immer zwischen dem 3. und 15. Tag des Monats wünscht man drei verschiedenen Leuten »Schalom Aleichem«, und danach ist Party! Foto: Getty Images

Neulich, am Samstagabend. Ich war allein zu Hause, die Kinder bei Bnei Akiva, mein Mann noch in der Synagoge – wie jede Woche war ich auf dem Sofa eingedöst, da wurde ich auf einmal von einer ausgelassenen Party draußen auf der Straße aufgeweckt. Einer chassidischen Party, anscheinend, denn es drangen durchdringende, ausgelassene Rufe wie »Oyboyboy« und »Aydayday« durch das offene Fenster. Ungewöhnlich!

Ich trat ans Fenster, und tatsächlich, mitten auf der Straße hüpften einige Schtreimels happy im Kreis herum, und in der Mitte stand ein Typ, der besonders laut und falsch sang. Moment mal, die Stimme kam mir bekannt vor: Es war mein Mann, der sich da mitten auf der Straße mit den kühnsten Dance-Moves hervortat!

Man soll ja immer dann gehen, wenn es am schönsten ist.

Sofort rannte ich hinunter, und da waren auch schon meine Nachbarinnen in ihren Schabbes-Lounging-Outfits, und rockten dort in ihren Frottee-Roben und passenden Turbanen, und gleich nahmen mich zwei Mädels an der Hand und zogen mich in ihren Kreis, es war wirklich fantastisch. Gerade als die Party ihren Höhepunkt erreichte, begann ein wildes Gehupe von einer schlechtgelaunten Autokolonne, die wegen unserer Tanzaktion nicht durchkam. Aber naja, man soll ja immer dann gehen, wenn es am schönsten ist, also schnappte ich mir meinen Mann, und wir machten uns auf den Weg zurück in unsere Wohnung.

»Klasse Party, aber was haben wir da eigentlich gefeiert?«, fragte ich meinen Mann. »Wir haben den 15. des Monats«, meinte mein Mann nur kryptisch, und zeigte hoch zum Mond, der silbern am wolkenlosen Nachthimmel schien. Weil man dem Mann ja immer alles aus der Nase ziehen muss, fing ich an zu googeln, und es stellte sich heraus, dass ich gerade meinem allerersten »Kiddusch Lewana« beigewohnt hatte.

Sehr weise und tiefsinnig, das alles.

Immer zwischen dem 3. und 15. Tag des Monats, in einer wolkenlosen Nacht, wenn der Mond gut zu sehen ist, geht man zusammen hinaus, es werden Gebete und Psalmen gesprochen, und dann wünscht man drei verschiedenen Leuten »Schalom Aleichem«, und danach ist Party! Wunderschön, oder? »Das Licht des Mondes werde wie das Licht der Sonne und wie das Licht der sieben Schöpfungstage, so wie es vor seiner Verkleinerung war …«, sagt man während des Mond-Rituals, denn laut Talmud waren Sonne und Mond früher gleich groß, bis der Mond sich beschwerte, und dafür bestraft wurde. Sehr weise und tiefsinnig, das alles.

Aber wieso ist dieses Ritual in all den Jahren einfach unbemerkt an mir vorbeigegangen? Wie viele Kiddusch-Lewana-Partys habe ich versäumt! Mein Mann erklärte mir, dass wolkenlose Nächte mit guter Mondsicht zwischen dem 3. und 15. des Monats hierzulande eher selten sind – und dass sich die Party normalerweise hinten im Garten der Synagoge abspielt, nach dem Abendgebet, und da bin ich nun mal nie dabei, weil ich lieber zu Hause auf dem Sofa rumhänge und die Minuten zähle, bis ich nach Schabbat endlich Grey’s Anatomy weitergucken kann.

Vielleicht lade ich nächsten Monat einige Freundinnen auf meinen Balkon ein, zur Kiddusch-Lewana-Alternativparty. Wenn Sie auch mit dabei sein wollen, Sie wissen ja, wo Sie mich finden.

Be'eri

Nach dem 7. Oktober

Daniel Neumann hat den Kibbuz Be’eri besucht und fragt sich, wie es nach all dem Hass und Horror weitergehen kann. Er weiß, wenn überhaupt, dann nur in Israel

von Daniel Neumann  01.01.2026

Daniel Kahn

»Das Akkordeon war ein Schlüssel«

Der Musiker über seine Liebe zum Instrument des Jahres 2026

von Christine Schmitt  01.01.2026

Erhebung

Dieser hebräische Babyname ist in Deutschland am beliebtesten

Welche Namen geben Eltern ihren Sprösslingen in diesem Jahr am liebsten? In welchen Bundesländern gibt es Abweichungen?

 01.01.2026 Aktualisiert

Sehen!

Fast alles über Johann Strauss

Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Wien

von Tobias Kühn  31.12.2025

Shkoyach! Die Kulturkolumne

Der »Seinfeld«-Effekt oder: Curb your Antisemitism!

2026 kann ja heiter werden

von Sophie Albers Ben Chamo  31.12.2025

Sprachgeschichte

Rutsch, Rosch und Rausch

Hat der deutsche Neujahrsglückwunsch wirklich hebräische Wurzeln?

von Christoph Gutknecht  31.12.2025 Aktualisiert

Programm

Götter, Märchen und Le Chaim: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 31. Dezember bis zum 13. Januar

 31.12.2025

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 28.12.2025

Film

Spannend, sinnlich, anspruchsvoll: »Der Medicus 2«

Nach zwölf Jahren kommt nun die Fortsetzung des Weltbestsellers ins Kino

von Peter Claus  25.12.2025