Glosse

Der Rest der Welt

Foto: Getty Images

Glosse

Der Rest der Welt

Sukka-Fishing oder Sechs Stunden täglich auf dem Hometrainer

von Margalit Edelstein  06.11.2024 16:36 Uhr

Ich schreibe diese Zeilen von meinem Hometrainer aus, habe noch sechs Stunden vor mir, um die angefutterten Sukkot-Kilos wieder abzustrampeln. Das Fest war eine einzige Orgie aus Knisches, Kreplach und gefülltem Kraut! Ständig waren wir irgendwo eingeladen. Alles begann damit, dass unsere windschiefe Sukka letztes Jahr zusammengebrochen war und wir dieses Jahr ganz ohne Laubhütte dastanden.

So gab es zwei Möglichkeiten: entweder den »Walk of Shame« mit dem Einkaufswägelchen voller Selbstgekochtem zur Gemeinde-Sukka, wo dir alle mitleidsvolle Blicke zuwerfen (Armes Hascherl! Hat keine Sukka! Leider auch keine Freunde, die sie einladen könnten!). Oder sich ans Telefon hängen und Sukka-Fishing betreiben (»Seid ihr über die Feiertage da? Na sowas, wir auch! Leider haben wir dieses Jahr keine eigene Sukka … et cetera.«). Und ich muss sagen: Es war ein Volltreffer! Wir waren zu jeder Mahlzeit eingeladen.

Erster Abend: der Freiluft-Drahtseilakt auf der Balkon-Sukka der Nachbarn – eine Art freischwebende Hängebrücken-Kons­truktion. Wir saßen sozusagen direkt über dem Abgrund. Durch die Sukka-Fenster sah man – wie leuchtende Luft-Lampions – die vielen Hütten auf den anderen Etagen, untermalt vom melodischen »Oyboyboy« und »Aydayday« der chassidischen Nachbarn. Wirklich ein Erlebnis. Menü: Lachspastetchen, Rinderpoularde, Marzipan-Eis.

Erstes Mittagessen: die Honeymoon-Sukka in der romantischen Laubhütte unserer frisch verheirateten Freunde. Eine Art Barock-Boudoir, drapiert mit rotem Stoff, bedeckt mit Palmwedeln, von den Wänden lächeln sepiafarben die Uschpisin, die Gründerväter Abraham, Isaak und Jakob, auf Kunstdrucken von Rembrandt, Rubens, Caravaggio. Verliebte Blicke der beiden Lovebirds über einem Menü von Dorade au Citron Confit und sehr, sehr viel Alkohol.

Ich habe gegoogelt, dass ich allein schon durch das Schreiben dieses Artikels 100 Extra-Kalorien verbrannt habe.

Zweites Abendessen: die Nullnummer – Foodie-Freunde lockten uns mit »Chicken Marbella« aus dem Ottolenghi-Kochbuch. 24 Stunden mariniert, mit Datteln, Kapern und Oliven! Wegen des dreitägigen Jom Tov war der Kühlschrank dann allerdings so überladen, dass ein leckes Sahnetütchen auf das Hühnerwunder tropfte und daraus leider »Chicken a la treijf« wurde. Stattdessen gabʼs Würstchen mit Senf.

Zweites Mittagessen: das Zwiebelwunder mit einem unserer Freunde, der Doktorand an der Antwerpener Uni ist. Schwerpunkt: rheinländische Juden im Hochmittelalter. Die Deko ist inspiriert von der Sukka-Tradition der Rheinländer Juden: hängende Zwiebeln! Unser Freund ist ganz begeistert, dummerweise hat es aber in den letzten Tagen geregnet, und die Hängezwiebeln sondern eine eigenartige bräunliche Flüssigkeit ab, die gemächlich auf uns herabtropft. Menü: Poularde und Schokotorte mit Zwiebelgeschmack.

Drittes Abendessen: zu Hause auf dem Sofa. Menü: Alka Seltzer, Maaloxan, Kamillentee.

Ab dem dritten Tag: ab auf den Hometrainer (siehe oben). Ich habe gegoogelt, dass ich allein schon durch das Schreiben dieses Artikels 100 Extra-Kalorien verbrannt habe. Toll, oder? Any other ideas, wie ich meine Traumfigur zurückbekomme? Sie wissen ja, wie Sie mich erreichen können.

Programm

Urbane Ästhetik, cineastische Architektur und späte Aufklärung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 7. Mai bis zum 14. Mai

 06.05.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Imanuel Marcus, Bettina Piper  06.05.2026

Kino

Am Puls der Zeit

Gegen Polarisierung und Boykott: Das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg will den Blick weiten

von Ayala Goldmann  06.05.2026

Boston

Wegen israelischer Figur: Bestseller-Autorin Rebecca F. Kuang unter Druck

In ihrem neuen Werk »Taipei Story« schreibt sie in wenigen Sätzen über einen fiktiven, israelischen Musiker. Schon dies reicht für einen Sturm der Entrüstung

 06.05.2026

London

»Pinocchio« und »James Bond«: Kino zum Hören mit Josh Groban

Auch für Disney-Filme hat der Sänger ein Faible. Ein Duett hat ihn persönlich besonders berührt

von Philip Dethlefs  06.05.2026

New York

Daniel Radcliffe für Tony-Award nominiert

Daniel Radcliffe hat erneut Chancen auf die Ehrung. Für welches Stück ist der jüdische »Harry Potter«-Star diesmal nominiert?

 06.05.2026

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  05.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert

Auszeichnung

Marion-Samuel-Preis geht an Susanne Siegert für NS-Aufklärung

Die Augsburger Stiftung Erinnerung fördert Menschen, die sich gegen das Vergessen, Verdrängen und Relativieren der Nazi-Verbrechen wenden. Sie verleiht einen Preis, der mit viel Geld dotiert ist

von Christopher Beschnitt  05.05.2026