Glosse

Der Rest der Welt

Foto: picture alliance / Mary Evans/AF Archive/Universal

Ich bin nicht religiös aufgewachsen. Erst im Jünglingsalter wandte ich mich den jüdischen Gesetzen zu und fand Erfüllung in den Heiligen Schriften und den vielen Gesetzen. Richtig toll fand ich aber eigentlich nur diese Bärte der Rabbiner. Von jung auf wollte ich einmal einen Bart tragen. Zu Hause zeichnete ich in jeder freien Minute Rabbiner.

Wenn ich kein Schreibpapier mehr hatte, wich ich auf die Zeitungen aus. Michail Gorbatschow, Helmut Kohl und George Bush bekamen alle einen Bart. Und Schläfen­locken und schwarze Hüte. Am Ende sahen die drei wie weise Rabbiner aus, die über einer Talmudstelle brüteten.
Ich machte auch vor Frauen nicht halt. Wenn der Otto-Katalog kam, malte ich allen einen Bart, auch den Unterwäsche-Models. Ich denke, dahinter liegt bestimmt irgendwo eine psychische Störung. Aber ich war glücklich und nahm keine Drogen wie vielleicht andere Zehnjährige.
In der Badewanne legte ich den Schaum um mein Gesicht. Ich sah aus wie ein alter Rabbi in der Badewanne. Diese Momente zählen zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen.

Mit der Zeit wurden meine Zeichnungen immer besser. Ich lernte verschiedene Bartformen zu zeichnen. Bart ist ja nicht gleich Bart. Es gibt ordentliche Bärte und es gibt solche von Pennern. Ich versuchte immer, ordentliche Bärte zu zeichnen. Ich machte das im Bus, in der Schule, eigentlich überall. Mit 15 Jahren wuchs dann langsam bei mir selbst ein Bärtchen an. Oder wie man bei uns in der Schweiz sagt: ein Bärtli. Aber sehr langsam. Erst mit 20 hatte ich meinen ersten richtigen Bart. Ich ließ ihn wachsen und pflegte ihn. Meine Faszination für den Glauben verschwand ein wenig, aber meinen Bart behielt ich.

Ich begann auch zu experimentieren. Ich hatte schon einen Ziegenbart, Henriquatre, Knebelbart und natürlich Vollbärte, die einfach in der Pflege sind. Man lässt die Haare einfach wachsen.

Nun habe ich eine neue Bartform für mich entdeckt. Den Schnauz, der in den 80er-Jahren sehr beliebt war. Tom Selleck ist Ihnen sicher ein Begriff. So sehe ich jetzt aus. Vor allem Frauen aus dem osteuropäischen Raum gucken mich nun ganz anders an.

Viele meinen, ein Schnauz passe nicht zu mir. Ich sei nicht männlich genug, eher ein Softie. Andere machen sich lustig über mich. »Pornobalken«, sagen sie dazu. Doch mit jeder Kränkung wächst mein Widerstand, den Schnauz zu entfernen.

Ich weiß, die Weltlage ist momentan aus dem Lot. Es gibt wichtigere Dinge als meinen Schnauz. Einverstanden. Könnte man vielleicht meinen Schnauz einfach akzeptieren? Keine Kommentare und so? Danke, Ihr Tom Selleck.

Journalismus

Neuer Georg Stefan Troller Preis ehrt Beiträge über jüdisches Leben

Er hat einst das Interview-Format revolutioniert. Ein neuer Journalisten-Preis wird im Namen des im September 2025 gestorbenen Schoa-Überlebenden Georg Stefan Troller ausgeschrieben

 20.03.2026

Genuss

Koschere Frühlingsblumen

Warum der Sederabend für Weinliebhaber kein Albtraum mehr sein muss

von Jacques Abramowicz  20.03.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  20.03.2026

Literatur

Eine schrecklich nette Familie

Aus Schweden kommt ein jüdischer Berlin-Roman von Anna Brynhildsen

von Frank Keil  20.03.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  20.03.2026

Jugendbuch

Zwei Jungen und die Liebe

Julya Rabinowich erzählt in »Mo & Moritz« eindringlich, aber auch plakativ von einer Beziehung zwischen einem Juden und einem Muslim

von Katrin Diehl  20.03.2026

Johannes Becke

Nachdenken über Israel

Ist der jüdische Staat als ein Teil Europas oder des Nahen Ostens zu verstehen? Der Autor gibt in seinem Buch profunde und überraschende Antworten

von Ralf Balke  20.03.2026

Dana von Suffrin

Wutgeburt

»Toxibaby« erzählt von einer toxischen deutsch-jüdischen Beziehung

von Katrin Diehl  20.03.2026

Siri Hustvedt

Ihr Lebensmensch

In einem tieftraurigen und wunderschönen Erinnerungsbuch nimmt die Schriftstellerin Abschied von ihrem Mann Paul Auster, der 2024 an Krebs starb

von Katrin Richter  20.03.2026