Glosse

Der Rest der Welt

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Schabbat im Sommer – eisgekühlte Langeweile

von Beni Frenkel  08.07.2023 22:53 Uhr

Schabbat im Sommer ist keine Freude. Endlos zieht sich der Tag, der Ruhetag will kein Ende finden. Erst um halb elf darf man wieder an den Rechner und in die Badewanne. Früher haben mir die vielen Schabbatgesetze wenig ausgemacht. Ich habe gelesen, aber vor allem geschlafen. Nun sind die Kinder größer. Sie sitzen gelangweilt in der Wohnung herum. Ihr Lieblingssatz lautet: »Können wir Schabbat heute ausnahmsweise um sieben Uhr beenden?« Oder sie gucken auf die Uhr und seufzen: »Noch zehn Stunden!«

Wir essen viel Eis. Das hilft dann für eine halbe Stunde. Dann fängt das Jammern wieder an: »Noch neuneinhalb Stunden!«

langeweile Ich finde Langeweile eigentlich etwas Schönes. Man kommt auf andere Gedanken und erfindet urplötzlich ein Gerät oder kommt auf einen lustigen Reim. Leider kann man die Einfälle nicht aufschreiben wegen der Schabbatgesetze. Man könnte die Ideen aber immer laut aufsagen und wiederholen.

Gegen Abend leiden unsere Kinder sehr. Es dunkelt bereits, aber die Uhr zeigt, dass der Schabbat erst in vier Stunden aufhört. Am liebsten würde ich meine Kinder in den Arm nehmen und mit ihnen weinen. Die armen Geschöpfe. Im Tiefkühlfach gibt es noch ein bisschen Eis. Wir kratzen mit dem Löffel die letzten Reste aus, und dann gucken wir alle auf die Uhr. Der Sekundenzeiger zieht extra langsam seine Runden. Das Mädchen beginnt zu heulen. »Warum, Gott, plagst du uns so?« Der Junge wird aggressiv. Er guckt in den Kalender. Nächste Woche dauert der Schabbat nochmal fünf Minuten länger!

tapferkeitsmedaillen Ich überreiche den Kindern Tapferkeitsmedaillen. Eigentlich wollte ich sie erst um halb elf aushändigen. Aber ich sehe doch, wie sehr sie leiden. Wir sitzen im Kreis und gucken uns die Medaillen an, auch ich trage eine. Es sind kleine Kartonkreise mit einem Loch in der Mitte. »Für herausragende Leistungen« habe ich überall hingeschrieben, auch auf der Rückseite. Beim Mädchen habe ich außerdem ein Einhorn gemalt. Beim Jungen einen Tiger. Sie sollen die Auszeichnungen mit Stolz tragen. Der Junge, er ist 15, wirft den Orden auf den Boden. Auch noch undankbar!

Irgendwann ist es zehn Uhr. Draußen alles dunkel, jetzt nur noch eine halbe Stunde aushalten. Wir sind alle müde und könnten auf der Stelle einschlafen. Aber es dauert immer noch eine halbe Stunde.
Dann, das Ende ist nah. Noch eine Minute. Ich renne zur Atomuhr im Arbeitszimmer. »10, 9, 8«, brülle ich, »7, 6, 5, 4, 3, 2, 1 – Schabbat aus.« Wo ist die Champagnerflasche? Niemand antwortet. Alle eingeschlafen.

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