Glosse

Der Rest der Welt

Foto: Getty Images

Glosse

Der Rest der Welt

Begegnungen der dritten Art oder Mit Israelis im Fitnessstudio

von Ayala Goldmann  08.06.2023 08:37 Uhr

Unfreundliche Leute kann ich nicht leiden. Wenn mein Kollege – was zum Glück nur sehr selten vorkommt – morgens nicht grüßt, ist mir der halbe Tag verdorben. Manchmal brauche ich bis zur Mittagspause, um wieder ins Lot zu kommen. Deshalb versuche ich nach Kräften, positiv zu wirken, zu lächeln – und vor allem immer nett zu grüßen. Ob es mir gelingt? Fragen Sie meine Kolleginnen und Kollegen. Ich fürchte, auf meinem Grabstein wird stehen: »Sie bemühte sich immer, freundlich zu sein!«

Um mich von dieser ständigen Anstrengung zu erholen, gehe ich dreimal die Woche ins Fitnessstudio. Dort powere ich mich beim Langhanteltraining aus. Oder beim Kriegstanz der Maori. Leider macht zu viel Sport offenbar auch nicht glücklich. Aus dem Gleichgewicht bringen mich vor allem Israelis, die mir im Studio über den Weg laufen.

frauen-umkleide Unlängst saß ich in der Frauen-Umkleide und wollte meine Turnhose anziehen, als eine wütende Frau meinen Weg kreuzte und mich mit schwerem hebräischen Akzent maßregelte. Was mir einfiele, den Raum zu kontaminieren? Zugegeben, ich war barfuß und hatte kein Handtuch untergelegt. Aber seit wann regiert in Wilmersdorf die Hygienepolizei? Weil mir zur Rechtfertigung nichts einfiel, rannte die Israelin zum Personal des Studios, um Konsequenzen gegen mich zu fordern.

Da ist mir die Sicherung durchgebrannt. Ich zischte sie an – auf Hebräisch! –, ich sei froh, nicht in Zeiten der Blockwarte zu leben. Im heutigen Deutschland seien Denunziationen nicht mehr angesagt! Das könne sie sich ein für alle Mal merken! Die Frau war so perplex, dass sie gar nichts mehr erwiderte. Seitdem habe ich sie nicht mehr beim Langhanteltraining gesehen.

So war das aber nicht beabsichtigt, ich bin für die Integration von Migrantinnen, sofern sie sich an die Spielregeln halten! Falls die Israelin wieder einmal in der Umkleidekabine auftaucht, stelle ich ihr zur Versöhnung eine Flasche »Economica« vor den Schrank. Wer den Stoff nicht kennt: Es handelt sich um israelische Chlorbleiche, die ganze Bakterienstämme auslöschen kann. Übrigens arbeite ich auch hart an mir selbst. Seit dem Vorfall gehe ich nicht mehr ohne Badeschlappen ins Fitnessstudio!

überschriftenkonferenz Ein anderer Israeli hatte neulich das Pech, mich zwei Stunden nach der Überschriftenkonferenz auf dem Laufband anzutreffen – ein schlechter Zeitpunkt für entspannte Gespräche. »Hallo«, sagte der Ärmste. »Ich will nicht über Arbeit reden!«, herrschte ich ihn an. Der Mann suchte das Weite. Ich habe mich später entschuldigt. Noch besser wäre es gewesen, von vorneherein freundlich zu sein, dann bräuchte ich keine Abbitte zu leisten …

Es gibt aber tatsächlich Leute, die mir im Fitnessstudio Themen für Artikel andrehen wollen (»Warum habt ihr nicht berichtet?«) und nicht begreifen, dass auch Berufsjüdinnen den Feierabend brauchen, sonst sind sie morgens nicht mehr in der Lage, ihre Kolleginnen angemessen zu grüßen. Aber das ist vielleicht nur eine Ausrede. Wir möchten doch alle freundlich sein. Die Frage ist bloß: Warum sind wir es dann nicht?

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  08.09.2026

Philosophie

Zwischen Mensch und Maschine

Vor rund 100 Jahren kam Hilary Putnam 1926 in Chicago zur Welt. Der amerikanische Denker revidierte regelmäßig seine Positionen. Seine Philosophie ist überraschend dialogisch – was eine wenig bekannte judaistische Perspektive eröffnet.

von Richard Blättel  08.09.2026

Jubiläum

60 Jahre »Star Trek«: Faszinierend!

Vor 60 Jahren landete das Raumschiff »Enterprise« in den US-Wohnzimmern - und damit auch ein jüdischer Segen

von Alexander Brüggemann  08.09.2026

Kino

Wie ein Holocaust-Überlebender in Ostfriesland Frieden fand - Doku über die letzten Lebensjahre von Albrecht Weinberg

Albrecht Weinberg überlebte den Holocaust und wollte Deutschland für immer den Rücken kehren. Doch zum Ende seines Lebens fand er in seine Heimat Friedland zurück. Ein neuer Dokufilm zeigt seine letzten Jahre

von Kira Taszman  08.09.2026

Literatur

Shortlist für Deutschen Buchpreis veröffentlicht

Dana Vowinckel und Shida Bazya sind für die Auszeichnung nominiert – der Preisträger wird am 5. Oktober bekanntgegeben

 08.09.2026

Kommentar

Warum der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nie wieder »Nie wieder!« sagen sollte

Wer Antisemitismus nur dort bekämpft, wo es bequem ist, bekämpft ihn nicht – und wer wie im Fall Maha El Hissy konkrete Vorwürfe nicht ernsthaft prüfen will, sollte aufhören, zu erklären, wie ernst er diesen Kampf nimmt

von Andreas Büttner  08.09.2026

Deutschland

Schoa-Überlebende und Antisemitismusbeauftragte rechnen mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Maha El Hissy ab

Die Hintergründe

 08.09.2026

»Imanuels Interpreten« (24)

Stan Getz: Der Saxofon-Poet

Wenn Getz live spielte, wollten alle da sein und zuhören. Der Vollblutmusiker kämpfte jedoch über Jahrzehnte hinweg mit Dämonen, die ihn zerstörten

von Imanuel Marcus  08.09.2026

Der deutsch-brasilianische Philosoph Carlos Fraenkel

Potsdam

Philosoph Fraenkel neuer Direktor des Potsdamer Einstein-Forums

Das Einstein-Forum in Potsdam hat mit dem Philosoph Carlos Fraenkel einen neuen Direktor. Für seine Zeit formuliert er deutliche Ziele

von Benjamin Lassiwe  07.09.2026