Finale

Der Rest der Welt

Neulich stand ich in einem leicht trashigen Spielzeuggeschäft in Ra’anana – wer sie nicht kennt: eine beschauliche Kleinstadt nordöstlich von Tel Aviv – und war ratlos: Keines der über 200 Purim-Kostüme schien mir passend für meinen kleinen Sohn. »Verkleiden Sie ihn doch als Ninja!«, versuchte die Verkäuferin mir zu helfen. »Das ist dieses Jahr der absolute Renner!« Ich schaute auf das Kostüm – eine dunkle Kutte mit Augenschlitzen – und lehnte dankend ab. Meinen dreijährigen Sohn in das Gewand eines fernöstlichen Spions zu stecken – was für eine abwegige Idee! Die Grusel-und Monsterverkleidungen missfielen mir ebenfalls.

Alle anderen Kostüme befand ich für zu machohaft. Doch auch die biblischen Gewänder erschienen mir zu plakativ: Weder mochte ich mir meinen Sohn als »Mosche Rabbejnu« im weißen, wehenden Kittel (die Gesetzestafeln waren in Goldfaden aufgestickt) vorstellen, noch als »Mordechai Ha-Yehudi« mit schwarzem Bart, strenger Miene und einem Barett auf dem heldischen Haupt. Gleich nebenan an der Stange baumelte eine Miniaturuniform für Vierjährige in Khaki – ein Kampfpiloten-Kostüm im »Zahal«-Stil mit Helm. Auch nicht das Richtige für den einzigen Sohn eines Kriegsdienstverweigerers. Was sollte ich dem Kleinen bloß mitbringen?

Tiger Mum Als ich mich den Tierverkleidungen zuwandte, kam mir die rettende Idee: Mein Sohn robbt in der letzten Zeit ständig durch die Wohnung und behauptet, er sei ein Tiger. Mich bezeichnet er als seine »Tiger-Mama« – obwohl es mir natürlich fern liegt, meinen Sohn so zu triezen wie eine gewisse Chinesin, die mit ihren harten Erziehungsmethoden jeder jüdischen Mamme die Tränen in die Augen treibt. Statt eines teuren Ganzkörperkostüms erstand ich also einen Tigerschwanz und zwei Tigerohren für 9,99 Schekel und beschloss, ein T-Shirt mit schwarzgelben Streifen zu bemalen und den Rest des Kostüms in Berlin selbst zu gestalten.

Doch nun haben wir auch noch Glück: Im Kindergarten gibt es einen Jungen, der schon letztes Jahr als Tiger ging, und das Kostüm passt meinem Sohn wie angegossen. Bei der Purimparty in der Kita und in der Synagoge wird er eine fantastische Figur machen. Vielleicht sollte ich mir auch ein Tigerkostüm zulegen? Bei manchen Berliner Purimpartys sind dieses Jahr zwar Gorillamasken und Lianenschaukeln angesagt. Aber man muss ja nicht jeden Trend mitmachen.

Lego-Ecke Vom Gottesdienst werde ich wahrscheinlich wie immer nur Bruchteile mitbekommen, weil mein Sohn es ablehnt, alleine in der Kinderbetreuung zu bleiben. Maximal drei Minuten, nachdem ich den Betraum betreten habe, kommt der Kleine an und zieht mich am Ärmel, um mich wieder in die Lego-Ecke zurückzuholen. Aber was das Purimwochenende angeht, hat die synagogale Anhänglichkeit auch Vorteile.

So können wir uns vor der Tora-Lesung an Schabat Zachor drücken und uns stattdessen in die Lego-Ecke verziehen. Und ich werde mich an Purim auf Haman konzentrieren und muss meinem Sohn nicht auch noch erklären, wer Amalek, der Finsterling war. Denn eigentlich finde ich: Ein Schurke pro Feiertag reicht.

Berlin

Jüdische Kulturtage müssen Hauptausstellung absagen

Wegen einer Finanzierungslücke fällt die Ausstellung aus. Die Jüdische Gemeinde kritisiert die Förderentscheidung des Senats

 12.10.2026

Jugendbuch

Zwei Mädchen im Winter 1947

Die amerikanische Schriftstellerin Holly-Jane Rahlens schreibt über Freundschaft in der Berliner Nachkriegszeit

von Katrin Diehl  12.10.2026

Slata Roschal

Der Autor ist tot

Sie las beim Bachmannpreis und verließ den Saal – in ihrem neuen Roman rechnet sie mit dem Literaturbetrieb ab

von Frank Keil  12.10.2026

Boris Schumatsky

Geografie der Entwurzelung

Der Berliner Schriftsteller erzählt von seiner Mutter, dem russischen Krieg gegen die Ukraine und vom Verlust jeglichen Halts bei Paul Celan

von Alexander Kluy  12.10.2026

Sachbuch

Treffpunkt der Egomanen

Christian Buckard erzählt die Geschichte des legendären »Romanischen Cafés« und seiner jüdischen Bohème

von Leon Stork  12.10.2026

Tomer Gardi

Auf der Spur der Fahrradkuriere

Der israelische Autor verfolgt in seinem neuen Roman Lieferketten – und widmet sich den Menschen, die per App gerufen werden

von Sophie Albers Ben Chamo  12.10.2026

Sachbuch

Jerusalem für Anfänger

Geht es um die Gegenwart, verliert sich Dietmar Pieper in Tagespolitik

von Ralf Balke  12.10.2026

Frankfurt am Main

Auszeichnung für Journalisten und Buchautoren

Der Georg-Stefan-Troller-Preis für die Berichterstattung über jüdisches Leben wurde erstmals verliehen. Mit Mascha Malburg und Joshua Schultheis sind auch zwei JA-Journalisten unter den Ausgezeichneten

 11.10.2026

Frankfurt am Main

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Philippe Sands überreicht

Der Völkerrechtsanwalt forderte in seiner Rede ein Ende angeblicher »Debattenbeschränkungen« in Deutschland

 11.10.2026