Glosse

Mit Fahne, aber bitte ohne Hammer

Foto: Getty Images/iStockphoto

Glosse

Mit Fahne, aber bitte ohne Hammer

Wie ich Jom Haazmaut in Berlin feiere

von Ayala Goldmann  22.04.2023 21:25 Uhr

Viele Jahre habe ich Jom Haazmaut nicht mehr in Israel gefeiert. Auch diesmal wird es nichts mit der legendären Party auf dem Dach meines Lieblingscousins in Tel Aviv. Denn ebendieser Cousin ließ mir gerade ausrichten, sein Grill sei kaputt. Da kann man nichts machen, ich bleibe also in Berlin.

75 Jahre Israel – darauf werde ich in der Diaspora mit meinen Freundinnen und Verwandten anstoßen. Vielleicht ist das auch gut so. Wo sonst könnte man sich den jüdischen Staat noch schöner trinken, als er sowieso schon ist? Auch in dieser Beziehung war auf meinen Cousin früher mehr Verlass. Sein jordanischer Arak ist legendär, aber das letzte Mal, als ich ihn in Tel Aviv besuchte, schenkte er statt Arak Ouzo aus.

ouzo Nichts gegen Ouzo, aber es ist nicht der gleiche Geist wie in der Arak­flasche unserer Cousins von gegenüber (ich meine die Jordanier).
Den ganzen Tag nach dem israelischen Ouzo hatte ich Kopfschmerzen. An Jom Haazmaut also wieder echter Arak! Zum Glück komme ich in Berlin mindestens genauso leicht an jordanischen Stoff wie in Tel Aviv. In der deutschen Hauptstadt musste ich noch nie erleben, dass mich jemand bei einer Jom-Haazmaut-Party mit einem Plastikhammer attackieren wollte oder mir Klebespray in die Haare sprühte.

Sorry, aber für manche israelischen Bräuche fühle ich mich einfach zu alt. Unsere Feinde – möge ihr Name ausgelöscht sein – behaupten, an Jom Haazmaut zeige sich einmal wieder deutlich die Mentalität des zionistischen Gebildes und seiner Bewohner. Ein Volk, das sich am Jahrestag seiner Staatsgründung gegenseitig mit Hämmern auf den Kopf schlägt!

Wir Galutjüdinnen und -juden lieben uns doch alle und halten immer zusammen. Und zu Israel!

Das ist natürlich totaler Quatsch – vor 75 Jahren, als Ben Gurion den Staat Israel proklamierte, gab es noch keine Plastikhämmer. Die sind eine blöde Marketing­idee und ideologisch vollkommen unterkomplex, wie man das heute so nennt. Vielleicht sollte die israelische Regierung die quietschenden Hämmer trotzdem aus dem Verkehr ziehen – oder wenigstens dafür sorgen, dass sie auf den Köpfen der Antisemiten landen statt auf den Häuptern der eigenen Landsleute. Geht es vielleicht ein bisschen harmonischer?

diaspora Da sind wir Juden in der Diaspora doch ganz anders gestrickt. Niemals würde ein liberaler Jude einem Orthodoxen irgendein Werkzeug über die Rübe ziehen – geschweige denn, umgekehrt.

Wir Galutjüdinnen und -juden lieben uns doch alle und halten immer zusammen. Und zu Israel! Apropos: Es gibt Jom-Haazmaut-Bräuche, die ich nicht missen möchte. Tut mir leid, liebe Veganerinnen und Veganer: Ich grille sehr gern, und zwar nicht nur Paprika und Zucchini. Und ich zeige gern die Flagge mit dem Davidstern, vor allem, wenn es nötig ist. 75 Jahre nach Gründung des Staates Israel ist es nötiger denn je – ob in Berlin oder in Tel Aviv.

Meine Fahne liegt griffbereit, der Grill steht auf dem Balkon, den Arak hole ich gleich aus dem Gefrierfach. LeChaim, Israel! Auf das Leben! Auf die Freiheit! Auf die Demokratie! Auf die nächsten 75 Jahre! Und auf viele, viele Jahre danach!

Kinder

Noah, Ben oder Lea?

Warum sich biblische Namen im deutschsprachigen Raum großer Popularität erfreuen

von Nicole Dreyfus  26.08.2026

Ludwigshafen

Neue Ausstellung zu Ernst und Karola Bloch: Fotografische Reise

Eine neue Schau in Ludwigshafen zeigt das ereignisreiche Leben der Familie Bloch zwischen Exil und Heimatsuche anhand des fotografischen Nachlasses – in privaten und öffentlichen Momenten

von Norbert Demuth  26.08.2026

Nachruf

Großmeister der ausgreifenden Erzählung

Mit seinen Epochenromanen prägte er das literarische Bild Europas. Nun ist der vielfach ausgezeichnete Autor Peter Nadas gestorben

von Gregor Mayer  26.08.2026

Bremen

Philosophin Lea Ypi erhält Hannah-Arendt-Preis 2026

Die albanisch-britische Philosophin Lea Ypi erhält den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken 2026. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wird im Dezember im Bremer Rathaus verliehen

 26.08.2026

70 Jahre »Bravo«

Dr. Sommers Vermächtnis

Von 1969 bis 1984 war der Arzt Martin Goldstein »Dr. Sommer«, einer der wohl berühmtesten Ratgeber, den der deutsche Journalismus je hatte

von Hanna Persson  26.08.2026

Programm

Vortrag, Führung, Finissage: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 27. August bis zum 3. September

 26.08.2026

Nachruf

Wie Dolly Parton zur Ikone wurde

Die Country-Legende Dolly Parton ist tot. Dass sie zu einem weltweit verehrten Star wurde, lag auch an ihren jüdischen Freunden und Geschäftspartnern

von Sophie Albers Ben Chamo  26.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 26.08.2026 Aktualisiert

Kommentar

Unpolitisch war gestern

Der ESC unterliegt künftig neuen Regeln für Krisenstaaten, Israel kann nach wie vor am Wettbewerb teilnehmen. Noch ist das keine Lex Israel. Aber der Eindruck entsteht

von Nicole Dreyfus  26.08.2026