Glosse

Der Rest der Welt

Habe Schloss, suche Schlüssel Foto: Getty Images/iStockphoto

Glosse

Der Rest der Welt

Auf der Suche nach Schlüsseln und Schlössern

von Margalit Edelstein  19.12.2021 06:17 Uhr

Manchmal glaube ich, dass 50 Prozent meiner Zeit mit Suchen draufgehen. Vor allem Schlüssel sind meine persönlichen Stressfaktoren: Hausschlüssel, Fahrradschlüssel und Büroschlüssel verschwinden, ich weiß nicht wie, mit schöner Regelmäßigkeit und verwandeln mich dann in ein fieberhaft suchendes Nervenwrack.

Diesmal ist es der Schlüssel meines Arbeitszimmers, der spurlos verschwunden ist. Ich habe die ganze Wohnung durchgesucht, doch vergebens. Wenn ich mein Büro nicht abschließe, spaziert regelmäßig die ganze Bande rein und stört mich beim Arbeiten. Dieser Schlüssel ist wichtig! Hat irgendjemand ihn gesehen? Nein? Habe sogar schon das Türschloss abfotografiert und an mehrere Internet-Schlüsseldienste geschickt, Schlüsselmarke SENCY steht da drauf.

billigmarke Man wird doch wohl diesen Schlüssel nachkaufen können? Nein, kommt die Antwort per WhatsApp. SENCY ist irgendeine Billigmarke, da muss ein neues Schloss her.

Ich lasse also unseren Handwerker kommen, unser ergrautes, zittriges, kettenrauchendes Faktotum namens Pavel, um ein neues Schloss zu installieren. Das neue Teil scheint irgendwie zu groß zu sein, »aber kein Problem«, nuschelt Pavel, Zigarettenstummel im Mundwinkel, »das kriegen wir hin«.

Einige Stunden und Dutzende Zigaretten später ist die Tat vollbracht. Pavel schließt triumphierend die Tür hinter sich und wendet sich zum Gehen.

Nach stundenlangem Schaben und Raspeln liegt ein stattliches Häufchen Sägemehl neben der Bürotür, aber Pavel bekommt das Schloss immer noch nicht montiert. Einige Stunden und Dutzende Zigaretten später ist die Tat vollbracht. Pavel schließt triumphierend die Tür hinter sich und wendet sich zum Gehen. Aber Moment! Ich kriege sie jetzt von innen nicht mehr auf! Hilfe! Verzweifelt hämmere ich gegen die Tür. »Kein Problem«, nuschelt Pavel von der anderen Seite, »das kriegen wir hin.«

heidengeld Weiteres Raspeln, Schaben und Hämmern. Nach einer halben Stunde wird es langsam dunkel. Endlich bin ich befreit, aber jetzt hängt das Schloss locker, und die Tür geht nicht mehr zu. Pavel verschwindet, um neue Zigaretten zu holen und verspricht, morgen wieder vorbeizuschauen. Die ramponierte Tür klappert die ganze Nacht und macht mich wahnsinnig. Am Morgen taumele ich zum Telefon und rufe den Schlüsselservice an, der innerhalb kurzer Zeit für ein Heidengeld das Schloss austauscht.

Einige Wochen später ereignet sich ein kleiner Unfall vor meinem Büro, eine Rollerfahrerin war in ein parkendes Auto reingefahren, lag nun auf der Straße, wollte sich wieder hochrappeln. »Liegen bleiben, nicht bewegen!« Meine Kolleginnen und ich sprangen hinzu (wir hatten gerade einen Erste-Hilfe-Kurs abgeschlossen!). Wir riefen sachkundig einen Krankenwagen, zwangen das (eigentlich ganz muntere) Opfer vorsichtshalber zum Liegenbleiben, deckten es sorgsam mit unseren Mänteln zu.

Ein kurzes »Pling«, irgendetwas fällt aus meinem Mantel. Und auf der Straße, neben unserer Patientin, glänzt ein kleiner Schlüssel der Marke SENCY. Da biegt auch schon der Krankenwagen um die Ecke, das Unfallopfer grapscht sich geistesabwesend den Schlüssel, wird in den Wagen gehievt und entschwindet. Liebes Unfallopfer, falls Sie das lesen: Sie können den Schlüssel ruhig behalten. Pavel bringt Ihnen gerne das passende Schloss vorbei.

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026

Kulturkolumne

»Konti: Mission BRD«

Meine Bewältigung der Einwanderung nach Deutschland: Wie ich als Immigrant ein Brettspiel entwickelte

von Eugen El  12.02.2026

Hollywood

Rachel Weisz spielt in Neuauflage von »Die Mumie« mit

Beim dritten Teil hatte die Schauspielerin eine Mitwirkung abgelehnt, da sie das Drehbuch nicht überzeugt hatte. Auf den neuesten Film müssen Fans noch etwas warten

 12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026

Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Wieder läuft keine israelische Produktion im Wettbewerb. Dafür finden sich viele jüdische und israelische Perspektiven im gesamten Programm

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Berlinale

»Wir wollen die Komplexität aushalten«

Wenn die Welt um einen herum verrücktspielt, helfen nur Offenheit und Dialog, sagt Festivalchefin Tricia Tuttle

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Meinung

Oliver Pochers geschmacklose Witze über Gil Ofarim

Der Comedian verkleidet sich auf Instagram als Ofarim und reißt Witzchen über die Schoa. Während echte Komiker Humor stets als ein Mittel nutzen, um sich mit den Schrecken und Abgründen dieses Verbrechens auseinanderzusetzen, tritt Pocher nur nach unten

von Ralf Balke  11.02.2026

Nachruf

Israels verkanntes Musikgenie

Unser Autor hörte Matti Caspi schon als Kind bei einem Konzert im Kibbuz. Eine persönliche Erinnerung an den Sänger und Komponisten, der mit 76 Jahren an Krebs gestorben ist

von Assaf Levitin  11.02.2026