Finale

Der Rest der Welt

Auf der Alm – da gibt’s koa Sünd Foto: Getty Images / istock

Finale

Der Rest der Welt

Ein ganz entspannter Sommer oder Auf der Alm – da gibt’s koa Sünd

von Ayala Goldmann  18.07.2019 11:01 Uhr

Grüne Almen, sanft läutende Kuhglocken, idyllische Wanderwege – und das alles ohne Smartphone: Das einzige Medium, das im Sommerurlaub an mich herankam, war die Lokalzeitung der deutschsprachigen Südtiroler. Was für ein tiefenentspanntes Blatt!

Bergkur Zwei Wochen lang nicht ein Wort über Antisemiten, auch der Nahostkonflikt wurde nur gestreift. Eine Schlagzeile verkündete: »Wieder vier Schafe gerissen«, wobei der Übeltäter ein Wolf war; Gülle-Unfälle und fast ertrunkene Kinder im Schwimmbad füllten halbe bis Dreiviertelseiten. Jetzt bin ich schon eine Woche zurück im Büro und immer noch völlig gelassen. Mir scheint: Die Bergkur war erfolgreich!

Allerdings hatte ich während meines Urlaubs einen kleinen Rückfall, den ich schwer büßen musste. Unvorsichtigerweise habe ich einem Miturlauber während einer Wanderung erzählt, dass ich für eine jüdische Zeitung arbeite. Der berichtete mir daraufhin begeistert, er habe neulich einen tollen Vortrag von einem beeindruckenden jungen Juden gehört, der für eine wichtige Friedensinitiative in Berlin arbeitet.

Eine Wanderung bis auf 2400 Meter ist für eine Berlinerin eine geradezu hochalpine Tour.

Ich versuchte, mich diplomatisch mit der Bemerkung zu retten, dass ich im Urlaub nicht über Politik rede. Leider war meine Laune trotzdem dahin. Später, als die Luft schon dünner wurde, sollte ich einem anderen Wanderer meinen Standpunkt zum Jüdischen Museum Berlin erläutern. Ich muss mich gut geschlagen haben, denn ich bekam zu hören: »So steht das aber nicht in der Zeitung!«

Knie Ich habe nicht gefragt, welche Zeitung er meint, sondern mich lieber auf den Weg konzentriert. Kein leichter Job, denn 900 Höhenmeter sind nichts für einen erfahrenen Bergwanderer, aber viel für Redakteurinnen, deren Waden- und Oberschenkelmuskeln durch Schreibtischarbeit völlig verkümmert sind. Warum habe ich nicht früher mit dem Wandern angefangen, als die Knie noch in Schuss waren?

Egal, ich habe es trotzdem auf die Hütte geschafft – auf fast 2400 Meter Höhe, für eine Berlinerin eine geradezu hochalpine Tour. Dass die Zusammenstellung der Brettljause (Speck und Käse) nicht wirklich den Kaschrut-Vorschriften entsprach, wollte ich gegenüber meinen Mitwanderern nicht auch noch heraushängen lassen. Man darf sich doch nicht ständig überanstrengen. Ein Rückfall pro Urlaub ist definitiv genug!

Die Zusammenstellung der Brettljause entsprach nicht wirklich den Kaschrut-Vorschriften.

Nach zwei Tagen Muskelkater war ich wieder in Form und erzähle seitdem allen, die es hören wollen, von meiner sportlichen Höchstleistung. Weil ich in Zukunft noch lockerer werden möchte, ist mein nächster Südtirol-Urlaub schon gebucht.

Allerdings gibt es ein Problem: Jom Kippur fällt mitten in die Herbstferien. Was macht man da bloß? Wandernd fasten? Fastend wandern? Das Sündenbekenntnis unter dem Gipfelkreuz rezitieren, falls ich es jemals bis dort oben schaffe?

Mir fällt dazu nur eines ein: »Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd, weil do da Pfarrer net aufi­kimmt.« Hilft mir nicht wirklich weiter, aber bis zum nächsten Urlaub habe ich ja noch Zeit, darüber nachzudenken. Ganz entspannt.

Berlin

Verschollene Golem-Filmmusik feiert Berliner Erstaufführung

Der Komponist Hans Landsberger, ein späteres Holocaust-Opfer, hatte die sinfonische Begleitmusik für den Film geschrieben. Seine Komposition gilt als Meilenstein in der Entwicklung der Filmmusik

 28.09.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Wöchentliche Papierflut oder Die kleinen verkannten Kunstwerke

von Nicole Dreyfus  27.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  27.09.2026

Fernsehen

Adolf und seine »Akte«

Die fünfte Staffel von »Babylon Berlin« spielt 1933 zur Zeit von Hitlers Machtergreifung. Unterhaltung mit politischem Anspruch, aber stimmen die Fakten?

von Ayala Goldmann  27.09.2026

Meinung

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismusleugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  25.09.2026

"Es ist kein Einzelfall, dass jungen Frauen die Kette mit dem Davidstern vom Hals gerissen wird": Ute Cohen

Literatur

Kein Licht im Club der Versehrten

Ute Cohen zeigt in ihrem neuen Roman »Willents Brut« wie die deutschen Dämonen in einer Nachkriegsfamilie zerstörerisch nachwirken

von Stefan Meetschen  25.09.2026

Berlin

Vor 70 Jahren lief »Das Tagebuch der Anne Frank« auf deutschen Bühnen

Ihr Tagebuch gehört zur Weltliteratur. Das gleichnamige Theaterstück polarisierte dagegen

von Nikolas Ender  25.09.2026

Yotam Ottolenghi

Auch einfach lecker

Der israelisch-britische Koch hat sein neues Buch »Simple Too« in Berlin vorgestellt

von Katrin Richter  25.09.2026

Frankfurt

Jüdische Gemeinde Frankfurt erhöht Druck auf Hessischen Rundfunk

Im Streit um das in der NS-Zeit enteignete Grundstück der örtlichen B’nai-B’rith-Loge stehen nun auch personelle Konsequenzen im Raum

 25.09.2026