Glosse

Der Rest der Welt

Mein erster richtiger Einkauf als Berlinerin Foto: Getty Images / istock

Zugegeben: Supermärkte und ich, wir haben ein spezielles Verhältnis zueinander. Ich liebe sie, besonders Filialen im Ausland. Sie vermitteln einem viel über das jeweilige Land. Wenn ich durch die Gänge schlendere, denke ich darüber nach, wie es wäre, dort zu leben, und was ich für Freunde kochen könnte. Deswegen war ich auch so aufgeregt, als ich zum ersten Mal in einen deutschen Supermarkt ging – irgendetwas musste ich ja hier essen.

Vor vier Jahren, als Neuberlinerin, habe ich viel Zeit darin investiert, mir das korrekte Supermarkt-Vokabular anzueignen. Ihnen kann ich es ja sagen: Bei meinem ersten Ausflug in einen superschicken Biomarkt benötigte ich gefühlt zwei Stunden, um ganze zehn Produkte zu finden. Mann, war ich stolz! Allerdings wusste ich da noch nicht, was mir bei kommenden Einkäufen blühen würde.

kaufland Ich kam ein paar Wochen vor Weihnachten nach Deutschland. Für mich als Jüdin, die bis dahin weder einen richtigen Winter, geschweige denn ein Fest im Winter erlebt hatte, war das grandios. Zwei Tage, bevor alle Läden schlossen, ging ich zu Kaufland. Mir schwante Böses: drängelnde Menschen, lange Schlangen – also etwa so wie in Israel vor den Hohen Feiertagen. Zu meiner Überraschung war alles entspannt.

Klar gab es lange Schlangen, und aus den Lautsprechern quäkten Weihnachtslieder, aber es war mein erster richtiger Einkauf. Alles lief wie geschmiert. An der Kasse zog die Kassiererin mein Eingekauftes in Lichtgeschwindigkeit über den Scanner, sodass ich gar nicht so schnell hinterherkam, die Sachen einzupacken.

Plötzlich allerdings verdunkelte sich ihr Blick. Sie hielt zwei Äpfel in der Hand. Zwei nicht abgewogene Äpfel. Zwei von mir nicht abgewogene Äpfel. Ich war irritiert. Jemand aus der Schlange sagte auf Englisch zu mir, dass ich das Obst abwiegen müsse. Kurz entschlossen gab ich der Kassiererin zu verstehen, dass ich die Äpfel doch nicht so dringend bräuchte.

miene Ihre Miene verfinsterte sich. Also musste ich in den sauren Apfel beißen und mich an den anderen Kunden vorbeiquetschen, um das Obst abzuwiegen. Augenrollen und hörbares Grummeln begleiteten mich dabei. Und so waren dann auch alle recht unerfreut, als ich nach einer kleinen Weile – na ja, ich wusste nicht richtig, wie die automatische Waage funktionierte – lächelnd wieder zurückkam. Lächelnd, weil ich dachte, nun sei alles gut. Weit gefehlt.

Denn nun zeigte sie auf die Zitrone. Und da war er wieder, dieser Blick. Beim zweiten Mal war ich schneller wieder an der Kasse. Komplett entmutigt setzte ich mich draußen erst einmal auf den Bordstein und weinte. Ich schwor mir: Deutsche Supermärkte würden mich nicht unterkriegen. Seitdem bin ich extrem fokussiert und leicht unfreundlich, wenn ich einkaufen gehe. Vor dem Bezahlen halte ich mein Geld, meine Payback-Kundenkarte und mindestens zwei nicht abgewogene Produkte bereit. Denn die müssen sie dann extra an der Kasse abwiegen. Das verlangsamt das Ganze.

Ich halte direkten Augenkontakt und sage beim Herausgehen freundlich, aber passiv-aggressiv: »Schönen Tag noch!« Verstehen Sie mich nicht falsch: Einkaufen außerhalb von Deutschland ist toll. Doch eines muss man den unangenehmen Situationen in den Supermärkten lassen: Durch sie bin ich eine richtige Berlinerin geworden. So, und jetzt schreibe ich erst einmal meine nächste Einkaufsliste.

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