Finale

Der Rest der Welt

Nicht irgendeine Taube: Nein, Jung-Taube in Ausbildung Foto: Getty Images

Ich habe da diese Freundin, die ist so eine Art Lichtgestalt, eben ein Sonntagskind, Lisa heißt sie. Lisa ist einfach durch und durch erfreulich, an ihr ist kein Quentchen Missgunst oder Selbstsucht. Wenn sie einen Raum betritt, breitet sich so ein spontanes kollektives Lächeln aus. Putzfrauen, Kiosk-Besitzer, herrenlose Hunde und Busfahrer sind ihr sklavisch ergeben. Einmal zum Beispiel, in Tel Aviv, ist uns ein Bus vor der Nase weggefahren. Meine Freundin winkte dem Fahrer mit einem bezaubernden Lächeln, der Bus bremste quietschend, um meine Freundin Lisa doch noch einsteigen zu lassen. Warum passiert mir so was nie?

Neulich durfte ich wieder mal Lisas Traumwohnung benutzen, während sie im Urlaub war. Den Schlüssel bewahrte einer der ihr treu ergebenen Kiosk-Besitzer um die Ecke auf. Unterwegs erreichte mich dann noch ein Anruf von Lisa. Sie wollte mir dringend sagen, dass auf ihrem Balkon momentan eine verirrte Taube Zuflucht gefunden hat. »Verirrte Taube?«, denke ich. Am besten gleich den Hals umdrehen und auf einem Bett von gedämpften Kartoffeln servieren. Oder lieber Taubengift ausstreuen. Oder einen Kammerjäger rufen? Mistvieh, dreckiges! Ich hasse Tauben. Tun wir doch alle, oder?

Züchterverein Aber nein, nein! Diese Taube hat sich verirrt! Sie trägt einen Ring am Fuß. Sie ist eine Brieftaube! Lisa hat natürlich gleich den Brieftauben- oder den Taubenzüchterverein angerufen und wichtige Tipps zur richtigen Taubenaufnahme, -betreuung und -pflege eingeholt. Es handelt sich um eine Jung-Brieftaube in der Ausbildung.

Irgendwas muss sie sehr erschreckt und verwirrt haben. Ein Habicht vielleicht? Und dann sucht so ein kleines Tier natürlich die Nähe der Menschen. Derer, die ihm Gutes wollen. Verschämt senke ich den Kopf und nehme per Telefon letzte Anweisungen entgegen. Bitte reichlich Vogelfutter auf dem Balkon ausstreuen (Vogelfutter? Sie hat dem Vieh extra Futter aus der Fachtierhandlung besorgt?). Auch Wasser nicht vergessen, und bitte ständige WhatsApp- Updates, falls sich was ändert.

Ich komme in der Traumwohnung an, den sonst so perfekten Balkon zieren einige zartweiße Taubenhäufchen. Aber sonst: von dem Vogel keine Spur. »Die Taube hat schon ausgecheckt!«, whatsappe ich. Meine Kinder streuen hoffnungsvoll das letzte Bisschen Vogelfutter aus. Grummelnd blättere ich auf dem Balkon in der Zeitung. Fühle mich auf einmal irgendwie beobachtet. Ein Paar schwarz glänzender stecknadelkopfgroßer Augen mustert mich. Ich streue ein paar Körner aus. Die Taube blinzelt nervös. Höflich schiebe ich meinen Stuhl beiseite, um sie an den Wassernapf zu lassen.

Klassik Und dann wird es richtig gemütlich. Die Taube liebt anscheinend klassische Musik aus der CD-Sammlung meiner Freundin. Sie mag kleine Kinder, findet Zeitungsrascheln und Kaffeeduft auf dem Balkon ebenso anregend wie wir, denn sie weicht uns das ganze Wochenende nicht von der Seite. Meine Kinder sind begeistert. Als es am Sonntagmorgen ans Aufbrechen geht, wirkt die Taube sichtlich nervös.

Wir füllen den Futternapf zum letzten Mal auf. Irgendwas sitzt mir in der Kehle. Ich schließe die Tür hinter mir. Arme kleine Taube! So ganz allein. Da bemerke ich einen weißen Taubenklecks auf dem Ärmel meines Lieblings-T-Shirts. Mistvieh, dreckiges! Ich HASSE Tauben! Dem nächsten Vieh, das mir begegnet, dreh’ ich den Hals um, BEVOR es mein Lieblingsteil verdreckt! Und das, sehen Sie, ist der Unterschied zwischen mir und meiner Freundin Lisa.

Länger leben

Forscher drehen die biologische Uhr zurück

Israelischen Wissenschaftlern gelingt es, Alterungsprozesse in Lebern alter Mäuse umzukehren. Der Traum von der Verjüngung erscheint damit zumindest auf molekularer Ebene denkbar

von Sabine Brandes  23.06.2026

Social Media

Von Saftpäckchen und Zahlencodes

Auf der Online-Plattform TikTok versteckt sich Judenhass häufig hinter Zahlencodes, Emojis und Hashtags. Eine neue Studie untersucht die Besonderheiten des digitalen Antisemitismus

von Leon Stork  23.06.2026

Los Angeles/New York

Hitler-, Grusel- und Helden-Parodien: Mel Brooks wird 100

Nur wenige haben einen Oscar, Emmy, Tony und Grammy gewonnen. Das jüdische Multitalent Mel Brooks zählt dazu. Jetzt wird der Komiker und Regisseur 100 - und zeigt, dass er noch immer Menschen zum Lachen bringt

von Barbara Munker  23.06.2026

Kommentar

Wer kann das noch ernst nehmen?

Immer mehr zeigt sich: Anmoderation und Exekution von Unwahrheiten und falschen Fakten vor einem Millionenpublikum sind kein ärgerlicher Ausrutscher, sondern gezielte Agitation

von Daniel Killy  23.06.2026

Essay

Fallstricke des Wokeismus

Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte bilden ein berechtigtes Korrektiv, aber was über Israel verbreitet wird, bedarf grundlegender Korrekturen

von Richard Blättel  22.06.2026

Hören

»Amalie’s Cosmos«

Die in Paris geborene Harfenistin Anne-Sophie Bertrand stellt eine deutsch-jüdische Salonnière ins Zentrum ihres neuen Albums

von Claudia Irle-Utsch  22.06.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  22.06.2026

Jubiläum

Mit diesen prominenten Weggefährten feiert Wolf Biermann seinen 90. Geburtstag

Der legendäre Liedermacher wird am 15. November 90 Jahre alt

 22.06.2026 Aktualisiert

Kulturkolumne

Warum ich bei Fußball im Fernsehen besonders gut einschlafe

Hinter dem Phänomen steckt eine lange Familiengeschichte – unsere Autorin nimmt Sie mit auf eine Zeitreise

von Maria Ossowski  22.06.2026