Finale

Der Rest der Welt

Haste Töne! Der Berliner Bär mit einem Schofar

Endlich ein Fastentag für alle Berliner? Ein Journalist ist mit einem gut gemeintem Vorschlag vorgeprescht: Die Hauptstadt soll Jom Kippur als offiziellen Feiertag einführen. »Beim mosaischen Versöhnungsfest bitten die Juden all jene um Verzeihung, mit denen sie sich im vergangenen Jahr gestritten und gezankt haben.

Das Fest besäße somit auch für Christen, Atheisten, Muslime und die anderen Weltanschauungen einen echten Mehrwert«, schreibt der Kollege im Berliner »Tagesspiegel«. Zudem wären die Antisemiten gezwungen, ein jüdisches Fest zu begehen, was ihnen sicherlich nicht schaden würde.

Antisemiten Den Antisemiten wohl kaum. Im Gegenteil, wahrscheinlich würden die Antisemiten am staatlich verordneten Versöhnungstag in die Synagogen drängen, wo sie uns alsbald in Diskussionen über unsere Mitschuld an der israelischen »Apartheid« verwickeln würden – während wir doch nur in Ruhe unsere privaten Sünden büßen wollen.

An Jom Kippur ist strenges Fasten angesagt – 25 Stunden ohne Essen und Trinken. Muslime, die den Ramadan gewöhnt sind, könnten damit eher klarkommen als die den Kirchen entfremdete deutsche Hauptstadtbevölkerung, die den Begriff »Fastenzeit« längst aus ihrem kulturellen Bewusstsein gestrichen hat. Es wäre aber doch sehr ungerecht, wenn an Jom Kippur Biodeutsche mit Bio‐Currywurst oder eingebürgerte Deutsche mit Schwarma im Brot hungrigen Juden vor Synagogen auflauerten und sie zu Gesprächen über Versöhnung nötigten.

Vielleicht würde es dazu führen, dass sich an diesem Tag noch mehr Juden den Blicken der Öffentlichkeit entziehen, was Gershom Scholem einst trefflich mit den Worten beschrieb: »Für die Herren Fastenden ist im Hinterzimmer angerichtet.«

»Grill der Versöhnung« Außerdem ist Arbeit an Jom Kippur strikt verboten – der Senat bräuchte aber jüdische Freiwillige, die zusammen mit Christen, Muslimen und Atheisten vor dem Roten Rathaus den »Grill der Versöhnung« (bio/koscher/halal) anwerfen, während der Regierende Bürgermeister den Berlinerinnen und Berlinern »Gmar Chatima Towa« wünscht. Wollen wir das?

Nein! Das Schöne an Jom Kippur ist doch, dass dieser Feiertag nur uns gehört. Wir alleine entscheiden, ob wir fasten oder nicht, mit wem wir uns versöhnen und mit wem wir weiter streiten. Wir sind unserer eigenen Welt, während die anderen ihrem Alltag nachgehen. Und schließlich sollte man das Versöhnungspotenzial der Juden nicht überbewerten.

Vielleicht kennen Sie den alten Witz? Ein Jude kommt an Jom Kippur nach der Neila zu seinem ehemaligen Kompagnon, mit dem er das ganze Jahr im Streit lag. Er streckt die Hand zur Versöhnung aus und sagt mit freundlichem Lächeln: »Ich wünsche dir alles, was du mir wünscht!« Der Ex‐Kompagnon zuckt zusammen: »Fängst du schon wieder an?«

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