Finale

Der Rest der Welt

Meine Mutter hat mir die »Diamanten-Affäre« aus der Hamburger jüdischen Gemeinde vor vielen Jahren erzählt, und ich hatte sie fast vergessen. Doch in den 29 Monaten, in denen unser Sohn die Kita der Jüdischen Gemeinde zu Berlin besucht hat, kam mir die Brilli-Geschichte wieder in den Sinn. Es muss Mitte der 60er-Jahre gewesen sein.

Meine Mutter, Mitte 20, war frisch zum Judentum konvertiert und lebte zusammen mit meinem Vater, einem Israeli, in Hamburg-Eppendorf. Wenn sie, was selten genug vorkam, an den gesellschaftlichen Ereignissen der Hamburger Gemeinde teilnahm (ich vermute, es waren der Purim- und der Chanukka-Ball), hefteten sich die Augen der alteingesessenen jüdischen Frauen – die meisten von ihnen Sefardinnen – auf den schmucklosen Hals und die billigen Ohrringe meiner Mutter.

Und dann fragten sie mitleidig: »Kauft dein Mann dir denn keine Brillanten?« Mein Vater, der bis heute (jedenfalls formal) immer noch Kibbuz-Mitglied ist, hat über solche Fragen nur gelacht. Meine Eltern gingen zu linken Demonstrationen und wollten die Welt verbessern. Statussymbole interessierten sie nicht die Bohne.

Ohrringe Leider bin ich in dieser Beziehung anfälliger. Die Kita-Eingewöhnung meines Sohnes gab mir Gelegenheit, den Schmuck jüdischer Mütter ganz aus der Nähe zu betrachten – und der Hang zu Diamanten, vor allem in der russischen Community, war unverkennbar. Wobei ich in der Delbrückstraße eher kleinkarätige Steine diagnostizierte – ich vermute mal, dass die Sefardinnen im Hamburg der 60er-Jahre weitaus bombastischere und teurere Schmuckkreationen zur Schau stellten. War es eine Frage des Geschmacks? Warum ich nach gut zwei Jahren in der Kita zu dem Schluss gekommen bin, ebenfalls einen echten Anhänger und ein Paar echter Ohrringe erwerben zu müssen, weiß nur Gott allein. Statussymbole waren mir nie in meinem Leben wichtig.

Ich fahre ein altes Auto, trage alte Jeans und habe einen Mann geheiratet, der mir all seine Zeit und seine Liebe schenkt, unseren Sohn jeden Abend badet und ihm jeden Morgen die Milchflasche gibt, während ich weiterschlafen darf – dem neue Klamotten aber absolut nichts bedeuten und der es völlig absurd finden würde, mir einen Anhänger aus echtem Stein um den Hals zu hängen. Doch es war offenbar mein Hang zum Konformismus, der sich Bahn gebrochen hatte. Ich wollte unbedingt ein funkelndes Steinchen als Anhänger tragen. Und zwei weitere als Ohrstecker. Gesagt, getan. Ich schlug bei Karstadt zu. Praktisch sind vor allem die Ohrringe – ich vertrage das Weißgold bestens und muss sie nicht einmal zum Duschen ablegen.

Hübsch sind sie auch. Meine alte Freundin A. (eine eingeschworene taz-Leserin) hat allerdings verächtlich die Nase gerümpft und mir zu verstehen gegeben, dass nur elende Spießer echte Steine tragen. Und mein Göttergatte hat es bis heute nicht einmal gemerkt, dass ich Zirkonia gegen Mini-Diamanten vertauscht habe. »Schöner Anhänger«, sagte er heute Morgen unvermittelt zu mir. Ach, hätte ich doch auch so eine unbestechliche Seele!

Solingen

100 Porträts jüdischer Künstlerinnen im Zentrum für verfolgte Künste

Die Ausstellung erzählt von künstlerischen Lebenswegen zwischen Krieg, Verfolgung und Neubeginn, wie das Museum ankündigte

 11.03.2026

Programm

Kakaniens Kinder, Jakobs Zelte und Israels Superfood: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 12. bis zum 19. März

 11.03.2026

Filmfestival von Cannes

Barbra Streisand erhält Ehrenpalme

Das jüdische Multitalent gewann zehn Grammy Awards, zwei Oscars und elf Golden Globes. Nun kommt eine weitere Ehrung hinzu

 11.03.2026

TV-Tipp

»Doctor Strange in the Multiverse of Madness« bei ProSieben

Fortsetzung des Superheldenfilms um den titelgebenden Magier

von Jan Lehr  11.03.2026

Lanz und Precht

»Irgendwie so bombt man sich das Ganze am Ende zurecht«

In ihrem wöchentlichen Podcast versuchen sich Talkmaster Markus Lanz und Philosoph Richard David Precht an einer Analyse der Hintergründe des Irankriegs – und scheitern gewaltig

von Michael Thaidigsmann  11.03.2026

Berlin-Neukölln

Wer ist dieser Mann?

Er lehrte arabische Schüler die Geschichte des Holocausts, organisierte einen Austausch mit Israelis und hielt Drohungen stand. Hudhaifa Al-Mashhadanis Geschichte faszinierte die Medien, begeisterte Politiker und schenkte ihm das Vertrauen jüdischer Organisationen. Aber ist alles daran wahr?

von Mascha Malburg  11.03.2026

TV-Tipp

Die Puppe mit dem Hitlergruß: Das turbulente Leben der Unternehmerin Käthe Kruse

»Ich kauf‘ Euch keine Puppen - macht Euch selber welche!« Max Kruses junge Geliebte nahm diese brüske Absage wortwörtlich und wurde berühmt. Arte zeichnet die bewegte Biografie von Käthe Kruse nach

von Manfred Riepe  11.03.2026

Amulette

Erfurter Ausstellung zeigt israelische Kunst

Die Galerie Waidspeicher zeigt Werke israelischer Künstlerinnen und 555 Hamsa-Amulette aus Jerusalem. Das Motiv der Hamsa in Form einer geöffneten Hand ist im Judentum, im Islam und im Christentum gebräuchlich

von Matthias Thüsing  10.03.2026

München

Ermittlungen zu Nazi-Parole gegen Fleischhauer eingestellt

Der Kolumnist bedient sich bei einem Podcast eines Slogans der Nationalsozialisten, um damit den AfD-Nachwuchs zu kritisieren. Deshalb wird gegen ihn ermittelt - jedoch nicht besonders lang

 10.03.2026