Finale

Der Rest der Welt

Seit das Kölner Landgericht sich zum Retter des Abendlandes und die Brit Mila für illegal erklärt hat, bin ich eine begehrte Interviewpartnerin. Als Mutter eines Sohnes, der vor drei Jahren im Jüdischen Krankenhaus beschnitten wurde (das den Eingriff jetzt vom OP-Plan abgesetzt hat), habe ich zu diesem Thema einiges zu sagen. Zum Beispiel, dass ich meinem Sohn mit der Beschneidung vor Augen führen wollte, zu wem er gehört: zu einer jüdischen Familie.

Dass es dem Kleinen aber natürlich freisteht, der Mischpoche den Rücken zu kehren, falls er irgendwann genug von ihr hat. Ich wette darauf, dass die fehlende Vorhaut unsere religiösen Konkurrenten nicht davon abhalten wird, den Jungen in ihren Reihen willkommen zu heißen, sollte er auf die Idee kommen, Buddhist, Maoist oder Christ werden zu wollen. Schließlich, so argumentierte ich in einem Radiointerview, sei selbst Jesus beschnitten gewesen und habe dennoch eine neue Religionsgemeinschaft ins Leben gerufen.

ästhetik Es gibt allerdings Dinge, die man in einem öffentlich-rechtlichen Interview nicht sagen kann. Nämlich: Beschnittene Männer sehen einfach besser aus. Das werden die Unbeschnittenen nie verstehen, aber es ist so. Mit dieser Meinung bin ich unter Jüdinnen nicht alleine. Neulich in der Synagoge habe ich ein Gespräch mit angehört, bei dem alle Frauen die Brit Mila als Schönheitsoperation bezeichneten. Aber vielleicht sollten wir das für uns behalten, sonst werden in Kürze Männergruppen für Opfer jüdischer Frauengewalt ins Leben gerufen. Und männerbewegte Theologen werden beweisen, dass hinter der Brit Mila eine Frau steckt: Denn als sie Abraham aufforderte, sich zu beschneiden, übte sie bloß.

Ein weiteres geplantes Interview mit einer großen Wochenzeitung, die alle jüdischen Kindergärten in Berlin abgeklappert hatte, platzte allerdings, als sich herausstellte, dass ich nicht schwanger bin und nichts zu dem Dilemma von Eltern sagen kann, die gerade verzweifelt einen Mohel suchen.

Dafür wurde ich neulich im Volkspark Schöneberg angequatscht. »Du machst doch jüdische Sendungen?«, sagte ein Vater am Sandkasten. »Kann ich dich mal was fragen?« Dann wollte er wissen, welche Rolle das Judentum den Gojim einräume – die Ägypter seien ja bereits ins Meer geworfen worden. Ich murmelte etwas von den noachidischen Geboten und dass Gott im Prinzip nichts gegen Gojim habe, im Gegenteil.

»Du bist mir jetzt doch nicht böse?«, fragte der Mann. »Gar nicht, ich finde es gut, dass wir offen darüber reden«, versicherte ich, ganz aufgeschlossene Jüdin: »Ich dachte schon, du willst über die Beschneidung diskutieren.« »Und?«, fragte mein Bekannter und schaute schamlos in Richtung meines Sohnes, »habt ihr euch einer kriminellen Handlung schuldig gemacht?« Da hatte ich genug von den offenherzigen Gesprächen. »Das ist Privatsache«, sagte ich, nahm meinen Kleinen an der Hand und zog von dannen.

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