Finale

Der Rest der Welt

Kennen Sie eigentlich den Duracellhasen? Das hyperaktivste Kuscheltier der Welt, neonrosa und mit Powerbatterien bestückt, flitzt wie auf Speed durch die Fernsehkulisse und ist auch dann noch am Abdancen, wenn alle anderen Bunnys schon völlig scholle in den Seilen hängen. Der Duracellhase und ich haben vieles gemeinsam: Auch ich flitze in irrsinnigem Tempo durch die Landschaft.

Ab morgens um sechs Uhr können Sie mich dabei bewundern, wie ich mit der linken Hand Frühstücksstullen in wartende Kinderschlünde stopfe, die Kaffeemaschine anschmeiße, noch eben ein Hemd bügle, sämtliche Kleinteile in Form von Münzen, Schlüsseln, Bahntickets einsammle und umverteile … und abends das ganze Programm im Rückwärtslauf abziehe, Kinder aus Schuluniformen pelle, in die Dusche schleife und und und …

entspannung Wenn die Batterie leer ist und ich mich endlich auf allen vieren zum Sofa schleppe, wartet dort schon mein Mann mit der neuesten Folge von Game of Thrones, die wir uns unbedingt gemeinsam reinziehen müssen. »Zur Entspannung«, wie er sagt. Nachdem ich eine Stunde lang grausamste Metzeleien, Hochspannung und umherfliegende blutige Eingeweide auf dem Bildschirm überlebt habe, liege ich irgendwann mit wummerndem Herzschlag und zitternden Extremitäten im Bett und kann nicht einschlafen. Und am nächsten Morgen bin ich ein Wrack. So geht es nicht weiter!

Kollegen im Büro empfehlen mir abends zur Entspannung den allerneuesten Hit auf Netflix: Slow TV zum Entschleunigen, damit man endlich wieder abschalten und richtig gut schlafen kann! Hier werden die slowsten Aktivitäten der Welt in Echtzeit gefilmt und ausgestrahlt. Zum Beispiel 18 Stunden Lachsfischen in der dänischen Provinz. Oder die Feuerholznacht, bei der man zusehen kann, wie tonnenweise Holz gehackt, getrocknet und gestapelt wird, um dann die ganze Nacht auf dem Bildschirm wohlig knisternd vor sich hin zu brennen. Oder auch die schönsten Zugstrecken der Welt: sieben Stunden von Oslo nach Bergen, nur Gleise, leere Bahnsteige, viel viel Wasser und grünste Landschaft!

entschleunigung Zu dieser Entschleunigungs-Top-Ten möchte ich eine weitere Attraktion hinzufügen: Nichts wirkt auf mich so beruhigend und einschläfernd wie der Blick von der Frauenempore der Synagoge hinunter auf die wogende Masse der schockelnden, vor sich hin summenden Betergemeinschaft, unterbrochen nur vom melodisch vor sich hin orgelnden Chasan und dem endlosen Schwadronieren des weißbärtigen Rabbiners.

Während der Feiertage zum Beispiel kann man stundenlang beobachten, wie mehr und mehr Mitglieder der Kehilla einen glasigen Blick bekommen und schließlich sanft wegpennen. Nichts ist entspannender! Ich kann es kaum abwarten. Die Chagim starten ja etwas spät dieses Jahr, Stichtag ist der dritte Oktober. Ich zähle schon die Tage.

Hintergrund

Claudia Roth und der »unfassbare Druck vom Zentralrat«

Die Ex-Kulturstaatsministerin bezeichnet es als »totalen Fehler«, auf der Berlinale Regisseure wegen ihrer israelfeindlichen Aussagen kritisiert zu haben und sucht dafür die Schuld beim Zentralrat der Juden

von Michael Thaidigsmann  05.11.2026

Interview

»Ich bin von Natur aus kein glücklicher Mensch«

Die Schriftstellerin Nele Pollatschek verrät im Gespräch zu ihrem neuen Buch, wie sie gelernt hat, das Leben bewusster und positiver wahrzunehmen – ohne die Augen vor dem Leid der Welt zu verschließen

von Katrin Richer  05.11.2026

Kulturkolumnne

Bis 120 oder Wie wir doch noch zu Muskeljuden werden

In der heutigen Zeit ziehen körperliche Optimierungstrends nicht spurlos an uns vorbei. Sollen wir uns davon beherrschen lassen?

von Laura Cazés  05.11.2026

Kino

Im Angesicht der Schmerzen, der Angst und Scham

»Block 10« beleuchtet die medizinischen Experimente an Frauen in Auschwitz – und versteht sich auch als eine Antwort auf die Gegenwart

von Chris Schinke  05.11.2026

London

Banal, schlicht und ironisch

Julia Pascals Theaterstück »The Banality of Evil: Hannah Arendt, France, 1940« erzählt von Hannah Arendt, Charlotte Salomon und Eva Daube als deutsche Jüdinnen in Frankreich und ihrem Leben zwischen zwischen Exil, Gefangenschaft und Überlebenskampf

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  05.11.2026

Geburtstag

Wider die Gedankenlosigkeit: Wolf Biermann wird 90

Als junger Mensch war für ihn die DDR das bessere Deutschland. Doch bald wurde Lyriker und Liedermacher Wolf Biermann ihr schärfster Kritiker. Auch nach der Ausbürgerung blieb er ein wacher und kritischer Geist. Am 15. November wird er 90

von Thomas Bickelhaupt  05.11.2026

Meister der Melancholie

Leonard Cohen: »Jikan der Stille« lebte seine Religion - und auch eine andere

Seine Lieder sind geheimnisvoll, oft düster - und doch von beklemmender Schönheit. Leonard Cohen war nie zu greifen, mit niemandem zu vergleichen. Vor zehn Jahren ist er gestorben

von Alexander Brüggemann  05.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über den legendären Sänger

von Jan Lehr  05.11.2026

Sehen!

»Doitscha – Alles geht vorüber«

Die Tragikomödie »Doitscha – Alles geht vorüber« in der ARD beruht auf einem Buch von Adriana Altaras

von Pascal Beck  04.11.2026