Finale

Der Rest der Welt

Neben Glutenintoleranz und Veganismus macht gerade das Thema Helikoptermütter auf Berliner Spielplätzen seine Runde. Helikoptermütter, das sind per definitionem überambitionierte, überängstliche, sich in alles einmischende Glucken, die ihren Nachwuchs möglichst ohne Narben und negative Erfahrungen durch Kindheit und Jugend bringen möchten.

Großer Aufschrei, große Aufregung, jeder hat etwas zu sagen. Man müsse die Kinder doch in Ruhe lassen, man dürfe sich nicht in ihre Privatsphäre einmischen, man störe damit eine gesunde Charakterbildung. Dazu kann ich als Tochter einer jüdischen Mutter nur sagen: Ihr Helikoptermütter seid allesamt Amateure.

Allwissend Wer weiß, wovon ich spreche, wird mir sicherlich zustimmen. Denn was plötzlich als Phänomen neuzeitlicher Milleniums-Eltern abgestempelt und missmutig beäugt wird, gehört innerhalb der meisten jüdischen Familien nicht nur zur Tagesordnung – die allwissende Mutter wird toleriert, akzeptiert und zelebriert. Oder wie sonst lässt sich erklären, dass sich unter den Nobelpreisträgern der letzten 100 Jahre überdurchschnittlich viele Juden befinden?

Natürlich ließe sich das auf angeborene Intelligenz zurückführen. Ich meine jedoch, dass der jüdische Mutter-Mossad einen nicht unerheblichen Teil dazu beigetragen hat. Mit Desinteresse, Respekt vor persönlichen Befindlichkeiten und Rücksicht auf eigenständige Entscheidungen lassen sich nun einmal keine Genies produzieren.

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie meine Mutter oft wutentbrannt das Telefon in die Hand nahm und mir, da es mir oftmals peinlich, sehr peinlich war, den Weg über sämtliche bürokratischen Hürden ebnete. Wie Lehrer plötzlich kleinlaut Fehleinschätzungen einräumten, Strafzettel fürs Falschparken wie von Zauberhand verschwanden und mein Bruder und ich sowieso immer die Besten und Schönsten waren.

Fristen Kann man diese Art der Erziehung von außen anprangern? Natürlich! Interessiert es eine jüdische Mutter? Nicht die Bohne! Auch heute noch bietet sie mir an, meine Finanzbeamtin anzurufen, wenn ich mich lauthals über unfaire Fristen beschwere. Und ich bin mir sicher, dass meine jüdische Mutter es schaffen würde, diese – weder unfairen noch unangebrachten – Fristen zu verschieben. Während unserer täglich mehrfach geführten Telefonate schaffe ich es jedoch mittlerweile, sie dankend davon abzuhalten.

So kann man als Spross einer jüdischen Mutter nur kopfschüttelnd danebenstehen, wenn sich zwei Großstadtsingles über diese angeblichen Helikoptermütter lustig machen. Denn wir sind jene, die durch die wirklich harte Schule häuslicher Daten-, Magen- und Gefühlsüberwachung gegangen sind.

Wenn Helikoptermütter demnach hysterische Muttis sein sollen, die ihren Finns, Lunas und Leopolds mit Desinfektionsspray über den Spielplatz hinterherlaufen, dann sind unsere Mütter wohl eine andere Liga: die Air Force One der Mutterliebe, die jedem Helikopter mit einem Mal die Luft aus den Rotorblättern schlagen könnte.

Danke, Mama!

Berlin

Ruin und Rausch - Schau zeigt Berlin-Leben der 1910er und 20er Jahre

Glamour, Armut, Aufbruch: Die Neue Nationalgalerie Berlin zeigt mit »Ruin und Rausch«, wie Berlin in den 1910er und 20ern zwischen Glanz und Absturz, Chaos und Ekstase lebte. Was das »Babylon Berlin«-Lebensgefühl prägte

von Karin Wollschläger  24.04.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richter, Sabine Brandes, Imanuel Marcus  24.04.2026

Gesundheit

Brauchen Babys Fleisch?

Forscher der Ben-Gurion-Universität werfen ein neues Licht auf weit verbreitete Vorstellungen

von Sabine Brandes  24.04.2026

Kunst

Der Augenmensch

In Frankfurt zeigt das Jüdische Museum in einer Kabinettausstellung mehr als 200 Werke des Malers und Zionisten Armin Stern

von Eugen El  24.04.2026

Aufgegabelt

Schnelle Atayef

Rezept der Woche

von Katrin Richter  24.04.2026

Film

Maggie Gyllenhaal wird Jury-Chefin der Filmfestspiele von Venedig

In dieser Rolle darf die Regisseurin und Darstellerin sie über den Goldenen Löwen entscheiden

 24.04.2026

Venedig

Jury der Biennale schließt Israel und Russland von Preisvergabe aus

Solange Farkas und die anderen vier Jurorinnen erklären, sie wollten Staaten nicht in die Preisentscheidung einbeziehen, deren Regierungschefs vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagt seien

 24.04.2026

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« geplant

Theaterleute wollen sich gemeinsam gegen Judenhass im Kontext Bühne stellen. Dazu planen sie die Gründung einer neuen Initiative in Augsburg. Beteiligt sind auch Akteure aus anderen Teilen Deutschlands

von Christopher Beschnitt  23.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026