Finale

Der Rest der Welt

Fragen Sie mal einen Belgier, warum es in seinem Land nachmittags Schulunterricht gibt, in Deutschland aber nicht. Die belgische Antwort wird bestimmt sein, dass die deutschen Kinder ihren Eltern nachmittags auf dem Kartoffelacker helfen mussten, statt zur Schule zu gehen: So steht es im belgischen Nationalepos Het verdriet van België und wird von meinem Mann jedes Mal genussvoll zitiert, wenn sich bei mir peinliche Wissenslücken zeigen.

Ich finde das überhaupt nicht witzig. Ich denke vielmehr, dass es die Belgier mit ihrem Lerneifer total übertreiben. Als ich neulich während einer Hitzewelle zum Beispiel das Thema hitzefrei erwähnte, hielt mein Mann das wieder für eine typisch deutsche Marotte, um sich vor der Schule zu drücken: Denn in Belgien gibt es grundsätzlich nie hitzefrei.

Stau Die Hitzewelle allerdings nahm ihren Lauf, die Temperaturen stiegen, und für Montag wurden sogar 31 Grad vorhergesagt. Ich beschloss, die Sache in die Hand zu nehmen, erklärte bereits am Vorabend den Montag zum freien Tag und setzte statt Schule einen Familienausflug nach Knokke an. Ich war geradezu trunken von meiner kühnen und einmaligen Idee. Wir am Strand – an einem ganz normalen Arbeitstag. Ohne Staus und nervende Menschenmassen, während alle anderen in der Schule schwitzen. Ein Traum!

Natürlich musste das alles gut geplant und gut getarnt sein. Niemand durfte uns sehen. Wir verließen das Haus in aller Herrgottsfrühe: Dick mit Sonnencreme eingeschmiert, mit heruntergerollten Fensterschonern am Auto steuerten wir auf die Autobahn zu, beobachtet nur von ein paar Passanten, die mit Tallit-Beutel unterm Arm in Richtung Synagoge gingen – darunter auch der Schuldirektor: »Ducken«, zischte ich den Kindern zu, und scheinheilig lächelnd fuhren wir an allen vorbei.

Als wir uns eine Stunde später am Strand aalten, ließ ich es mir nicht nehmen, hämisch die Wetter-App zu checken, was das Klima in Antwerpen denn so machte. Und während am Strand kein Wölkchen den Himmel trübte und wir richtig schön braun wurden, war Antwerpen von einer fiesen Wolkenschicht bedeckt: Ich kicherte und ließ mich tiefer in meine Strandliege sinken. Für ein paar Stunden war alles eitel Sonnenschein.

Hagel Zu dumm nur, dass meine Wetter-App mir nichts von dem mittags einsetzenden Temperatursturz an der Küste mitgeteilt hatte – auch nicht von orkanartigen Böen, den sintflutartigen Regengüssen und murmelgroßen Hagelkörnern, die unserem sowieso schon abgewetzten Autodach den Rest gaben. Triefend nass schoben wir uns bereits kurze Zeit später auf der Autobahn zentimeterweise vorwärts, während es wie aus Kübeln goss.

Die Kinder begannen zu niesen: Die Sommergrippe war vorprogrammiert. Nun muss man nicht gerade Sherlock Holmes sein, um stutzig zu werden, wenn jemand am Montag in der Schule fehlt und dann am Dienstag tief gebräunt, aber total erkältet, wiederkommt.

Glücklicherweise sind wir aber in Belgien, wo man es mit den Details nicht so genau nimmt, und wo die halbe Elternschaft der Schule ein Ferienhäuschen in Knokke hat. Als wir die anderen tiefgebräunten niesenden Eltern auf dem Schulflur trafen, übersahen wir geflissentlich die Indizien eines schönen Tages am Meer und taten, als wäre nichts gewesen. Getreu dem belgischen Motto: »Leben und leben lassen«.

Los Angeles

William Shatner kündigt Heavy-Metal-Album mit Starbesetzung an

Der jüdische Schauspieler und Musiker will mit 95 Jahren nicht leiser treten, sondern lauter: Sein neues Album soll prominente Musiker aus der Metalszene zusammenbringen

 01.05.2026

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  01.05.2026

Howard Rossbach

Wanderer zwischen Ostküste und Oregon

Er ist Spross einer Familie bekannter Politiker und Bankiers. Doch seit 50 Jahren reüssiert der gebürtige New Yorker Howard Rossbach am anderen Ende Amerikas als Winzer. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  01.05.2026

Literatur

Herkunft, Schuld und der lange Schatten der Vergangenheit

Krieg, Flucht, Schuld. Diplomat Rüdiger von Fritsch hat ein Buch über seine Familie geschrieben - und über das schwere Erbe deutscher Geschichte

von Christiane Laudage  01.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  01.05.2026

Kino

»Nürnberg«: Russell Crowe und Rami Malek locken mit Star-Power

Die Oscar-Gewinner Russell Crowe und Rami Malek glänzen als Nazi-Kriegsverbrecher und Psychiater mit ausgefeiltem Schauspiel. Das ist faszinierend – und problematisch

von Peter Claus  01.05.2026

Zahl der Woche

154.369 Drusen

Fun Facts und Wissenswertes

 01.05.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Marathon oder Volcano Race – von Schnelligkeit und meiner Unsportlichkeit

von Katrin Richter  01.05.2026

Muttertag

Moja Mama!

Die jiddische Mamme ist Motiv in etlichen Witzen. Dabei ist sie ist so viel mehr. Eine Würdigung aus der Perspektive eines Sohnes

von Jan Feldmann  01.05.2026