Finale

Der Rest der Welt

Ich weiß gar nicht, wen ich am liebsten zuerst erwürgen möchte: den Schuldirektor, die Kindergärtnerinnen oder den Schulvorstand. Die Wahl fällt mir schwer, und ich bin stocksauer. Denn schon wieder findet die Kindergarten-Chanukkafeier meiner Zwillinge während meiner Büroarbeitszeit statt: am Dienstagnachmittag, wenn ich mir nicht freinehmen kann.

Jedes Jahr aufs Neue schlage ich vor, diese Feiern doch auf einen Sonntag zu verlegen – aber am Sonntag weilen Rektor, Personal und Vorstand in ihren Zweitwohnsitzen in Knokke und haben keinen Bock, sich wegen einer popeligen Schulfeier das Wochenende vermiesen zu lassen. Wozu auch? Alle anderen Mamas außer mir können die Schulfeier am Dienstagnachmittag ja ganz locker zwischen ihren diversen Maniküre- und Pilates-Terminen unterbringen.

Pilates Denn die haben noch nie ein Büro von innen gesehen. Wenn ich mir vorstelle, wie meine Zwillinge auf der Bühne in ihren Kerzen- und Krapfenkostümen Rotz und Wasser heulen, weil sie mich nicht im Publikum entdecken können, weil niemand von ihren Darbietungen Fotos macht, sie filmt und nach ihrem Auftritt in die Arme nimmt, fange ich auch beinahe an zu heulen. Aber nein: Haltung bewahren! Ich werde jemanden finden, der für mich hingeht. Wie wäre es denn mit dem Bruder meines Mannes, Onkel Dave, auch Party-Dave genannt?

Die Feier beginnt um 14 Uhr, da ist er meistens noch nicht ganz wach, aber schon wieder nüchtern, weil er jede Nacht bis mindestens drei Uhr morgens Party macht. Party-Dave kommt immer und überall zu spät und macht mich damit wahnsinnig. Sonst fällt mir niemand mehr ein! Da habe ich auf einmal einen Geistesblitz – ich werde Emma, meine große Drittklässlerin, an meiner Stelle hinschicken. Bestimmt wird man sie für die Feier vom Unterricht befreien, und die Zwillinge sind happy, denn sie sind Emmas ergebenste Fans und vergöttern sie.

After-Show-Party Am Morgen der Feier erbettelt Emma sich meine Ohrclips, meinen Lipgloss, ein kleines Abendtäschchen und zieht stolz wie Oskar in die Schule, um mich zu vertreten. Als ich schließlich am späten Nachmittag, nach einem langen harten Tag im Büro, endlich die Schul-Aula erreiche, ist die Feier vorbei, alles ist dunkel, der Boden voll von zertrampeltem Goldpapier, der Saal fast leer, bis auf eine kleine, aber laute After-Show-Party in der hinteren Ecke. Aus den Lautsprechern dort wummert ohrenbetäubende Techno-Musik, und meine Zwillinge hüpfen herum wie die Duracell-Häschen, grölen Chanukkalieder und stopfen sich mit Latkes und Sufganiot voll.

Auch die Schulköchin ist da und sorgt für steten Nachschub an Frittiertem. Die Securitymänner und die Putzfrauen sind ebenfalls am Feiern. Und natürlich – stets der Mittelpunkt jeder gelungenen Fete: Party-Dave, der stolze Onkel meiner Kinder, der mit meiner Emma auf den Schultern tanzt. Ohne Zweifel ist das die beste Chanukkaparty, die die Kids je hatten. Manchmal muss man eben nur zur rechten Zeit am rechten Ort sein – egal, ob man ein paar Stunden Verspätung hat.

Zahl der Woche

68 Prozent

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