Finale

Der Rest der Welt

Ich habe drei Kilo gebratene Hühnerbeinchen mit entzückenden weißen Manschetten versehen, habe 65 Hühnereier in flaumiges Schokomousse und zartschmelzende Baisers verwandelt, habe eine Wagenladung Zucchini, Auberginen und Paprika in Aufläufe und Grillspießchen verarbeitet – alles für meine spektakuläre Dinnerparty. Die vor einer Stunde begonnen hat, ohne dass auch nur ein einziger Gast aufgetaucht ist. Genau so, wie ich es mir in meinen Alpträumen der vergangenen Wochen ausgemalt habe.

Mein Mann Alain und ich sitzen, Knie an Knie, einsam wie in der Wüste auf dem verlassenen Eiland unseres Sofas. Schließlich klingelt es an der Tür. Wir zucken beide zusammen. Ich spähe durch den Türspion. »Es ist die C-Liste!«, wispere ich Alain zu. Wir hatten nämlich eine hochrangige A-Liste eingeladen (Antwerpener High Society & Jetset), außerdem eine B-Liste (Normalos).

Erdnüsse Auf der C-Liste (unerträglich langweilig) standen nur Susi und Tom, weil Tom mir gratis meine Steuererklärung macht. Kurze Zeit später sitzen die beiden auf unserem Sofa. Es herrscht eisige Stille, nur unterbrochen von dem zermahlenden Geräusch gerösteter Erdnüsse zwischen Toms Kiefern.

Ich fische mein Handy aus der Tasche, tippe darauf herum und stecke es unauffällig Alain zu, der verständnislos auf das Display starrt. Darauf steht: »Tu was! Ruf die anderen blöden Socken an, wo sie bleiben!« Alain verdrückt sich in die Küche, wohin ich ihm einige Minuten später folge. »Und? Was ist?«, wispere ich. »Rosenbergs haben keinen Babysitter gefunden«, zählt Alain auf, »Moskovitsens müssen das Fußball-Endspiel zu Hause sehen, weil ihr Videorecorder kaputt ist, Gerstners Hund macht eine Wurmkur und muss strengstens beobachtet werden.« »Genug!«, zische ich. »Das reicht! Ruf irgendjemanden an, egal wen, und lad ihn ein, sonst lacht morgen die ganze Stadt über uns! Bestimmt fotografiert Susi gerade das leere Sofa und stellt es auf Facebook!«

So wählen wir die Nummer vom koscheren Pizzaservice und laden den verblüfften Pizzalieferanten Schmuli zur Party ein, außerdem wählen wir die Installateur-Notfallnummer und bitten den netten Typen mit den langen Peijes zu uns, der neulich die Badewanne repariert hat. Außerdem noch die Fahrer vom »Hatzoloh«-Notdienst, die Kindergartentante der Kleinen, sowie einige Babysitter.

Und eine halbe Stunde später ist die Bude voll. Der Installateur gibt einige indiskrete Badezimmergeschichten seiner Kundschaft zum Besten, und alle biegen sich vor Lachen. Der Pizzamann jongliert mit Oliven und Anchovis, die Kindergartentante hat ihre Ziehharmonika mitgebracht und spielt Joan-Baez-Lieder, Susi ist sternhagelvoll und tanzt barfuß auf dem Couchtisch. Es ist eine richtig famose Party, eine A-Liste-Jet-Set-High-Society-Party eben. Bewundern Sie uns auf Facebook!

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  08.09.2026

Philosophie

Zwischen Mensch und Maschine

Vor rund 100 Jahren kam Hilary Putnam 1926 in Chicago zur Welt. Der amerikanische Denker revidierte regelmäßig seine Positionen. Seine Philosophie ist überraschend dialogisch – was eine wenig bekannte judaistische Perspektive eröffnet.

von Richard Blättel  08.09.2026

Jubiläum

60 Jahre »Star Trek«: Faszinierend!

Vor 60 Jahren landete das Raumschiff »Enterprise« in den US-Wohnzimmern - und damit auch ein jüdischer Segen

von Alexander Brüggemann  08.09.2026

Kino

Wie ein Holocaust-Überlebender in Ostfriesland Frieden fand - Doku über die letzten Lebensjahre von Albrecht Weinberg

Albrecht Weinberg überlebte den Holocaust und wollte Deutschland für immer den Rücken kehren. Doch zum Ende seines Lebens fand er in seine Heimat Friedland zurück. Ein neuer Dokufilm zeigt seine letzten Jahre

von Kira Taszman  08.09.2026

Literatur

Shortlist für Deutschen Buchpreis veröffentlicht

Dana Vowinckel und Shida Bazya sind für die Auszeichnung nominiert – der Preisträger wird am 5. Oktober bekanntgegeben

 08.09.2026

Kommentar

Warum der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nie wieder »Nie wieder!« sagen sollte

Wer Antisemitismus nur dort bekämpft, wo es bequem ist, bekämpft ihn nicht – und wer wie im Fall Maha El Hissy konkrete Vorwürfe nicht ernsthaft prüfen will, sollte aufhören, zu erklären, wie ernst er diesen Kampf nimmt

von Andreas Büttner  08.09.2026

Deutschland

Schoa-Überlebende und Antisemitismusbeauftragte rechnen mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Maha El Hissy ab

Die Hintergründe

 08.09.2026

»Imanuels Interpreten« (24)

Stan Getz: Der Saxofon-Poet

Wenn Getz live spielte, wollten alle da sein und zuhören. Der Vollblutmusiker kämpfte jedoch über Jahrzehnte hinweg mit Dämonen, die ihn zerstörten

von Imanuel Marcus  08.09.2026

Der deutsch-brasilianische Philosoph Carlos Fraenkel

Potsdam

Philosoph Fraenkel neuer Direktor des Potsdamer Einstein-Forums

Das Einstein-Forum in Potsdam hat mit dem Philosoph Carlos Fraenkel einen neuen Direktor. Für seine Zeit formuliert er deutliche Ziele

von Benjamin Lassiwe  07.09.2026