Ehrung

Der Motivationsforscher

Hat die Anfälligkeit für totalitäre Ideologien selbst erlebt: Götz Aly Foto: imago

Götz Alys Stärken entstammen der gleichen Quelle wie seine Schwächen: seiner Ferne zum akademischen Betrieb und seiner Weigerung, die eigene Befindlichkeit bei der Beurteilung geschichtlicher Ereignisse auszublenden. Völlig zu Recht lehnte es das Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin vor einem Jahr ab, Götz Aly mit einer außerordentlichen Professur zu ehren. Das Institut sprach freilich ein Urteil – nicht über Aly, sondern über sich selbst.

selbsterfahrung Wir alle sind das Produkt unserer ererbten Vorurteile und unserer gemachten Erfahrungen. Je mehr wir versuchen, das zu verdrängen oder zu vertuschen, desto sicherer bringen sie sich zur Geltung. Der 1947 geborene Götz Aly hat das nie versucht. Sein wissenschaftliches und publizistisches Werk dreht sich um die zentralen Erfahrungen seiner Generation. Diese Alterskohorte wuchs auf in den Jahren des Wirtschaftswunders und der Verdrängung deutscher Schuld, wurde – ohne selbst zu den Initiatoren und Anführern zu gehören – von der 68er-Rebellion mitgerissen und von deren Scheitern in eine existenzielle Krise gestürzt.

Für Götz Aly selbst gehört das Erlebnis der eigenen Anfälligkeit für totalitäre Ideologien und unmenschliche Verhaltensweisen zum Grundimpetus seines Denkens. Niemals konnte er durch möglichst heftige verbale Abgrenzung von der Elterngeneration und ihrer Verstrickung in den Nationalsozialismus sich selbst die Zugehörigkeit zu den Guten bescheinigen. Darum ist Unser Kampf, die vor vier Jahren erschienene, teilweise bittere Abrechnung mit 1968, ein Schlüsselwerk. Doch schon seine dreißig Jahre zuvor geschriebene Doktorarbeit ist eine Auseinandersetzung mit seiner eigenen – nicht sehr glücklichen – Erfahrung in der staatlichen Jugendarbeit in Berlin-Spandau im Gefolge der Parole Rudi Dutschkes, den »langen Marsch durch die Institutionen« anzutreten.

skepsis »Wir waren überfordert«, sagte er mir einmal, als wir unsere gar nicht so unterschiedlichen Erfahrungen verglichen. Über den Voluntarismus, der glaubte, sich per Willensakt und Bekenntnis mir nichts, dir nichts auf die Seite des Wahren, Schönen und Guten stellen zu können, konnte er im Nachhinein nur den Kopf schütteln. Und deshalb hat er immer unwillig auf rein ideologische oder geistesgeschichtliche Erklärungen für das Haupträtsel unserer Geschichte reagiert, das er mit dem Titel seines letzten Buchs umreißt: Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gewiss, der Antisemitismus ist eine Konstante in der abendländischen Geschichte.

Könnte es aber sein, dass die Deutschen, die Adolf Hitler folgten, andere Gründe für ihre Wahl hatten als nur einen mörderischen Judenhass, jenen »eliminatorischen Antisemitismus«, den Daniel Jonah Goldhagen bei »Hitlers willigen Vollstreckern« ausmachte? Die Begeisterung, mit der Goldhagen ausgerechnet im Land der Täter empfangen wurde, machte Aly misstrauisch. Hing sie nicht mit der Vorstellung zusammen, man wäre, da man diesen Antisemitismus selbstverständlich ablegte, den Eltern überlegen, gegen die Versuchung immun?

In Hitlers Volksstaat zeigte Aly 2005, wie sehr der Nationalsozialismus eben Sozialismus war, eine »Gefälligkeitsdiktatur«. In Warum die Deutschen? Warum die Juden (2011) hob er den Sozialneid der christlich-romantisch geprägten »Arier« gegen die Juden hervor, die Nutznießer der Industrialisierung und der Modernisierung Deutschlands gewesen seien.

Man hat Aly vorgeworfen, die Schoa zu historisieren und zu relativieren. Was im Klartext heißt: Indem er uns zwingt, die langen Linien in der deutschen Geistesgeschichte und die sozialen Ursachen der Nazidiktatur zu betrachten, macht er es uns unmöglich, den Holocaust als etwas Einmaliges und Unwiederholbares zu denken. Der Schoß ist fruchtbar noch ...

Wie ich ihn kenne, ist Götz Aly der Börne-Preis wichtiger als eine Professur. Das ist seine Schwäche. Und seine Stärke.

Götz Aly wurde 1947 in Heidelberg geboren und gilt, obwohl er an keiner Universität einen Lehrstuhl innehat, als einer der führenden deutschen Schoa-Forscher. 1991 veröffentlichte er mit Susanne Heim die Studie»Vordenker der Vernichtung«, die die wirtschaftlichen und bevölkerungspolitischen Motive in der Genese des Holocaust untersuchte. 1995 erschien »Endlösung«, das die Schoa in die Umsiedlungspolitik der Nationalsozialisten einordnete. Darüber hinaus hat Aly viele populärwissenschaftliche Bücher über die Schoa und ihre Vorgeschichte geschrieben, zuletzt 2011 »Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800–1933«. Am 3. Juni erhält Götz Aly in der Frankfurter Paulskirche den diesjährigen Ludwig-Börne-Preis für »seinen freien und glänzenden Stil« sowie »seinen Kampf gegen nationale Legenden und Vorurteile«.

Glosse

Deutschland sucht den Nazi

Der »Spiegel« und die »Zeit« helfen den Deutschen, die Nazis unter den Vorfahren aufzuspüren - und verdienen damit ganz nebenbei gutes Geld. Richtig so, findet unser Autor

von Michael Thaidigsmann  19.06.2026

Fußball

»Ich weiß, wer Weltmeister wird«

Uri Geller über die Weltmeisterschaft, den Gewinner des Turniers und seinen fatalen Einfluss auf einen verschossenen Elfmeter bei der EM 1996

von Detlef David Kauschke  19.06.2026

»Imanuels Interpreten« (22)

Herbie Mann: Der Klangsetzer

Sein Motto: »Wenn du die Musik von jemandem spielen willst, gehe zu ihm nach Hause.« Er setzte dies um, hatte dann aber die Jazz-Polizei am Hals

von Imanuel Marcus  19.06.2026

Kommentar

Nimm die Wahrheit an, von wem auch immer sie gesagt wurde

Bisweilen wirkt die Debatte um KI-generierte Texte absurd. Denn die Qualität eines Arguments sollte entscheidender sein als sein Urheber

von Leeor Engländer  18.06.2026

Literatur

Prophet im eigenen Land

Ein neuer Band mit bisher unveröffentlichten Texten von Amos Oz zeigt den israelischen Schriftsteller als reflektierten Staatsbürger und überzeugten Zionisten

von Marko Martin  18.06.2026

Essen

»Schakschuka ist der Favorit«

Der deutsch-israelische Koch Tom Franz hat ein Buch über das Frühstück geschrieben. Hier spricht er über geflochtenen Lachs, clevere Vorräte und die Frage, warum er die erste Mahlzeit des Tages auslässt

von Katrin Richter  18.06.2026

Ausstellung

Androgyn, zeitlos, modern

Das Georg Kolbe Museum in Berlin widmet sich der britischen Ausnahmekünstlerin Marlow Moss – erstmals in Deutschland

von Alicia Rust  18.06.2026

Streaming

Bringt Gali nach Hause!

Eine junge Israelin wird in Moskau verhaftet. Die Serie »Unconditional« erzählt vom Kampf einer Mutter gegen die Justiz

von Chris Schinke  18.06.2026

Köln/Hamburg/Leipzig

Mit diesen prominenten Weggefährten feiert Wolf Biermann seinen 90. Geburtstag

Der legendäre Liedermacher wird am 15. November 90 Jahre alt

 18.06.2026