Genetik

Der Mikro-Entdecker

Als im vergangenen Mai der mit einer Million Dollar dotierte Dan-David-Preis verliehen wurde, den die gleichnamige Stiftung und die Universität Tel Aviv alljährlich für besondere Leistungen in verschiedenen Bereichen vergeben, stand mit Gary Ruvkun ein Wissenschaftler auf der Bühne, der Ehrungen gewöhnt ist. Schließlich arbeitet der Harvard-Professor für Mikrobiologie auf einem Gebiet, das in den vergangenen Jahren immer wichtiger wurde – und er hat darin große Erfolge erzielt. Sein Fachgebiet ist die Erforschung der RNA (Ribonukleinsäure), und die ist praktisch der kleine Bruder der DNA.

Im Gegensatz zur Helix der DNA ist RNA nur einsträngig, aber ganz ähnlich aufgebaut. Allerdings gibt es verschiedene Typen von RNA. Sie dient in der Zelle hauptsächlich zum Umsetzen von genetischen Informationen in Proteine. Ruvkuns Forschungen beschäftigen sich vor allem mit microRNA, die eine wichtige Rolle bei der Genregulierung im sogenannten Gen-Silencing (»Gen-Stilllegung«) spielt.

Damit wird aktiv die Transkriptionsaktivität des betroffenen Gens oder der Genregion kontrolliert – was, vereinfacht gesagt, bedeutet, dass Gene nicht in Proteine umgesetzt werden können und damit praktisch abgeschaltet sind. Ruvkun und sein Team haben Hunderte unterschiedliche dieser micro-RNA beschrieben.

Wichtig ist das vor allem für die Stammzellforschung. Denn bestimmte microRNA halten die Pluripotenz und die Selbsterneuerung von embryonalen Stammzellen aufrecht – und damit die Fähigkeit von Stammzellen, sich zu jedem beliebigen Gewebetyp zu entwickeln.

Deshalb hofft man in der Forschung, dass microRNA in Zukunft wichtige molekularbiologische Werkzeuge für die Manipulation von Stammzellen werden können. Damit würden sie eine Schlüsselrolle bei der Forschung an Stammzellen spielen – und an den mit dieser Forschung verbundenen Möglichkeiten zur Bekämpfung von vielen Krankheiten.

bildungsfernsehen Angefangen hat für Ruvkun jedoch alles mit dem russischen Sputnik. Und den amerikanischen Raketen, mit denen in den 60er-Jahren der Weltraum erkundet wurde. Der kleine Gary Ruvkun saß damals atemlos vor dem Fernseher, »es war anders als heute, wo gerade einmal der Start einer Sonde gezeigt wird«, erinnert er sich.

Vier, fünf Stunden dauerten die Übertragungen durch zahlreiche Verzögerungen damals, »die Zeit wurde mit langen, zuvor aufgenommenen Interviews mit Krawatten tragenden, ordentlich frisierten Wissenschaftlern überbrückt. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie aufgeregt Star-Moderator Walter Cronkite war, wenn er sich beispielsweise von den Ingenieuren schildern ließ, wie sie die Raumkapseln designten. Oder wenn Wissenschaftler die Bahnmechanik erklärten, mit der Raumschiffe auf Kurs gehalten werden.«

Das, was er in »diesen Dutzenden Morgenstunden der Jahre 1961 bis 1966 gelernt« habe, sei so ganz anders und viel herausfordernder gewesen als das, was ihm im Schulunterricht beigebracht wurde, begeistert sich Ruvkun noch heute. Dass seine Eltern ihm schon mit fünf Jahren ein Mikroskop und mit acht ein Teleskop schenkten und ihn einmal in der Woche in die örtliche Bibliothek brachten, wo er sich so viele Bücher ausleihen durfte, wie er wollte, legte einen weiteren Grundstein für seine spätere wissenschaftliche Karriere.

Dabei ist Ruvkuns Leben nicht unbedingt geradlinig verlaufen – was jedoch zu seinem Erfolg beitrug. Sie sei mit einem »verrückten Wissenschaftler« verheiratet, sagt Ruvkuns Ehefrau Natasha Staller, Professorin für Kunstgeschichte am Amherst College, und beschreibt ihren Mann als »Molekular-Genetiker, Entdecker-Komplizen und fanatischen Weltreisenden«.

Mehr als 20 Jahre sind die beiden miteinander verheiratet, die 14-jährige Tochter trägt einen langen Namen: Victoria Irena Kai Xia Zi Mei Nina Rosalina Sibylline Séraphine Quintana Roo Staller Ruvkun. Das komme daher, dass sie viel Zeit in Andalusien verbracht habe, wo man daran glaubt, dass viele Vornamen Kraft geben, erklärte Natasha Staller in einem Interview, »aber natürlich hat unsere Tochter auch einen hebräischen Namen, nämlich Rachel, weil wir Juden sind«.

fähigkeiten Jude zu sein, bedeutete für Gary Ruvkun als Kind in Kalifornien, ein Außenseiter zu sein, erinnerte sich der Wissenschaftler in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Albert Lasker Basic Medical Research Awards im Jahr 2008.

Und genau das, erklärte er weiter, könnte ihm bei seinen Forschungen sehr geholfen haben: Die jüdischen Comics, die er als Kind in den 50er- und 60er-Jahren entdeckte, hätten bei ihm nicht nur einen Sinn für verschobene Perspektiven gefördert, sondern auch seinen Humor. Dass er nach dem College zunächst in Oregon in einer Kooperative Bäume pflanzte, habe ihn zudem gelehrt, wie viel Freude es mache, mit anderen zusammenzuarbeiten.

Das folgende Jahr, in dem er »in drittklassigen Bussen« durch Mexiko reiste, habe seine sozialen Fähigkeiten gefördert, was ihm heute dabei helfe, die interessantesten und intelligentesten Studenten für sein Labor zu begeistern.

Über die Grenzen der Fachgebiete hinaus zu denken, werde immer wichtiger, findet Ruvkun. »Wir müssen die biologischen Unterschiede der Arten weiter erforschen, denn die nächste Revolution wird, wie die der Genome, genau dadurch entstehen.« Bei der Entschlüsselung der DNA habe schließlich nicht etwa das Studium des menschlichen Erbguts geholfen, sondern »die Beschäftigung mit Nichtsäugetieren wie Würmern, Pilzen und Pflanzen«.

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