Literatur

Der Humanist

Lew Kopelew Foto: dpa

Wer jemals das Glück hatte, von Lew Kopelew in seiner Kölner Wohnung in der Neuenhöfer Allee empfangen zu werden, traf auf einen Gesprächspartner, dessen Herzlichkeit mindestens ebenso eindrucksvoll war wie seine würdevolle Erscheinung.

Am liebsten empfing er den Besucher in der geräumigen Küche. Und manchmal schloss er dann die Tür oder forderte in dröhnendem Bass die Mitbewohner zur Ruhe auf. An Gesprächsstoff hat es nie gefehlt. Die Politik, vor allem die postsowjetische von Boris Jelzin, den er zornig als Säufer bezeichnete, brachte sein Blut in Wallung. Da wetterte dann der russische Patriot, der um die Essenz von Gorbatschows Reformen bangte.

Gulag Lew Kopelew, aus Kiew gebürtig, Sohn eines jüdischen Agronomen, hatte sich schon in seiner Kindheit mit der deutschen Sprache vertraut machen können. Die Deutschen haben ihn aber erst lange nach dem Krieg als prominenten Dissidenten kennengelernt, der Anfang der 80er-Jahre von den Moskauer Behörden mit seiner Frau Raissa ausgebürgert wurde. In Köln fanden die Kopelews mithilfe ihres langjährigen Freundes Heinrich Böll eine neue Bleibe, ein neues Zuhause. Diese Freundschaft war ein Glücksfall.

Kopelew, der Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert hatte, begeisterte sich als junger Mann für den Kommunismus. Die Kriegsereignisse und die stalinistischen Säuberungen ließen ihn aber ähnlich wie Alexander Solschenizyn von seinen Jugendidealen Abschied nehmen.

Erschüttert von den Gräueltaten, die Soldaten der Roten Armee während des Krieges an der Zivilbevölkerung Ostpreußens verübten, versuchte er als Major seine Vorgesetzten vergeblich zum Eingreifen zu bewegen. Das brachte ihm eine jahrelange Lagerhaft im Gulag ein, wo er auch den späteren Nobelpreisträger Solschenizyn kennenlernte. Erst 1954, ein Jahr nach Stalins Tod, kam Kopelew frei.

Er wurde rehabilitiert und durfte wieder als Germanist und Literaturwissenschaftler arbeiten. Zum Dissidenten entwickelte er sich seit Mitte der 60er-Jahre, als die Panzer-Politik Breschnews die zaghaften Reformansätze im Ostblock zunichtemachte und die letzten Hoffnungen auf einen reformfähigen Kommunismus zerstörte.

Die Moskauer Wohnung der Kopelews wurde damals zu einem Dialog-Zentrum von Intellektuellen und Menschenrechtlern, das dem Regime ein Dorn im Auge war. Als sich Kopelew vehement für die Anliegen von Andrei Sacharow einsetzte, traf ihn der Bannstrahl. Von einer genehmigten Auslandsreise 1981 in die USA durften die Kopelews nicht mehr in die UdSSR zurückkehren.

Exil Während der Exiljahre in Köln hat Lew Kopelew eine Reihe von Büchern geschrieben. Bekannt wurde vor allem allein seine dreiteilige Autobiografie: Aufbewahren für alle Zeit, Und schuf mir einen Götzen sowie Tröste meine Trauer. Als ihm 1981 der »Friedenspreis des Deutschen Buchhandels« verliehen wurde, ehrte man damit nicht nur den Humanisten und Weltbürger Kopelew, sondern auch sein tief reichendes Engagement für die Aussöhnung mit dem einstigen Kriegsgegner.

Das führte ihn mit Heinrich Böll zusammen. Nach seinem Tod im Juni 1997 wurde die Urne mit der Asche nach Moskau überführt und auf dem Donskoi-Friedhof neben seiner Frau beigesetzt. In Köln existiert inzwischen das Lew Kopelew-Forum, das über sein Leben und Werk informiert.

Aufgegabelt

Weißkohl-Salat

Rezepte und Leckeres

 11.01.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Wettergespräche oder Warum ich Kälte einfach so aushalte

von Nicole Dreyfus  11.01.2026

Literatur

Im Tunnel

Eli Sharabis Erinnerungen an seine Geiselhaft in Gaza sind ein Manifest der Menschlichkeit. Ein Buch voller Grausamkeit, aber ohne Hass

von Maria Ossowski  10.01.2026

Reimund Leicht

»Präsenz und Sichtbarkeit verstärken«

Der Leiter des Judaistik-Instituts an der FU Berlin über Herausforderungen auf dem Campus, die vakante zweite Professur und Lehre zu jüdischer Kultur im modernen Israel

von Ayala Goldmann  09.01.2026

Berlin

Dschungelcamp-Kandidatin stichelt gegen Gil Ofarim: »Ganz übel«

Die Teilnahme des jüdischen Musikers sorgt für heftige Reaktionen. Nun wirft ihm auch Kandidatin Belstler-Boettcher Fehlverhalten in der sogenannten Davidstern-Affäre vor

 09.01.2026

Osnabrück

Christian Berkel hat zu viele Bücher

Das Problem: »Wir haben mal versucht, eine alphabetische Ordnung in den Bücherschrank zu bringen, aber mittlerweile liegen die Neuen einfach obenauf«, so der jüdische Autor und Darsteller

 09.01.2026

Berlin

Swing-Konzert nach Hüftoperation

Nur Tage nach dem Eingriff will Andrej Hermlin wieder auf der Bühne sein. Unter anderem steht ein großes Konzert in der Philharmonie an

von Imanuel Marcus  08.01.2026

Trauer

Schöpfer der Todesmarsch-Mahnmale: Hubertus von Pilgrim ist tot

Der Bildhauer Hubertus von Pilgrim ist im Alter von 94 Jahren in Pullach bei München gestorben. Internationale Bekanntheit erlangte er durch sein Mahnmal für die Opfer des Dachauer Todesmarschs vom April 1945

 08.01.2026

Debatte

Gil Ofarim reagiert auf Kritik an Dschungelcamp-Teilnahme

Gil Ofarim sorgt mit dem Einzug ins Dschungelcamp wieder für Wirbel. Nach Boykott-Aufrufen von Fans äußert er sich erstmals selbst

 08.01.2026