Kino

Der gute Mensch aus Hollywood

Spielberg stellte sein bisher persönlichstes Werk in Toronto vor Foto: dpa

Er liefert den Stoff, aus dem die Träume sind. Egal ob Popcorn-Kino, Fantasy oder Drama – wie wohl kaum ein anderer beherrscht Steven Spielberg so ziemlich alle Genres des Filmgeschäfts und zählt definitiv zu den erfolgreichsten Regisseuren weltweit. Mit seinem Schocker Der weiße Hai und dem Sci-Fi-Märchen E.T. – Der Außerirdische stieg er zum Großmeister der Blockbuster auf. 15-mal wurden seine Werke für den Oscar nominiert, dreimal durfte er die begehrte Trophäe mit nach Hause nehmen. Spielberg selbst wurde dadurch so etwas wie das Markenzeichen des perfekten Illusionskinos à la Hollywood.

Aber auch komplexeren Themen näherte er sich auf eine unvergleichliche Art. Unvergessen seine Verfilmung der Geschichte des deutschen Judenretters Oskar Schindler, der vor allem viele jüngere Menschen dazu bewegen sollte, sich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten zu beschäftigen.

»Schindlers Liste hat viel Aufmerksamkeit geschaffen dafür, welche Folgen Hass haben kann und was ein Genozid eigentlich ist«, sagte er einmal rückblickend im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. »Antisemitismus, Homophobie, Islamophobie – all diese schrecklichen Dinge, die dieser Tage wieder omnipräsent sind in der Gesellschaft, lassen sich mithilfe des Films darstellen.«

Antisemitismus Für den am 18. Dezember 1946 in Cincinnati geborenen Sohn einer mittelständischen jüdischen Familie mit Wurzeln in Russland war Antisemitismus nie etwas Theoretisches. Er selbst hatte Feindschaft gegenüber Juden bereits als Kind erfahren müssen. »Wo immer wir hingezogen sind, waren wir die einzigen Juden«, erinnert sich Spielberg. Sein Vater Arnold war ein gefragter Elektroingenieur und Computerpionier, weshalb die Familie Spielberg auch öfters den Wohnort wechseln musste.

»Auf der Highschool wurde es noch schlimmer, denn ich besuchte eine sehr antisemitische Schule im Norden von Kalifornien, Saratoga High. Ich wurde verprügelt, im Arbeitsraum warfen sie mit Pennys nach mir. Es ist sehr beschämend, wenn du mit 100 Kindern bei völliger Stille in einem Saal sitzt, und urplötzlich fällt Kleingeld auf deinen Schreibtisch.«

Als Kind war Steven Spielberg seine jüdische Herkunft mitunter etwas peinlich. Mutter Leah wusste zu erzählen, dass er immer wieder wegrannte, sobald ihn sein orthodoxer Großvater väterlicherseits mit seinem hebräischen Namen Schmuel zu sich rief. »Meine Freunde fragten: ›Redet der mit dir? Was ist denn das, Schmuel?‹ Und ich sagte: ›Keine Ahnung, er redet nicht mit mir.‹«

Traumfabrik All das sollte sich ändern, als Spielberg begann, Filme zu machen. 1969 drehte er mit Amblin’ einen ersten 35-Minuten-Film, der ihm die Tore in die kalifornische Traumfabrik öffnete. Es folgten 1971 der Thriller Duell und 1974 Sugarland Express, ein Roadmovie, das an der Kinokasse jedoch floppte. Dann schuf er mit dem Weißen Hai und Unheimliche Begegnung der dritten Art Hit auf Hit. »Erst im Showbusiness von Hollywood bin ich Juden begegnet, die stolz darauf waren, Juden zu sein.« Und seinem Großvater mütterlicherseits, dessen jiddischer Name Feivel lautete, setzte er als Mitproduzent des Animationsfilms Feivel, der Mauswanderer ein Denkmal.

Von der Schoa selbst hatte Spielberg ebenfalls schon in jungen Jahren gehört. Seine Großmutter Jennie gab damals Überlebenden der Lager, die es nach 1945 in die Vereinigten Staaten geschafft hatten, Englischunterricht. »Darunter war ein Mann, der hat versucht, mir die Zahlen beizubringen«, erzählte er einmal dem »Stern«. »Er zeigte mir die Zahlen auf seinem Unterarm: ›Das ist eine Drei, das ist eine Sieben, und jetzt zeige ich dir einen Zaubertrick: Das ist eine Sechs‹ – dann drehte er den Arm um – ›und jetzt eine Neun.‹ So habe ich die Zahlen gelernt.«

Seither hat ihn das Thema nicht mehr losgelassen. Um die Erfahrungen der Geretteten für kommende Generationen zu bewahren, beschloss er noch während der Dreharbeiten zu Schindlers Liste ein gewaltiges Projekt: »Die meisten Holocaust-Überlebenden sind inzwischen sehr alt. Wir müssen sie befragen, bevor es zu spät ist.« Die Idee für die Shoah Foundation war geboren. Seither wurden über 52.000 Personen aus 56 Ländern in 32 Sprachen interviewt, die so ihre Erinnerungen für die Nachwelt konservierten. Nicht nur Juden, auch die von den Nazis verfolgten Sinti und Roma kommen darin zu Wort.

»Spielberg hat Hollywood als moralische Anstalt wiedererfunden«, brachte es einmal der Filmwissenschaftler Georg Seeßlen auf den Punkt. Seiner Ansicht nach sind die Filme mehr als nur handwerklich perfekte Kassenschlager oder sentimental-kitschiges Gefühlskino. »Kein anderer Regisseur hat so (unscheinbar) gnadenloses Entertainment verbinden können mit moralisch-künstlerischen Gesten wie Amistad oder Schindlers Liste.«

peter pan Und trotz seiner nunmehr 70 Jahre haben seine Filme nichts von ihrer Frische und einer gewissen kindlichen Verspieltheit verloren. Das hat konkrete Gründe: Spielberg selbst sieht sich als Opfer eines »Peter-Pan-Syndroms« – schuld ist natürlich seine Mutter. »Wir konnten zu Hause nie wirklich erwachsen werden, weil sie es nie wurde«, so seine Erklärung dafür, dass er mental einer Art »Neverland« verhaftet blieb. Zudem hatte Spielberg als Kind vor Dunkelheit ebenso eine Höllenangst wie vor der bösen Stiefmutter in dem Disney-Klassiker Schneewittchen. Und beim Tod von Bambis Mutter soll er Rotz und Wasser geheult haben.

Aber vielleicht war all das für die Entwicklung seiner filmischen Kreativität nur förderlich. Ans Aufhören jedenfalls denkt er auch im gesetzteren Alter noch lange nicht. »Ich werde einfach ungenießbar, wenn ich über einen längeren Zeitraum keine Regie führen kann«, sagt Steven Spielberg. »Meine Familie ruft dann oft mein Studio an und fragt nach, ob es nicht irgendein Projekt gibt, das ich noch verfilmen könnte.«

Baustelle der Jüdischen Akademie an einer Straße in Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Jüdische Akademie öffnet in Frankfurt

Es soll ein Ort des Diskurses und der Begegnung sein: In Frankfurt wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet

 01.11.2026

Konferenz in Berlin

Wie die Schlagzeile das Israelbild formt

Bei einem Workshop an der Technischen Universität Berlin gingen Wissenschaftler und Journalisten der Frage nach, wie deutsche Medien über Israel berichten, welche Narrative dabei wirken und wo sich Fehler einschleichen

 01.11.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Der ungelesene Bücherstapel oder Die Bibliografie des idealen Menschen

von Nicole Dreyfus  01.11.2026

Eröffnung

Museum Zwangsarbeit zeigt Ausstellung zu »unerwünschten Kindern«

Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Regime waren verboten. Trotzdem gab es diese Kontakte ebenso wie Kinder aus diesen Beziehungen. Eine Ausstellung in Weimar widmet sich den Geschichten der betroffenen Eltern und Kindern

 30.10.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  30.10.2026

Literatur

»Empfänger unbekannt«: Wenn ein Freund zum Feind wird

Die judenfeindlichen Novemberpogrome von 1938 jähren sich zum 88. Mal. Anlass, die Geschichte »Empfänger unbekannt« aus demselben Jahr zur Hand zu nehmen. Darin schlägt ein Jude zurück, mit überraschenden Mitteln

von Leticia Witte  30.10.2026

München

Julia Klöckner: Verteidigung jüdischen Lebens Aufgabe für alle

Jüdische Kultur ist in Deutschland tief verwurzelt. Zum 40. Mal wollen die Kulturtage diesen Reichtum würdigen. Für die Bundestagspräsidentin ein Anlass zu Mahnung und Hoffnung

 30.10.2026

Frankfurt

Eine Akademie für Deutschland

Am Montag wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  30.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  29.10.2026