Kino

Der Frauen-Mann

Pause mit Peeptoes: Helmut Newton in Monte Carlo, 1987 Foto: Alice Springs, Helmut Newton Estate / Courtesy Helmut Newton Foundation

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Der Frauen-Mann

Von Feministinnen gehasst, von seinen Anhängern gefeiert: Frauen waren Helmut Newtons großes Lebensthema

von Cornelia Ganitta  21.07.2020 15:06 Uhr

Er galt als ebenso gut wie umstritten. Gut – bezogen auf die Qualität seiner Bilder, umstritten – bezogen auf deren Sujets. Unbestritten ist jedoch, dass der Fotograf Helmut Newton (1920–2004) ein Großer seines Metiers war.

Helmut Newton – The Bad and The Beautiful, ein Film über sein Leben und Werk, der nun in den Kinos zu sehen ist, will dies einmal mehr belegen.

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Die Dokumentation kommt von keinem Unbekannten, denn Gero von Boehm hat mit seinen zahlreichen Filmen über bekannte Autoren wie Marcel Reich-Ranicki, Susan Sontag (1993) oder Georg Stefan Troller (2005) für viel Aufsehen gesorgt. Jetzt also wieder Newton.

Denn Helmut Neustädter, wie der Sohn eines jüdischen Berliner Knopffabrikanten und spätere Kosmopolit in jungen Jahren noch hieß, war schon einmal Thema eines Films von Gero von Boehm.

Projekte Der Film Helmut Newton – mein Leben aus dem Jahr 2002, der in Monte Carlo, Paris, Berlin und Hollywood gedreht wurde, ist, wenn man so will, die halbe Miete für dieses spätere Projekt. Von Boehm hat es nun mit unveröffentlichtem Material und archivierten Schätzen aus der Newton-Stiftung in Berlin, die den Nachlass des Fotografen bewahrt, rund gemacht. Glück im Unglück, dass der Film bereits 2019 fertig war und jetzt – nach monatelangem Corona-Schlaf – passend zu Newtons 100. Geburtstag am 31. Oktober veröffentlicht wurde.

Nadja Auermann, Claudia Schiffer und Grace Jones kommen zu Wort.

Neu an dem Film, der Newton sowohl bei der Arbeit, als auch im Privaten zeigt, ist die Sichtweise. So lässt Gero von Boehm neben dem Meister selbst ausschließlich Frauen zu Wort kommen: Newtons Ehefrau June, seine Kritikerin Susan Sontag sowie acht weitere Wegbegleiterinnen. Darunter die Schauspielerinnen Hanna Schygulla und Charlotte Rampling, die Musikerinnen Grace Jones und Marianne Faithfull und die Models Claudia Schiffer und Nadja Auermann.

Konsequenz Sich auf Frauen als Protagonisten zu konzentrieren, war für Gero von Boehm eine logische Konsequenz: »Frauen waren Helmuts Lebensthema und sein großes Thema als Fotograf. Er kannte die Frauen wie kaum ein anderer, und die Frauen kannten ihn. Deshalb fand ich, dass sie am besten über ihn reden konnten. … Überhaupt: Männer waren für Helmut ja nur Accessoires.«

Auch Isabella Rossellini äußert sich in dem Film, unter anderem über Newtons Faszination für Hitlers Film-Frau Leni Riefenstahl: »Helmut fotografierte Frauen so, wie Leni Riefenstahl Männer fotografiert hat.

Als etwas Mächtiges, Schönes. Aber auch als etwas Beängstigendes, Abweisendes. In seinen Fotos ist das erkennbar.« Wegen seiner teils lasziven, teils unterwürfigen Darstellung von Frauen wurde er oft angefeindet. Mit Vorliebe lichtete der Meister nackte Körper ab. Damit brachte er es zu Weltruhm, wurde von seinen Anhängern gefeiert, von Feministinnen gehasst.

Als Werbe- und Modefotograf machte sich Newton in den 50er-Jahren einen Namen, als er begann, für die internationalen Ausgaben der »Vogue« zu arbeiten.

In den späten 70ern arbeitete er exklusiv für die französische »Vogue«, den »Stern« und den »Playboy« oder »Oui«, was ihm einigen Ärger einbrachte. So klagte Alice Schwarzer gegen den »Stern« wegen seiner »sexistischen« Newton-Abdrucke. In den Augen der Feministin gab es nichts Frauenfreundliches an diesen Fotos, lediglich Diskriminierung und Demütigung. Modepraktiker und -theoretiker nahmen den Fotografen in Schutz, da es doch gerade frauenfreundlich sei, starke Frauen abzulichten, die ihre Sexualität aus freien Stücken vor der Kamera auslebten.

berlin Newton war kein Kind von Traurigkeit. Über seine Jugendjahre in Berlin berichtet er im Film mit wehmütigem Blick auf den Wannsee: »Eines vergesse ich nie: Ich war hier mit einem Mädchen, zog es unter Wasser aus. Ein Rettungsschwimmer warf mich raus und verbot mir, jemals wiederzukommen. Es gab natürlich auch diese Schilder ›Hunde und Juden unerwünscht‹, aber ich habe mich nicht daran gehalten.«

Deutschland hat er nie vermisst, Berlin schon.

Es sollte schlimmer kommen: Als Jude musste er, erst 18-jährig und mitten in der Fotografenlehre im Studio von Yva (Else Neuländer-Simon), nach dem Novemberpogrom von 1938 fliehen. Über Triest und Schanghai bis nach Australien führte ihn seine Flucht – allein. Seine Eltern flüchteten nach Südamerika. Er sah sie nie wieder.

Australien In Australien lernt er die Schauspielerin June Browne, seine spätere Ehefrau, kennen. Als er beginnt, Modelle auch nackt zu fotografieren, lässt auch sie vor seiner Kamera die Hüllen fallen – und umgekehrt. Die Ehe, 1948 geschlossen, währt ein Leben lang. Sie, die später selbst als Fotografin unter dem Namen Alice Springs Erfolge feierte, war seine Muse und Art-Direktorin, er ihr Held.

Deutschland habe er nie vermisst, erzählte seine Frau in einem Zeitungsinterview kurz nach Newtons Tod. Berlin hingegen schon. Dorthin ist er schließlich auch zurückgekehrt – in ein Ehrengrab des Städtischen Friedhofs Friedenau, nur wenige Meter von Marlene Dietrich entfernt.

»Helmut Newton – The Bad and The Beautiful«. Im Kino

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