Amos Oz

Der Fehlbare

War sein Leben lang von Ängsten und Selbstzweifeln geplagt: Amos Oz (1939–2018) Foto: picture alliance / AP Images

Es müssen eigentümliche Momente gewesen sein: zu sehen, wie Amos Oz sich vom zurückhaltenden, mitunter steifen Gesprächspartner in einen Bühnenmenschen verwandelte; in eine Person, die die Interaktion mit dem Publikum suchte und dessen Begeisterung sichtlich genoss. Robert Alter, Literaturwissenschaftler und Professor an der University of California in Berkeley, hat dies mehrmals erlebt. Zum ersten Mal 1970, als er den Schriftsteller auf einer Vortragsreise in den USA kennenlernte. Aus dieser Begegnung entstand eine langjährige Freundschaft.

Über seinen Freund hat Robert Alter 2023 eine erste Biografie verfasst, die nun auf Deutsch erschienen ist. Amos Oz. Autor, Friedensaktivist, Ikone ist ein empathisches Porträt, das nicht nur Ozʼ zentrale biografische Stationen, sondern immer wieder auch seine Gefühle in den Blick nimmt. Auf Grundlage von eigenen Beobachtungen, Gesprächen und Selbstzeugnissen beschreibt Alter den wohl wichtigsten israelischen Schriftsteller als politisch klar positionierten, durchaus herzlichen und liebevollen Menschen, aber auch als Person, die lebenslang von starken Selbstzweifeln und Ängsten geprägt war.

Es geht auch um die Beziehung zu seiner jüngsten Tochter Galia

Zu diesem Komplex gehört auch die Beziehung zu seiner jüngsten Tochter. Galia Oz beschuldigte ihren Vater post mortem öffentlich, sich ihr gegenüber wiederholt physisch und psychisch gewalttätig verhalten zu haben. Weite Teile der Familie Oz widersprachen den Vorwürfen, mitunter steht Aussage gegen Aussage. Robert Alter räumt den Darstellungen beider Seiten ausreichend Platz ein. Das gesamte Buch ist aus einer einfühlsamen, aber stets auch sachlichen und kritischen Perspektive verfasst. Amos Oz wird weder zum unfehlbaren Heiligen erklärt noch werden zwischenmenschliche Verfehlungen als Beiwerk künstlerischer Genialität relativiert.

Die Biografie gibt interessante Einblicke in das Gefühlsleben des Schriftstellers.

1939 geboren als Amos Klausner, wuchs Amos Oz in Jerusalem auf. Nach dem Selbstmord seiner Mutter und aufgrund eines schwierigen Verhältnisses zum Vater beschloss der junge Amos, seine als beengend empfundene Lebenssituation hinter sich zu lassen. Im Alter von 14 Jahren trat er dem Kibbuz Chulda bei und nahm den Nachnamen Oz an, was auf Hebräisch »Kraft« und »Stärke« bedeutet. Als äußerst gutaussehender Jugendlicher zog Oz nach wie vor die Blicke auf sich. Doch auch im Kibbuz blieb er, wie Alter schreibt, ein »schwacher, sensibler, Gedichte schreibender Sonderling«, der von vielen Gleichaltrigen »verspottet und schikaniert wurde«.

Es ist interessant zu lesen, wie Robert Alter Ozʼ Erfahrungen im Kibbuz beschreibt: Sein Groll auf die kollektive Erziehung im Kinderhaus ist genauso Thema wie erste sexuelle Erfahrungen mit einer Lehrerin, das Kennenlernen seiner späteren Ehefrau Nily sowie der nicht einfache Weg zu literarischem Erfolg. Seine ersten Texte schrieb Oz nachts nach getaner landwirtschaftlicher Arbeit und in Ermangelung eines Schreibzimmers auf der Toilette. Als Oz und seine Familie Chulda 1986 verließen, weigerte sich der Kibbuz, das übliche Abschiedsgeld auszuzahlen. Die Begründung: Mit dem Weggang des inzwischen auch international erfolgreichen Literaten breche eine wichtige Einnahmequelle weg.

Amos Oz. Autor, Friedensaktivist, Ikone ist aber nicht nur eine Biografie im klassischen Sinne, sondern auch eine literatur­wissenschaftliche Arbeit. Alter analysiert einige von Ozʼ zentralen Werken und wirft interessante Schlaglichter auf ihre Rezeption im Ausland sowie durch die israelische Literaturkritik. Untersucht werden vor allem der autobiografische Roman Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, der 2016 als Spielfilm adaptiert wurde, der frühe Erzählband Wo die Schakale heulen sowie der Roman Mein Michael, in dem eine 30-jährige Protagonistin rückblickend und mit psychologischer Tiefe vom Scheitern ihrer zehnjährigen Ehe erzählt.

Ozʼ politischer Aktivismus ist ein weiterer zentraler Themenstrang in Alters Biografie. Dabei werden weniger sein Wirken als Mitbegründer von »Schalom Achschaw« und die Entstehungshintergründe der außerparlamentarischen Friedensbewegung in Israel geschildert. Alter nimmt in diesem Zusammenhang vor allem Ozʼ Tätigkeit als Vortragender in den Blick.

Oz trat ein Leben lang öffentlich für eine Zweistaatenlösung ein

Leidenschaftlich, visionär und mit klugen, pragmatischen Argumenten trat Oz ein Leben lang öffentlich für eine Zweistaatenlösung ein. Im Wissen um den speziellen »Israel-Diskurs« in Europa hob er gerade dort die Lebendigkeit der israelischen Zivilgesellschaft sowie das Recht und die Notwendigkeit israelischer Selbstverteidigung gegen terroristische Angriffe hervor. Als Pazifist begriff sich Oz nie.

Robert Alters 200-seitige Biografie beschreibt die großen Linien in Amos Ozʼ Leben und Werk und gibt interessante Einblicke in sein Gefühlsleben. Immer wieder merkwürdig enthoben erscheint Oz dadurch allerdings von den Dynamiken der israelischen Gesellschaft. Auch Ozʼ Erbe und seine Reputation im heutigen Israel werden von Alter leider weniger thematisiert, als der Buchtitel vermuten lässt. Insgesamt aber ist es eine lesenswerte Biografie, die einen komplexen und beeindruckenden Menschen nuanciert würdigt.

Robert Alter: »Amos Oz. Autor, Friedensaktivist, Ikone«. Aus dem Englischen von Ursula Kömen. Jüdischer Verlag/Suhrkamp, Berlin 2024, 22 S., 26 €

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