Erich Salomon

Der erste Paparazzo

Erich Salomon schien auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen. Als Sohn eines Berliner Bankiers gehörte er zum gehobenen jüdischen Bürgertum der Hauptstadt. Nach einem Jurastudium schien ein sorgloses Leben auf den jungen Familienvater zu warten. Erster Dämpfer war die französische Kriegsgefangenschaft, in die er schon im Herbst 1914 geraten war.

Der zweite Dämpfer kam gleich nach dem Ersten Weltkrieg: Die Inflation hatte das Familienvermögen aufgezehrt. Salomon musste Geld verdienen. Bald sollte er die Pressefotografie revolutionieren. Doch weil er Jude war, wurde er zum Opfer der Nationalsozialisten. Am 7. Juli 1944, vor 75 Jahren, wurde Salomon mit 58 Jahren in Auschwitz ermordet.

ÄSTHETISCH Mitte der 1920er-Jahre hatte die Fotografie längst ihren festen Platz in Presse- und Buchwesen. Aber unhandliche Kameras erschwerten Fotografen das Leben. Salomon wollte das nicht hinnehmen. Er stieg von einer Plattenkamera bald auf eine kleine Ermanox mit lichtstarkem Objektiv um. Damit kamen Pressefotografen auch bei schlechten Lichtverhältnissen noch zu passablen Fotos. Diese vermittelten nun die Atmosphäre der jeweiligen Situation und erlaubten ästhetische Experimente.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Die technische Seite war das eine, das Gespür des Fotografen für den richtigen Augenblick das andere. Bereits 1928 machte sich Salomon als Fotojournalist selbstständig und kam sehr schnell auf der internationalen Bühne an. Sein Stil war neu; er zeigte die Protagonisten so, wie sie sich selbst wohl kaum inszeniert hätten: zwanglos plaudernd beim Essen, im kleinen Kreis die Köpfe zusammensteckend, Zigarren rauchend und Brandy trinkend. Eines seiner bekanntesten Fotos schoss er nachts um zwei während der Haager Konferenz, bei der Deutschlands Reparationszahlungen aus dem Ersten Weltkrieg verhandelt wurden. Seine Kamera zeigte erschöpfte Politiker, die in ihren Clubsesseln mehr lagen als saßen. 1930 war das Foto eine Sensation.

Sein großbürgerlicher Hintergrund kam Salomon bei seiner Arbeit zugute. Er wusste, wie man sich im Frack bewegte, sprach mehrere Sprachen und war umfassend gebildet. Von privaten Skandalen und Sensationen hielt er sich fern, er sah sich als Chronist seiner Zeit, unbestechlich und integer. Entsprechend präsentierte er sich in Ausstellungen und Fotobüchern. Dort finden sich auch Bilder, auf denen interessierte Zeitgenossen Zeitungen mit Salomons Fotos betrachten - ein Bild im Bild sozusagen.

KAISERHOF Einen »Meister der Selbstinszenierung« nannte ihn die Kunsthistorikerin Christiane Kuhlmann. Höhepunkte in seiner Karriere waren Diavorträge vor ausgewähltem Publikum. Dazu gehörte ein Vortrag im Mai 1931 im Berliner Hotel Kaiserhof vor 400 geladenen Gästen. Die ließen sich von dem redegewandten Fotografen seine besten Bilder zeigen. Diese qualitativ noch einmal aufgewerteten Dia-Reproduktionen trugen dazu bei, die Grenzen zwischen Kunst und Gebrauchsfotografie zu verwischen.

Keine zwei Jahre später war Salomon im Kaiserhof nicht mehr erwünscht, jetzt residierten hier die Nazis. Im Reichstag fotografierte er schon seit Anfang 1931 nicht mehr. Es lohnte nicht, Sitzungen fanden dort ohnehin kaum noch statt. Stattdessen verlegte er seine Arbeit zunehmend ins Ausland. Von einer Reise in die Niederlande im Januar 1933 kehrte er nicht mehr zurück, sondern siedelte sich mit seiner Familie in Den Haag an.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Über seine letzten Lebensjahre ist wenig bekannt. Salomon arbeitete weiter, aber sein berufliches Umfeld wurde zunehmend enger. 1942 tauchte die Familie unter, wurde denunziert, verhaftet und zuerst nach Westerbork, später nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert. Dort wurden Salomon, seine Frau und der jüngere Sohn Dirk ermordet.

Nur der älteste Sohn Otto, genannt Peter Hunter, überlebte im englischen Exil. Er trug nach und nach das verstreute Fotoarchiv seines Vaters wieder zusammen und übergab es der Berlinischen Galerie. Dort werden im Erich-Salomon-Archiv seit 1980 über 10.000 Fotos, Negative und Dokumente aufbewahrt. Es ist nur wenige Privates dabei. Der Mensch hinter der Kamera bleibt auch weiterhin weitgehend unbekannt.

Meinung

Antisemitische Verschwörungen, Holocaust-Relativierung, Täter-Opfer-Umkehr: Der Fall Samir

Der Schweizer Regisseur möchte öffentlich über seine wirren Thesen diskutieren. Doch bei Menschenhass hört der Dialog auf

von Philipp Peyman Engel  22.04.2024

Essay

Was der Satz »Nächstes Jahr in Jerusalem« bedeutet

Eine Erklärung von Alfred Bodenheimer

von Alfred Bodenheimer  22.04.2024

Sehen!

Moses als Netflix-Hit

Das »ins­pirierende« Dokudrama ist so übertrieben, dass es unabsichtlich lustig wird

von Sophie Albers Ben Chamo  22.04.2024

Immanuel Kant

Aufklärer mit Ressentiments

Obwohl sein Antisemitismus bekannt war, hat in der jüdischen Religionsphilosophie der Moderne kein Autor mehr Wirkung entfaltet

von Christoph Schulte  21.04.2024

TV

Bärbel Schäfer moderiert neuen »Notruf«

Die Autorin hofft, dass die Sendung auch den »echten Helden ein wenig Respekt« verschaffen kann

von Jonas-Erik Schmidt  21.04.2024

KZ-Gedenkstätten-Besuche

Pflicht oder Freiwilligkeit?

Die Zeitung »Welt« hat gefragt, wie man Jugendliche an die Thematik heranführen sollte

 21.04.2024

Memoir

Überlebenskampf und Neuanfang

Von Berlin über Sibirien, Teheran und Tel Aviv nach England: Der Journalist Daniel Finkelstein erzählt die Geschichte seiner Familie

von Alexander Kluy  21.04.2024

Glosse

Der Rest der Welt

Nur nicht selbst beteiligen oder Tipps für den Mietwagen in Israel

von Ayala Goldmann  20.04.2024

Frankfurt am Main

Bildungsstätte Anne Frank zeigt Chancen und Risiken von KI

Mit einem neuen Sammelband will sich die Institution gegen Diskriminierung im digitalen Raum stellen

von Greta Hüllmann  19.04.2024