Erich Salomon

Der erste Paparazzo

Sein Arbeitsfeld waren Galadiners, Parlamente und Gerichtshöfe: Erich Salomon (1886-1944) Foto: Berlinische Galerien

Erich Salomon schien auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen. Als Sohn eines Berliner Bankiers gehörte er zum gehobenen jüdischen Bürgertum der Hauptstadt. Nach einem Jurastudium schien ein sorgloses Leben auf den jungen Familienvater zu warten. Erster Dämpfer war die französische Kriegsgefangenschaft, in die er schon im Herbst 1914 geraten war.

Der zweite Dämpfer kam gleich nach dem Ersten Weltkrieg: Die Inflation hatte das Familienvermögen aufgezehrt. Salomon musste Geld verdienen. Bald sollte er die Pressefotografie revolutionieren. Doch weil er Jude war, wurde er zum Opfer der Nationalsozialisten. Am 7. Juli 1944, vor 75 Jahren, wurde Salomon mit 58 Jahren in Auschwitz ermordet.

ÄSTHETISCH Mitte der 1920er-Jahre hatte die Fotografie längst ihren festen Platz in Presse- und Buchwesen. Aber unhandliche Kameras erschwerten Fotografen das Leben. Salomon wollte das nicht hinnehmen. Er stieg von einer Plattenkamera bald auf eine kleine Ermanox mit lichtstarkem Objektiv um. Damit kamen Pressefotografen auch bei schlechten Lichtverhältnissen noch zu passablen Fotos. Diese vermittelten nun die Atmosphäre der jeweiligen Situation und erlaubten ästhetische Experimente.

Die technische Seite war das eine, das Gespür des Fotografen für den richtigen Augenblick das andere. Bereits 1928 machte sich Salomon als Fotojournalist selbstständig und kam sehr schnell auf der internationalen Bühne an. Sein Stil war neu; er zeigte die Protagonisten so, wie sie sich selbst wohl kaum inszeniert hätten: zwanglos plaudernd beim Essen, im kleinen Kreis die Köpfe zusammensteckend, Zigarren rauchend und Brandy trinkend. Eines seiner bekanntesten Fotos schoss er nachts um zwei während der Haager Konferenz, bei der Deutschlands Reparationszahlungen aus dem Ersten Weltkrieg verhandelt wurden. Seine Kamera zeigte erschöpfte Politiker, die in ihren Clubsesseln mehr lagen als saßen. 1930 war das Foto eine Sensation.

Sein großbürgerlicher Hintergrund kam Salomon bei seiner Arbeit zugute. Er wusste, wie man sich im Frack bewegte, sprach mehrere Sprachen und war umfassend gebildet. Von privaten Skandalen und Sensationen hielt er sich fern, er sah sich als Chronist seiner Zeit, unbestechlich und integer. Entsprechend präsentierte er sich in Ausstellungen und Fotobüchern. Dort finden sich auch Bilder, auf denen interessierte Zeitgenossen Zeitungen mit Salomons Fotos betrachten - ein Bild im Bild sozusagen.

KAISERHOF Einen »Meister der Selbstinszenierung« nannte ihn die Kunsthistorikerin Christiane Kuhlmann. Höhepunkte in seiner Karriere waren Diavorträge vor ausgewähltem Publikum. Dazu gehörte ein Vortrag im Mai 1931 im Berliner Hotel Kaiserhof vor 400 geladenen Gästen. Die ließen sich von dem redegewandten Fotografen seine besten Bilder zeigen. Diese qualitativ noch einmal aufgewerteten Dia-Reproduktionen trugen dazu bei, die Grenzen zwischen Kunst und Gebrauchsfotografie zu verwischen.

Keine zwei Jahre später war Salomon im Kaiserhof nicht mehr erwünscht, jetzt residierten hier die Nazis. Im Reichstag fotografierte er schon seit Anfang 1931 nicht mehr. Es lohnte nicht, Sitzungen fanden dort ohnehin kaum noch statt. Stattdessen verlegte er seine Arbeit zunehmend ins Ausland. Von einer Reise in die Niederlande im Januar 1933 kehrte er nicht mehr zurück, sondern siedelte sich mit seiner Familie in Den Haag an.

Über seine letzten Lebensjahre ist wenig bekannt. Salomon arbeitete weiter, aber sein berufliches Umfeld wurde zunehmend enger. 1942 tauchte die Familie unter, wurde denunziert, verhaftet und zuerst nach Westerbork, später nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert. Dort wurden Salomon, seine Frau und der jüngere Sohn Dirk ermordet.

Nur der älteste Sohn Otto, genannt Peter Hunter, überlebte im englischen Exil. Er trug nach und nach das verstreute Fotoarchiv seines Vaters wieder zusammen und übergab es der Berlinischen Galerie. Dort werden im Erich-Salomon-Archiv seit 1980 über 10.000 Fotos, Negative und Dokumente aufbewahrt. Es ist nur wenige Privates dabei. Der Mensch hinter der Kamera bleibt auch weiterhin weitgehend unbekannt.

Podcast

»Eine Erfolgsgeschichte«

In der ersten Folge der neuen Reihe spricht Zentralratspräsident Josef Schuster über den Neuanfang jüdischen Lebens in Deutschland und aktuelle Herausforderungen

 09.07.2020

»Tehran«

Verbotene Orte

Schauplatz der erfolgreichen israelischen Agentengeschichte ist die iranische Hauptstadt

von Ralf Balke  09.07.2020

Knut Elstermann

Endlich wieder Kino

Der Filmkritiker ist mehr als froh, dass die Kinos wieder geöffnet sind und treue Filmfans Unterstützung anbieten

von Knut Elstermann  09.07.2020

Wuligers Woche

Liebe linke jüdische Freunde

Ein offener Brief. Um Antwort wird gebeten

von Michael Wuliger  09.07.2020

Streaming

Zu Hause mit Midge, Maura und Esti

Welche Serien haben den Lockdown besonders erleichtert? Wir haben drei Filmexpertinnen gefragt

von Ralf Balke  09.07.2020

Musik

Pop mit Psalmen

Ishay Ribo ist sowohl bei Säkularen als auch bei Religiösen äußerst beliebt. Jetzt gab er in Jerusalem für Fans in aller Welt ein Konzert

von Detlef David Kauschke  09.07.2020

Stipendium

Neue Facetten der Begegnung

Das ELES-Stipendienwerk »Beck Berlin« will mehr junge Israelis zum Studium in die Hauptstadt holen

von Jérôme Lombard  09.07.2020

Zahl der Woche

9438 Gemeindemitglieder

Fun Facts und Wissenswertes

 09.07.2020

Glosse

Der Rest der Welt

Warum ich wegen der Maskenpflicht zum Koch werde

von Eugen El  09.07.2020