Kunst

Denkmal zu Ehren Moses Mendelssohns

Moses Mendelssohn Foto: dpa

Kunst

Denkmal zu Ehren Moses Mendelssohns

Am 14. Juni soll das Werk des israelischen Bildhauers Micha Ullman enthüllt werden

von Sigrid Hoff  04.02.2016 10:51 Uhr

Der Bebelplatz in Berlin-Mitte: Baucontainer türmen sich vor der Staatsoper. An einer Stelle in der Mitte des Platzes verharren Touristen und blicken gebannt nach unten. Ein hell erleuchteter quadratischer Raum tut sich im Boden auf, abgedeckt durch eine Glasplatte. An den Wänden stehen leere Regale.

Micha Ullmans unterirdische »Bibliothek« ist ein beeindruckendes Mahnmal, mit dem der Künstler in Deutschland berühmt wurde. Es erinnert an die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933. Das zentrale Thema seiner Arbeiten ist die Leere, das Schweigen, die Abwesenheit von Personen oder Dingen.

Schweigen »Durch die Abwesenheit der Bücher ist das Schweigen ziemlich radikal«, urteilt der Künstler über diese 1995 realisierte Arbeit. Sie steht in einer Reihe von Kunstwerken, die er für den öffentlichen Raum geschaffen hat.

Sein jüngster Entwurf »Haus Mendelssohn« ist ein Bodendenkmal im Straßenpflaster vor der Marienkirche in Berlin-Mitte. Es soll an den Wohnort des jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn an der Spandauer Straße erinnern. Die offizielle Enthüllung des bereits 2015 fertiggestellten Denkmals musste mehrfach verschoben werden und findet nun am 14. Juni statt.

Der 1939 in Tel Aviv geborene Bildhauer, der in Ramat Hasharon lebt, arbeitet seit fast 50 Jahren wie ein Archäologe, der die Erinnerung unter der Oberfläche des Sichtbaren sucht. Die meisten seiner Werke befinden sich im Boden, seine Materialien sind Erde, Stein, Metall, mitunter auch Papier oder Wasser. 1972 schuf er seine erste Bodenarbeit Messer/Metzer.

Nach Gesprächen mit Jugendlichen zweier benachbarter israelischer und palästinensischer Dörfer, ließ er sie zwei Löcher in den Boden graben und mit der Erde aus dem jeweils anderen Loch auffüllen. »Die Oberfläche und die Grabung unter der Erde, das hat diese Ambivalenz von Leben und Tod«, sagt der 75-Jährige, ein existenzielles Thema, das eng mit der Geschichte Israels und auch der Schoa verbunden ist.

familiengeschichte Micha Ullman kommt aus einer deutsch-jüdischen Familie, seine Angehörigen mütterlicherseits wurden im KZ ermordet, der Vater emigrierte mit Eltern und Geschwistern nach Israel. In Erinnerung an seine Familie entstand 1999 eine Arbeit in Hannoversch Münden. 100 Kilometer von dem Dorf entfernt, in dem sein Vater mit sieben Geschwistern aufgewachsen war, grub er ein Boot für sieben Personen aus Beton am Flussufer ein, das immer wieder vom Weser-Hochwasser überspült wird.

»Auf der einen Seite die natürliche Energie, Wasser, das steigt und das Boot, das untergeht, das ist die Katastrophe«, erklärt der Künstler. Natur und Kunst gehen wie in vielen seiner Werke eine Symbiose mit biografischen und historischen Bezügen ein.

Die deutschen Vorfahren von Micha Ullman waren orthodoxe Juden, er selbst wurde liberal erzogen. Auch wenn er sich als nicht-gläubig bezeichnet, hat er religiöse Gefühle, wie er bekennt. Deshalb ist ihm die 2012 realisierte Arbeit »Stufen« in der Berliner St. Matthäus-Kirche im Tiergarten besonders lieb: eine Glasplatte über einem unterirdischen Raum, sieben Stufen, bedeckt von roter Erde aus Israel führen hinab ins Leere – ein wichtiges Symbol, das auch an die gemeinsame Wurzel des Alten Testaments erinnert.

Seine leeren Räume, die Anwesenheit des Abwesenden, versteht er als eine Einladung an den
Betrachter: »Wenn ich nichts sehe, dann gehen die Gedanken und Gefühle nach innen.«

Fenster Als besonders spannend empfand er die Arbeit an dem Denkmal für Moses Mendelssohn an der Ecke Karl-Liebknecht-/Spandauer Straße in Berlin-Mitte. Auf der Basis eines Fotos des Wohnhauses, das heute nicht mehr existiert, entwickelte Ullman eine Projektion der Fassade als Schattenbild im Boden: Zwölf Fenster und die Eingangstür sind in dunklem Granit in den Bürgersteig eingelassen.

Reproduziert als Bodeninstallation ist auch die Gedenktafel, die einst über dem Eingang angebracht war mit der Inschrift »In diesem Haus lebte und wirkte Unsterbliches Moses Mendelssohn.« Und auch hier ist der Himmel über Berlin für Micha Ullman Teil seines Werks: Bei Regen färben sich die Fenstersteine dunkel, in der feuchten Oberfläche spiegelt sich der Himmel über Berlin.

Amulette

Erfurter Ausstellung zeigt israelische Kunst

Die Galerie Waidspeicher zeigt Werke israelischer Künstlerinnen und 555 Hamsa-Amulette aus Jerusalem. Das Motiv der Hamsa in Form einer geöffneten Hand ist im Judentum, im Islam und im Christentum gebräuchlich

von Matthias Thüsing  10.03.2026

München

Ermittlungen zu Nazi-Parole gegen Fleischhauer eingestellt

Der Kolumnist bedient sich bei einem Podcast eines Slogans der Nationalsozialisten, um damit den AfD-Nachwuchs zu kritisieren. Deshalb wird gegen ihn ermittelt - jedoch nicht besonders lang

 10.03.2026

TV-Tipp

Die Puppe mit dem Hitlergruß: Das turbulente Leben der Unternehmerin Käthe Kruse

»Ich kauf‘ Euch keine Puppen - macht Euch selber welche!« Max Kruses junge Geliebte nahm diese brüske Absage wortwörtlich und wurde berühmt. Arte zeichnet die bewegte Biografie von Käthe Kruse nach

von Manfred Riepe  10.03.2026

New York

Ben Stiller: »Krieg ist kein Film«

Immer wieder nutzt die US-Regierung bekanntes Film- oder Musikmaterial für eigene Videoclips - wohl ohne zu fragen. Jetzt beschwert sich deswegen Schauspieler Ben Stiller

 10.03.2026

Comedy

Streichelzoo mit Fischen

Die Serie »JoJo & Simha: Exploring Berlin3000« erzählt auf Social Media von drei tollpatschigen jüdischen Handwerkern der Zukunft

von Pascal Beck  09.03.2026

Women’s Asian Cup

Trump fordert von Australien Asyl für iranische Fußballerinnen

Die Spielerinnen hatten sich vor dem Anstoß im Robina Stadium geweigert, die iranische Nationalhymne zu singen

 09.03.2026

Magdeburg

Auftakt für jüdische Kultur in Sachsen-Anhalt

Ministerpräsident Sven Schulze betonte als Schirmherr die Bedeutung der Kulturtage als klares Signal der Solidarität mit Jüdinnen und Juden in Sachsen-Anhalt

 09.03.2026

Sprache

»Wat willste?«

Die Autorin Lea Streisand hat ein Buch über den vielleicht schönsten Dialekt des Deutschen geschrieben, das Berlinerische. Ein Besuch zwischen »ick«, »icke« und »dufte«

von Katrin Richter  08.03.2026

Berlin/Los Angeles

Weimer lädt Chalamet in die Oper ein: »Kann mal daneben liegen«

Interessiert sich wirklich niemand mehr für Oper und Ballett? So findet es zumindest »Marty Supreme«-Star Timothée Chalamet. Wie der Kulturstaatsminister den Oscar-Anwärter umstimmen will

 08.03.2026