Geschichte

Denker der Revolution

Walter Grab (1919–2000) in den 90er-Jahren Foto: privat

Am 17. Februar 2019 wäre der Historiker Walter Grab 100 Jahre alt geworden. Walter Grab war Österreicher (1919 wurde er in Wien geboren), Israeli (1938 wanderte er unmittelbar nach dem »Anschluss« aus und blieb im 1948 gegründeten Staat Israel sein Leben lang), von Beruf zunächst Taschenhändler – er übernahm das Geschäft seiner Eltern und führte es in Tel Aviv bis weit ins Erwachsenenleben hinein fort –, von Berufung aber Historiker deutscher Geschichte. 1962 kam er nach Deutschland, um in Hamburg sein Geschichtsstudium mit einer Promotion bei Fritz Fischer zu beenden.

Sein persönlicher Werdegang ist damit sowohl außergewöhnlich wie typisch zugleich: Als Historiker hat er wichtige Beiträge zur Demokratiegeschichte und ihrer Verbindung zur Emanzipation der Juden verfasst. Insbesondere die Französische Revolution und ihre Wirkungsgeschichte haben ihn lebenslang beschäftigt. Besonders trieb ihn dabei die Frage um, weshalb die revolutionären Ideen in Deutschland so viel weniger erfolgreich umgesetzt wurden als in Frankreich. Für ihn war die Geschichte der Judenemanzipation untrennbar mit der Geschichte der Demokratie und der Revolutionen verbunden. Im Rahmen eines interdisziplinären Kolloquiums in Hamburg wurden nun seine Arbeiten und seine Persönlichkeit gewürdigt.

STIPENDIUM Walter Grab wurde als Sohn einer jüdischen Familie in Wien geboren. Nach dem Abitur begann er zwar ein Studium an der Universität Wien, doch gleich nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland flüchtete er 1938 mit seinen Eltern nach Tel Aviv. Dort war er im Geschäft seiner Eltern, einem Handel mit Handtaschen, tätig, heiratete und hatte bald eine Familie mit zwei Kindern. Erst im Alter von 43 Jahren begann er an der Hebräischen Universität Jerusalem und der Universität Tel Aviv mit einem Studium der Geschichte, Philosophie und Literaturwissenschaft. 1962 dann erhielt er ein Stipendium der Friedrich‐Ebert‐Stiftung, das ihm die Vertiefung seiner Studien erlaubte und ihn nach Hamburg ans dortige Europakolleg brachte. 1965 wurde er an der Universität Hamburg bei Fritz Fischer über Demokratische Strömungen in Hamburg und Schleswig‐Holstein 1792–1799 promoviert.

Von 1965 bis 1970 war er Dozent an der Universität Tel Aviv, danach außerordentlicher und ab 1972 ordentlicher Professor. Im Jahre 1971 gründete er mit Unterstützung aus Deutschland das bis heute bestehende Institut für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv, das er bis zu seiner Emeritierung 1986 leitete. Am 17. Dezember 2000 starb Walter Grab in Tel Aviv nachdem er sich über Jahrzehnte für eine Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und Wissenslandschaft eingesetzt hatte.

An der Universität Tel Aviv gründete Walter Grab das Institut für Deutsche Geschichte.

Seine Hamburger Zeit spielte dabei eine ganz besondere Rolle. Welches wissenschaftliche Umfeld fand er aber zu Beginn seiner Auseinandersetzungen mit der deutschen Geschichte in der Hansestadt der 60er‐Jahre vor? Zum einen entstanden just in jenen Jahren an der Rothenbaumchaussee, in dem Stadtviertel, in dem vor dem Krieg der größte Anteil der Hamburger Juden gelebt hatte, zwei Forschungsinstitute, bei denen ein gewisses Interesse seitens jüdischer Historiker angenommen werden kann: Sowohl die Arbeitsstelle zur Erforschung des Nationalsozialismus (heute: Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg) als auch das Institut für die Geschichte der deutschen Juden befanden sich in ihren institutionellen Anfängen, die auch Grab nicht entgangen sein dürften. Dennoch wandte sich Grab auch in späteren Jahren nicht an diese Institute, sondern an die Universität Hamburg und im Besonderen an Fritz Fischer.

In seiner Autobiografie Meine vier Leben schreibt Walter Grab: »Ich wollte keinesfalls bei einem Professor promovieren, der mit der deutschnationalen Ideologie auch nur im entferntesten zu tun hatte; zu Beginn der sechziger Jahre waren fast alle Lehrstühle entweder mit Konservativen oder ehemaligen Nazis besetzt.« Das schwierige Klima, das Grab – durchaus zu Recht – befürchtete, in Deutschland anzutreffen, schwankte somit deutlich zwischen offener Verdrängung und ersten zaghaften Versuchen einer Aufarbeitung der Geschichte.

REMIGRANTEN Dabei tat sich die Universität Hamburg besonders schwer mit der eigenen Geschichte. Die Universität, die vor der nationalsozialistischen Machtergreifung überdurchschnittlich viele jüdische Lehrende, Promovierte und Habilitanden in ihren Reihen hatte, war in den frühen 60er‐Jahren noch von den Folgen der NS‐Zeit geprägt. Von der Universität Hamburg waren insgesamt 93 Wissenschaftler vertrieben worden. Einige, wie der Philosoph Ernst Cassirer, waren im Exil verstorben, anderen erging es wie der ersten Hamburger Professorin, der Philologin Agathe Lasch, die 1942 deportiert und ermordet wurde. Und Dritte schließlich weigerten sich, wie der Kunsthistoriker Erwin Panofsky, in das Täterland zurückzukehren.

Wie problematisch der Umgang mit der jüngsten Geschichte war, verdeutlicht darüber hinaus auch der Rat von Egmont Zechlin, der 1947 einen Ruf an die Hamburger Universität erhalten hatte und offen Studenten davon abriet, bei remigrierten Wissenschaftlern wie Siegfried Landshut Veranstaltungen zu besuchen, schließlich hätten sie während des Krieges auf der falschen, nämlich »auf der Seite der Briten« gestanden. Die Anfeindungen gegen zurückkehrende Hochschullehrer waren damit nur eines der Zeichen einer fehlenden Bereitschaft zur Aufarbeitung der eigenen jüngsten Geschichte. Auch Fritz Fischer, bei dem sich Walter Grab entschieden hatte zu promovieren und der für seine »Kriegsschuldthese« in seinem Buch zu den Ursachen des Ersten Weltkriegs offen und erheblich angefeindet wurde, verfolgte keine eigene Aufarbeitung seiner Verstrickungen in das NS‐Régime.

Wiederholt sollte Grab auf seinem Lebensweg mit dieser belasteten deutsch‐jüdischen Vergangenheit konfrontiert sein – eine Tatsache, die er zuweilen mit Humor, zuweilen erkennbar angewidert in Worte fasste. So, wenn er für das Stipendium, das ihn überhaupt nach Hamburg brachte, in die Rubrik der »hochbegabten Spätheimkehrer« eingestuft wurde, mit der eigentlich ehemalige Kriegsverbrecher und Kriegsgefangene gemeint waren, die nach 1955 in die Bundesrepublik zurückkamen.

ausland Dabei musste Grab, wie auch viele andere, die aus dem Ausland zurückkamen und sich entschieden, einen Forschungsstandort zur deutsch‐jüdischen Geschichte im Nachkriegsdeutschland mit aufzubauen oder in Deutschland zu forschen, Überzeugungsarbeit nicht nur gegenüber ihren nichtjüdischen deutschen Kollegen leisten, sondern auch oder gerade gegenüber den deutschen Juden, die mehrheitlich in der Emigration blieben. Diese, ebenso wie zionistische, nichtdeutsche Juden, betrachteten jegliche Vorstellung eines Wiederaufbaus jüdischen Lebens in der Diaspora, insbesondere im Land der Täter, mit größter Skepsis, was durch das feindselige Klima gegenüber Remigranten und die nur sehr zaghaften Versuche einer Aufarbeitung der Geschichte in der unmittelbaren Nachkriegszeit nur bestärkt wurden.

Jüdischen Rückkehrern wurde seinerzeit mit Skepsis begegnet.

Und wenn sie zurückkehrten, beispielsweise als Wissenschaftler, so wurden sie doch wieder als Juden wahrgenommen – selbst wenn sie sich, wie es Walter Grab in seiner Autobiografie berichtet, mit Jakobinismus und zunächst nicht mit jüdischer Geschichte befassten. Grab schildert recht eindrücklich eine Begegnung mit dem Hamburger Archivdirektor Dr. Bolland, der mit ihm beileibe nicht über die Revolutionsepoche sprach, sondern sich bemüßigt fühlte, ihn mit Ausführungen über seine Haltung zu Juden zu bedrängen.

Nur 30.000 der etwa 500.000 Menschen, die nach der Machtergreifung emigriert waren, kehrten nach der Befreiung nach Deutschland zurück. Auch wenn die Zahl der Wissenschaftler unter den Rückkehrern vergleichsweise hoch war – immerhin kehrten zehn Prozent wieder in ihr Herkunftsland zurück –, so muss doch bedacht werden, dass die meisten bei Kriegsende längst im Ausland versucht hatten, neue Karrieren aufzubauen. In den Geburtsjahrgängen ab 1897 schien eine Rückkehr wie ein erneutes Karriererisiko – zugleich war sie aber auch zuweilen notwendig, um in irgendeiner Weise eine soziale Absicherung zu erhalten, die über mögliche Entschädigungsansprüche geltend gemacht werden konnte.

MISSTRAUEN An die Universität Hamburg kehrten sieben Wissenschaftler zurück, teilweise aber nur für Gastsemester und nicht auf Dauer. Oftmals behielten sie die inzwischen erworbenen Staatsangehörigkeiten ihrer Emigrationsländer bei, Ausdruck sowohl der Verbundenheit gegenüber dem Exilland als auch des tiefsitzenden Misstrauens gegenüber der neubegründeten BRD.

Gerade in Hamburg war das Klima geprägt von dem besonders unrühmlichen Fall des Germanisten Walter A. Berendsohn, dem in den 50er‐Jahren eine Rückkehr verweigert wurde. Als Freimaurer und Pazifist wurde er 1933 entlassen, 1936 wurde ihm die Staatsangehörigkeit aberkannt, womit er im gleichen Zuge seinen Doktortitel der Universität Kiel verlor. Nach Kriegsende nun berief sich die Philosophische Fakultät der Universität Hamburg darauf, dass sie ihm mangels Doktortitel die Venia legendi nicht wiedergeben könne. Er starb 1984 in Schweden – erst mit der Benennung der Forschungsstelle für Exilliteratur nach Walter A. Berendsohn wurde ihm die späte (Wieder-)Anerkennung als Wissenschaftler an der Universität Hamburg zuteil.

Es mögen diese Erfahrungen gewesen sein, die Walter Grab dazu brachten, bei Fritz Fischer studieren zu wollen. Vielleicht entschied er sich auch bewusst für eine Rückkehr, die für ihn doch keine gänzliche Rückkehr war – nämlich gegen ein Studium in Österreich, und für ein Studium in Deutschland.

selbstverständnis Was Walter Grab auszeichnete und was er mit einigen – gerade den aus dem Exil zurückkehrenden – Kollegen an der Universität gemein hatte, war sein Selbstverständnis, Wissenschaft auch als politischen und aufklärerischen Auftrag zu betreiben. So mussten oder wollten zeitweise zurückkehrende Forscher wie Grab, aber auch Remigranten, durchaus auch eine Rolle erfüllen – eine Gelegenheit, die sie zuweilen bewusst und geradezu enthusiastisch ergriffen: Sie verstanden sich als Vermittler demokratischer Werte und sahen ihre Arbeit als zentral für den Aufbau eines demokratischen und neuen europäischen Westens.

Grab verstand sein politisches und akademisches Engagement auch als Beitrag für ein besseres Deutschland und Europa.

Grab verstand gerade auch darin einen besonderen Auftrag. Zwar war er 1956 gemeinsam mit seiner Frau Alice aus der Kommunistischen Partei Israels ausgeschlossen worden, aber dennoch war er weiterhin verschiedentlich politisch aktiv und verstand sein politisches und akademisches Engagement auch als Beitrag für ein besseres Deutschland und Europa.

Damit befand er sich in der Gesellschaft von weiteren Wissenschaftlern, die zurückgekehrt waren und den politisch‐erzieherischen Anspruch zu einem Teil ihres Selbstverständnisses gemacht hatten: dem Politikwissenschaftler Siegfried Landshut, dem Psychologen und Jugendbewegten Curt Bondy, dem Sozialökonomen Eduard Heimann, der etwa zeitgleich mit Grab nach Hamburg (zurück)kam; und zu guter Letzt auch Heinz Moshe Graupe, dem ersten Direktor des erwähnten Instituts für die Geschichte der deutschen Juden, dessen Gründungsphase just in den Jahren liegt, in denen Walter Grab in Hamburg lebte und forschte.

Die Autorin ist Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg und Mitglied des Beirats des Tel Aviver Instituts für deutsche Geschichte. Die Beiträge der Konferenz »Walter Grab und die Demokratiebewegung in Europa«, u.a. von Dan Diner, Yael Kupferberg, Galili Shahar und Paul Nemitz, sollen in einem Tagungsband veröffentlicht werden.

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