»Autokratie überwinden«

Demokratische Dissidentin

Foto: PR

»Autokratie überwinden«

Demokratische Dissidentin

Masha Gessens Warnschrift ruft zur Stärkung der Institutionen gegen autoritäres Regierungshandeln auf

von Marko Martin  25.10.2020 08:16 Uhr

Masha Gessen war 14 Jahre alt, als ihrer russisch-jüdischen Familie 1981 erlaubt wurde, die Sowjetunion zu verlassen und in die Vereinigen Staaten überzusiedeln. Zur gleichen Zeit hatten zahllose andere, die dem kaum kaschierten Antisemitismus des Kreml-Regimes zu entkommen versuchten, ihre Ausreiseanträge mit Haft, Lager und Verbannung bezahlt.

Refuseniks Diesen sogenannten Refuseniks stand damals vor allem der (nichtjüdische) Dissident Andrej Sacharow bei, dem es gelang, internationale Solidarität zu organisieren. Hätte sich die junge Masha Gessen vorstellen können, dass sie vier Jahrzehnte später den ethischen Elan von Menschen wie Sacharow, Václav Havel oder Lech Walesa nun den Menschen in den USA als eine Art letzte Hoffnung präsentieren müsste?

Ihr Buch profitiert von der Russlandkenntnis der Autorin.

Die vielfach ausgezeichnete Journalistin und lesbische Bürgerrechtsaktivistin beginnt ihr aktuelles Buch Autokratie überwinden jedoch nicht mit einer identitätspolitischen Befindlichkeitsfloskel à la »Ich als russisch-jüdisch-amerikanische nicht-binäre-Person …« Stattdessen legt sie eine profunde Analyse all der ob ihrer Häufung inzwischen schon fast halbvergessenen Infamien, Täuschungen, Tricksereien, Lügen und Rechtsverstöße vor, mit denen die Öffentlichkeit seit Donald Trumps Präsidentschaftskandidatur konfrontiert worden ist.

MACHT Ihr kristallin strukturiertes Buch profitiert dabei durchaus von der Russlandkennerschaft der Autorin: Von 1991 bis 2013 war Masha Gessen als Korrespondentin nach Moskau zurückgekehrt, wo sie Zeugin des schier unaufhaltsamen Aufstiegs des KGB-Obristen Wladimir Putin wurde, der vieles gemeinsam habe mit dem gegenwärtigen Bewohner des Weißen Hauses.

Sowohl Trump als auch Putin seien, so Gessen, trotz aller ostentativen Anti-Intellektualität von geradezu wieselschneller Macht-Intelligenz und dabei keineswegs frohgemute Patrioten, sondern misstrauische Nihilisten, denen Herrschaftssicherung über alles gehe.

Doch existieren in den Vereinigten Staaten nicht weiterhin Medienfreiheit und Gewaltenteilung? Gewiss. Doch was, wenn sich jeder in einer mehr oder minder faktenfernen »Medien-Bubble« einschließt?

Außerdem: »Checks and Balances« funktionieren nur, wenn alle Mitspieler die allgemeingültigen Regeln respektieren. »Die Institutionen werden euch nicht schützen«, schreibt Masha Gessen und erinnert daran, wie bereits vor Trump einflussreiche Republikaner Hatespeech betrieben und Verschwörungstheorien in Umlauf gebracht haben.

Zudem sei in zahlreichen Bundesstaaten durch den parteipolitisch motivierten Neuzuschnitt von Wahlkreisen mit afroamerikanischer Bevölkerungsmehrheit immer wieder das Wählervotum verfälscht worden.

BUBBLE Doch was ließe sich dagegen tun? Masha Gessens Präferenz für einige dezidiert linke weibliche Kongressabgeordnete irritiert hier durchaus, sind diese doch nicht allein durch profunde Trump-Kritik bekannt geworden, sondern auch durch ein antizionistisches Israel-Bashing, das vor allem in der »Bubble« von Eliteuniversitäten ihr Echo findet.

Ungleich plausibler hingegen ist Gessens Insistieren auf der Verteidigung und Neujustierung der vorhandenen Institutionen als Barriere gegen autoritäres Regierungshandeln. Denn so wichtig jemand wie Andrej Sacharow im Kampf gegen das Lügensystem in der UdSSR auch gewesen ist – es wäre schlimm bestellt um die USA, gäbe es dort tatsächlich nur noch einzelne Bürgerrechtler und Dissidenten als letzte Hoffnung.

Masha Gessen: »Autokratie überwinden«. Aus dem Englischen von Henning Dedekind und Karlheinz Dürr, Aufbau, Berlin 2020. 299 S., 20 €

Erhebung

Dieser hebräische Babyname ist in Deutschland am beliebtesten

Welche Namen geben Eltern ihren Sprösslingen in diesem Jahr am liebsten? In welchen Bundesländern gibt es Abweichungen?

 02.01.2026 Aktualisiert

Theater

Zwischen Witz und Wut

Avishai Milstein erinnert in seinem neuen Stück in den Münchner Kammerspielen an Philipp Auerbach – mit Samuel Finzi in der Hauptrolle

von Michael Schleicher  02.01.2026

Be'eri

Nach dem 7. Oktober

Daniel Neumann hat den Kibbuz Be’eri besucht und fragt sich, wie es nach all dem Hass und Horror weitergehen kann. Er weiß, wenn überhaupt, dann nur in Israel

von Daniel Neumann  02.01.2026

W. Michael Blumenthal

»Jetzt wird es sich zeigen«

Der Gründungsdirektor des Jüdischen Museums Berlin wird 100 Jahre alt. Er floh 1939 nach Shanghai und ging 1947 in die USA. Heute fragt er sich, ob wir aus der Geschichte gelernt haben

von Axel Brüggemann  02.01.2026

Daniel Kahn

»Das Akkordeon war ein Schlüssel«

Der Musiker über seine Liebe zum Instrument des Jahres 2026

von Christine Schmitt  01.01.2026

Sehen!

Fast alles über Johann Strauss

Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Wien

von Tobias Kühn  31.12.2025

Kulturkolumne

Der »Seinfeld«-Effekt oder: Curb your Antisemitism!

2026 kann ja heiter werden

von Sophie Albers Ben Chamo  31.12.2025

Sprachgeschichte

Rutsch, Rosch und Rausch

Hat der deutsche Neujahrsglückwunsch wirklich hebräische Wurzeln?

von Christoph Gutknecht  31.12.2025 Aktualisiert

Programm

Götter, Märchen und Le Chaim: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 31. Dezember bis zum 13. Januar

 31.12.2025