Film

»Das Träumen niemals verlernen«

Steven Spielberg über »BFG – Big Friendly Giant«, die Faszination Kino und die Bedeutung von »Schindlers Liste«

von Patrick Heidmann  11.07.2016 18:41 Uhr

»›Schindlers Liste‹ ist einer meiner wichtigsten Filme. Er hält die Erinnerung an die ermordeten Juden wach«: Regisseur Steven Spielberg Foto: imago

Steven Spielberg über »BFG – Big Friendly Giant«, die Faszination Kino und die Bedeutung von »Schindlers Liste«

von Patrick Heidmann  11.07.2016 18:41 Uhr

Herr Spielberg, Ihr neuer Film »BFG – Big Friendly Giant« basiert auf einem Kinderbuch des britischen Schriftstellers Roald Dahl. Weshalb haben Sie sich gerade für diese Geschichte entschieden?
In erster Linie gefiel mir, dass im Mittelpunkt der Geschichte nicht ein Junge, sondern ein Mädchen steht. Und zwar ein ziemlich starkes Mädchen, dem man es abnimmt, dass es mit seinen gerade einmal 1,20 Metern letztlich einen fast acht Meter hohen Riesen überragt. Ich fand einfach Gefallen daran, vom Mut und den Werten dieses großen kleinen Mädchens zu erzählen, dem es am Ende gelingt, den Angsthasen, der der Riese im Grunde ist, zu einem tapferen Helden zu machen.

Viele Regisseure inszenieren Dahls Werke sehr albern und schrill ...
Ja, und ich wusste von Anfang an, dass das genau der Ansatz ist, den ich nicht wollte. Für viele hätte eine richtige Komödie nahegelegen, für einen Schauspieler wie Will Ferrell oder auch Robin Williams, wenn er noch leben würde. Mir schwebte dagegen immer eine zwar humorvolle, aber eben doch ernsthafte, klassische Erzählweise vor. Nur wer den freundlichen Riesen spielen würde, war mir ein völliges Rätsel.

Schließlich wurde es Mark Rylance, der erst im vergangenen Jahr in Ihrem Film »Bridge of Spies« zu sehen war und dafür den Oscar gewann.
Meine gute Freundin Melissa Mathison, die schon E.T. – Der Außerirdische geschrieben hatte, und ich fingen schon mit der Arbeit am Drehbuch von BFG an, ohne zu wissen, wen wir besetzen würden. Während wir gerade mit der fünften Fassung beschäftigt waren, begann ich mit dem Dreh zu Bridge of Spies. Gleich die erste Szene war die, in der Mark und Tom Hanks sich erstmals im Gefängnis begegnen. Ich konnte meinen Blick nicht abwenden und sah Mark staunend mit offenem Mund beim Spielen zu. Auch Tom Hanks war anschließend richtig aus dem Häuschen. Am Abend nahm ich Mark beiseite und gab ihm das Drehbuch zu BFG.

Und er sagte Ihnen nach dem ersten gemeinsamen Arbeitstag gleich für den nächsten Film zu?
Er hatte lustigerweise gar nicht verstanden, dass ich ihn als den Riesen haben wollte. Er hatte einfach alles gelesen und sich ganz viele Notizen gemacht, weil er dachte, dass es mir um seine Anregungen ginge. Als ich ihm sagte, dass ich ihn gerne für die Titelrolle hätte, wollte er es noch einmal lesen – und hat dann gleich zugesagt.

Der Riese schleicht nachts in die Zimmer von Kindern und schenkt ihnen schöne Träume. Sehen Sie ihn als eine Art Alter Ego? Ein Regisseur macht schließlich Ähnliches, oder?
Das ist eine sehr schöne Analogie, die natürlich schmeichelhaft ist. Das mit den Träumen ist ein wunderbarer, poetischer Gedanke, und natürlich darf man als Regisseur das Träumen niemals verlernen. Aber ich selbst habe nicht den Abstand, um meinen Beruf in diesem Licht zu sehen. Ganz zu schweigen davon, dass ich viele Filme gedreht habe, die das Publikum sicherlich nicht als schönen Traum empfindet. Der Soldat James Ryan, Amistad oder auch Teile von Lincoln – das sieht man sich nicht an, um ins Träumen zu geraten. Aber klar, bei einem Fantasyfilm wie BFG hoffe ich natürlich, dass die ganze Familie ihn wie einen Traum erlebt.

Der Aspekt der Kindheit ist nicht nur in »BFG« wichtig. Würden Sie sagen, dass dieses Thema eine bedeutende Rolle in Ihrem Werk spielt?
Zumindest beinhalten viele meiner Filme Elemente, die mit eigenen Kindheitserfahrungen zu tun haben. Sogar »Lincoln«. Ich war ungefähr sechs Jahre alt, als mein Onkel mich und meinen Cousin nach Washington D.C. zum Lincoln Memorial mitnahm. Ich wollte partout nicht die vielen Stufen hinauflaufen, weil ich schon von unten sah, wie groß die Lincoln-Statue war. Das machte mir wirklich Angst. Selbst als ich dann doch oben war, weigerte ich mich, ihm ins Gesicht zu gucken. Doch als wir gingen, drehte ich mich plötzlich um – und sobald ich in Lincolns steinerne Augen sah, beruhigte ich mich. Mit einem Mal bereute ich es, dass wir gingen. So begann mein Interesse für Abraham Lincoln, das dann viele Jahre später den Film zur Folge hatte.

Anders als früher bei »E.T.« ist heutzutage technisch eigentlich alles möglich. Es gibt nicht viel, was man auf der Leinwand nicht umsetzen könnte. Ist das immer ein Segen oder auch manchmal ein Fluch?
Eine sehr gute Frage. Manchmal vermisse ich tatsächlich die Zeit, als wir noch wirklich tüfteln mussten, wie wir für einen Film eine Wolke erzeugen können. 1977 bei der Unheimlichen Begegnung der dritten Art setzten wir einen eigens gebauten riesigen Wassertank, eiskaltes und sehr heißes Wasser sowie weiße Farbe ein, um wirklich wunderschöne weiße Quellwolken zu erschaffen. Das war echtes Handwerk beziehungsweise sowohl Handwerk als auch Kunst. Mitzuerleben, wie damals all die Arbeiter und Tricktechniker meine Visionen mühsam Wirklichkeit werden ließen, war einfach wunderbar.

Das klingt auch ein bisschen wehmütig. Haben Sie Sehnsucht nach der guten alten Zeit?

Nein, nein, ich genieße es, dass uns heute in der digitalen Ära wirklich keine Grenzen mehr gesetzt sind. Und dass nicht immer alles so mühsam und aufwendig ist. Heute muss man »nur« einen Traum haben und ihn in Worte fassen können, dann zaubern die Computerexperten ihn mir sofort auf die Leinwand.

Gibt es Filme in Ihrer Laufbahn, die Ihnen wichtiger sind als andere?
Jeder meiner Filme ist mir wichtig, aber lassen Sie es mich so sagen: Ich habe zwei Filme gedreht, die mein Leben wirklich grundlegend verändert haben. Der erste war E.T.. Nicht so sehr wegen des Erfolgs, sondern weil ich ein so enges Verhältnis zu den drei Kindern im Film aufgebaut hatte. Vor dem Film wollte ich eigentlich nie Vater werden, ich war glücklich als Junggeselle und konnte mir nichts anderes vorstellen. Doch dann wuchsen mir diese Kinder so unglaublich ans Herz, dass Drew Barrymore sogar mein Patenkind wurde. Und drei Jahre später kam mein erster Sohn zur Welt.

Und der zweite Film?
Das war »Schindlers Liste«, denn zum ersten Mal drehte ich einen Film nicht nur für mich, sondern gewissermaßen als Dienst an der Öffentlichkeit. Der Film hat sehr viel Gutes bewirkt – und tut es noch immer. Er hält die Erinnerung an die im Holocaust ermordeten Juden wach und lässt ihr Schicksal nicht in Vergessenheit geraten.

Inwiefern?
Schindlers Liste hat viel Aufmerksamkeit geschaffen dafür, welche Folgen Hass haben kann und was ein Genozid eigentlich ist. Antisemitismus, Homophobie, Islamophobie – all diese schrecklichen Dinge, die dieser Tage wieder omnipräsent sind in der Gesellschaft, lassen sich mithilfe des Films darstellen. Und vor allem erinnern Schindlers Liste und die Arbeit der daraus hervorgegangenen Shoah Foundation uns immer wieder aufs Neue daran, dass so etwas wie damals unter Hitler in Deutschland auch heute wieder passieren könnte.

Gibt es für Sie noch so etwas wie das ganz große Traumprojekt? Den einen Film, den Sie unbedingt noch drehen wollen?
Nein, denn das gilt bei mir für alle Filme. Jedes Mal, wenn ich inszeniere, tue ich das, weil ich das Gefühl habe, diesen speziellen Film unbedingt drehen zu müssen.

Klingt nicht so, als ob Sie kurz vor Ihrem 70. Geburtstag im Dezember auch nur den geringsten Gedanken an Ruhestand verschwenden ...
Sollte ich das denn? Dazu arbeite ich einfach viel zu gerne. Selbst die Filme, bei denen der Rest der Welt später das Gefühl hatte, ich hätte lieber die Finger davon lassen sollen, bereue ich nicht.

Solche Filme sind bei Ihnen ja eher selten. Stattdessen berührt Ihre Arbeit immer wieder die Herzen von Millionen von Menschen, die halbe Welt ist mit Ihren Geschichten aufgewachsen. Wie sehr machen Sie sich das eigentlich bewusst?
Natürlich entgeht mir das nicht, ich bin ja kein Einsiedler (lacht). Ich bin viel unterwegs in der Welt, und nicht zuletzt in New York auch zu Fuß auf der Straße. Da höre ich dann oft von Menschen, die mir berichten, welche besondere Bedeutung dieser oder jener Film von mir in ihrem Leben hatte. Das ist ein sehr besonderes, wunderschönes Gefühl, für das ich dankbar bin. Nur manchmal möchte ich es nicht hören. Wenn mir eine hübsche Mittvierzigerin erzählt, dass meine Filme fester Bestandteil ihrer Kindheit waren, dann fühle ich mich nämlich leider einfach nur verdammt alt, und mir wird schlagartig wieder bewusst, dass ich schon fast 70 bin (lacht).

Mit dem Regisseur und Oscar-Preisträger sprach Patrick Heidmann.
»BFG – Big Friendly Giant «. USA 2016, ab 21. Juli im Kino

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