1948

»Das Schreiben hat mich von der Angst befreit«

Herr Kaniuk, Sie haben getötet, bevor Sie ein Mädchen geküsst haben.
Ja, das ist wahr. Und der Kuss war auch noch gut. Ich traf sie, als es mir ganz furchtbar elend ging. Wo heute diese elegante Seepromenade in Tel Aviv ist, da ging ich jeden Abend zum Meer hinunter. Einfach, um hinaus aufs Meer zu blicken. Und eines Abends stand ich dort und spürte auf einmal den Atem eines Menschen. Es war der Duft einer jungen Frau. Ich kannte diesen Geruch nicht. Ich war einer Frau doch noch nie so nahe gewesen. Das war ja damals eine Zeit, wo man nicht so einfach mal ein Mädchen küsste oder auch bloß berührte. Die Mädchen dachten damals noch, dass sie von einem Kuss schwanger würden. Und wie sich herausstellte, war diese junge Frau eine Überlebende und erst wenige Wochen zuvor mit einem Schiff ins Land gekommen. Jedenfalls schaute sie mich an, und ich schaute sie an, und dann küssten wir uns. Oberhalb der Promenade, auf der Hayarkon-Straße, da gab es ein kleines Hotel für Soldaten. Dort haben wir uns geliebt. Ich weiß nicht, wie sie hieß. Denn ich konnte sie ja nicht, nachdem wir uns geliebt hatten, nach ihrem Namen fragen. Wie alt war ich damals? Als ich in den Krieg ging, war ich 17 Jahre alt. Also war ich an jenem Abend schon achtzehneinhalb. Diese Erinnerungen sind sehr bruchstückhaft.

Wann haben Sie damit begonnen, Ihre Erinnerungen an den Krieg zu verfassen?
1949 habe ich das Buch zum ersten Mal geschrieben. Doch man sagte mir damals, es sei nicht gut. Vielleicht stimmt das ja, kann ich heute nicht mehr beurteilen, das Manuskript habe ich nicht mehr. Und in den Jahrzehnten nach dem Krieg hatte ich Albträume, ich wachte oft schreiend in der Nacht auf. Und der wichtigste Grund warum ich damals nach Amerika ging, war, dass ich all dem entfliehen wollte. Denn hier, wo immer ich ging, fühlte ich Schatten, die auf mir lagen. Ich fühlte mich furchtbar. Trank zu viel. Aber ich malte und ich schrieb. Vier oder fünf Mal habe ich damals versucht, über meine Zeit im Krieg zu schreiben. Aber ich gab’s dann auf, denn irgendwie wusste ich nicht, wie ich das Buch anpacken sollte. Und an so viele Sachen konnte ich mich später nicht mehr erinnern.

Wie haben Sie es dann schließlich geschafft, das Buch trotzdem zu schreiben?
Vor acht Jahren, 2005, wurde bei mir Krebs diagnostiziert. Und sie operierten mich und dann brach die Wunde wieder auf, und es ging mir sehr, sehr schlecht. Innerhalb von zehn Tagen wurde ich drei Mal operiert. Und dann kriegte ich diesen bösartigen Virus im Krankenhaus, ich war am Sterben, drei Wochen lang war ich nicht hier, die hatten mich schon aufgegeben. Und dann wachte ich auf. Lange Zeit war ich in einer furchtbaren Verfassung, ich kam in eine Rehabilitation, musste wieder lernen, meine Finger zu bewegen, und langsam verbesserte sich mein Zustand. Damals fing ich an das Buch zu schreiben. Meine Erinnerungen kamen plötzlich einfach, sie waren unordentlich, nicht chronologisch, nicht linear, es waren viele Bruchstücke. Aber ich wollte nicht losziehen und Bücher lesen und Nachforschungen betreiben, ich wollte einfach jene Dinge aufschreiben, an die ich mich noch erinnere. Das Buch hat sich selbst geschrieben, wirklich selbst geschrieben, so wurde ich diese schrecklichen Albträume an den Krieg endlich los, es war eine Erleichterung.

Ihr Buch »1948« erscheint als Roman. Wie verlässlich ist das Gedächtnis bei Erlebnissen, die so lange zurückliegen?
Wenn man Autobiografien liest, muss man grundsätzlich immer aufpassen, da steht zwar Wahres drin, aber eine Menge wird eben oft dazu erfunden. Oder einfach vergessen. Und in meinem Buch gibt es diese Szene, wo sie mich schwer verwundet in ein Kloster gebracht haben und ich darum kämpfe, dass ich mein Bein behalten kann. Das ist zwar so passiert, aber etwas hatte ich doch vergessen: Jeder von uns hatte damals eine Handgranate, für den Fall dass man uns gefangen nehmen wollte. Als die Ärzte mir das Bein abnehmen wollten, ohne Narkosemittel – das haben mir zwei andere Zeugen bestätigt – lag ich da, mit der Granate vor der Brust und brüllte, dass ich mich umbringen werde, wenn man es wagt mein Bein zu amputieren. In letzter Sekunde bekamen wir Penicillin, und das rettete mich. An diese Geschichte hatte ich mich gar nicht erinnert, als ich das Buch schrieb! Und dann kamen noch mehr Leute, die mir noch mehr Geschichten über mich erzählten, an die ich mich nicht mehr erinnert hatte, als ich »1948« schrieb. Das Buch ist ein Roman, aber es ist ein Roman, der auf meinen Erinnerungen basiert. Die Arbeit am Buch hat mich von der Angst befreit. Ich habe vor nichts mehr Angst.

Das Gespräch führte Christian Buckard.

Yoram Kaniuk: »1948«. Übersetzt von Ruth Achlama. Aufbau, Berlin 2013, 248 S., 19,99 €

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