Wuligers Woche

Das Schleyer-Dilemma

Eine persönliche Erinnerung an den »Deutschen Herbst« vor 40 Jahren

von Michael Wuliger  11.09.2017 18:46 Uhr

Wurde am 5. September 1977 von der RAF entführt und nach sechs Wochen ermordet: der damalige Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer Foto: dpa

Eine persönliche Erinnerung an den »Deutschen Herbst« vor 40 Jahren

von Michael Wuliger  11.09.2017 18:46 Uhr

Nein, ich war vor 40 Jahren nicht in Gedanken bei Hanns Martin Schleyer, als der Arbeitgeberpräsident von einem RAF‐Kommando entführt, sechs Wochen als Geisel gehalten und dann umgebracht wurde. Nicht, weil ich mit den Kidnappern sympathisiert hätte: Die RAF war mir politisch in jeder Hinsicht zuwider. Ihre Strategie war irrwitzig, ihre Ideologie totalitär und von Antisemitismus durchsetzt.

Zu Recht hat der Historiker Wolfgang Kraushaar den Judenhass ein konstitutives Merkmal des linken deutschen Terrorismus genannt. Als »Waffen‐SDS« hat ihr später zum Nazi mutierter Mitbegründer Horst Mahler die RAF einmal in einem seltenen Moment geistiger Klarheit charakterisiert.

Mördergruppen Politisch gab es deshalb für mich keinen Zweifel, wo ich in der Sache stand: nämlich gegen die mit Mördergruppen wie der palästinensischen PLFP verbündete RAF. Aber Solidarität, Mitgefühl gar mit Hanns Martin Schleyer konnte ich nicht aufbringen. Der Entführte, nach eigenen Worten »alter Nationalsozialist und SS‐Führer«, hatte in der besetzten Tschechoslowakei an leitender Stelle im Zentralverband der Industrie gewirkt, der unter anderem für Arisierungen und die Rekrutierung von Zwangsarbeitern zuständig war. Rechtlich zur Verantwortung gezogen wurde er dafür nie.

Im Entnazifizierungsverfahren 1948 als bloßer »Mitläufer« eingestuft, machte Schleyer danach große Karriere in der bundesdeutschen Wirtschaft. Das Wort »Opfer« in seinem Zusammenhang kam mir nur schwer über die Lippen. Und ich bin bis heute froh, dass mir, nachdem die Terroristen ihre Geisel am 18. Oktober 1977 ermordet hatten, erspart blieb, mich bei einer der zahlreichen Trauerbekundungen zu Ehren des Toten zu einer Schweigeminute vom Platz erheben zu müssen. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten hätte. So oder so hätte es sich falsch angefühlt.

Auch 40 Jahre später habe ich dieses Dilemma für mich nicht aufgelöst. Ich sehe inzwischen nur die bösartige historische Ironie der Sache. Als habe die griechische Rachegöttin Nemesis Regie geführt, wurde Hanns Martin Schleyer von den Geistern seiner Jugend heimgesucht. Er selbst hat das offenbar gespürt. Peter‐Jürgen Boock, einer der Entführer, berichtete vor zwei Wochen im »Spiegel«, der Entführte habe »versucht, Gemeinsamkeiten zwischen sich und uns herauszustellen, indem er sagte: Wenn man jung ist, dann schießt man gerne über das Ziel hinaus«.

»Antifaschismus« Die RAF‐Leute wiesen diese Parallele natürlich empört von sich. Aber Schleyer hatte recht. Er wurde das Opfer von Menschen, die seinem früheren Ich verwandter waren, als ihnen selbst bewusst war. Im Namen eines vorgeblichen Antifaschismus misshandelten und ermordeten sie den einstigen Nazi in der Manier von Nazis.

Die Entführung und Ermordung von Hanns Martin Schleyer durch die RAF war ein Verbrechen, an dem es nichts zu relativieren gibt, weder politisch, noch moralisch oder historisch. Sie ist aber auch vor allem eines: eine sehr deutsche Geschichte.

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