Kunst

Das nackte Elend

Nackte Bewunderung: ein Aktmodell vor einem Freud-Gemälde in Paris Foto: David Dawson

Paris ist in diesen Wochen allein wegen seiner außergewöhnlichen Ausstellungen jede Reise wert. Eine, im Musée d’Orsay, erzählt die Historie der Menschheit als Geschichte von Mord und Totschlag. Im Entrée erwartet die Besucher eine mit schwarzem Gazeschleier elegant herausgeputzte Todesbraut der Französischen Revolution: die Guillotine, die ganz ohne Standesdünkel, entsprechend dem Revolutionsideal von der Gleichheit aller Menschen, jeden unterschiedslos in den Tod beförderte.

Auch auf den Leinwänden von Lucian Freud sind alle Menschen gleich. Dessen im Pariser Centre Pompidou präsentiertes Bildpersonal ist, ob weiblich oder männlich, gleich schrecklich als überbordender Fleischberg anzusehen. Eine malerische Exekution. Grobschlächtige Gestalten auf Sofas, Betten und Decken hingestreckt; gelangweilt, dösend, selbstverloren. Speck‐rollen, nicht naturschöne oder geliftete Gestalten. Wie paradiesisch nackt sie auch immer sind, diese freudlosen Freud‐Körper scheinen ungeeignet als Projektionsfläche flüchtiger Erotik, so sehr sie sich auch manchmal in »anrüchigen« Positionen darbieten.

fleisch und blut Der am 8. Dezember 1922 in Berlin geborene Lucian Freud emigrierte rechtzeitig mit seiner Familie aus Nazideutschland nach England. Mit Francis Bacon und Frank Auerbach gehört er zum international strahlenden Dreigestirn des expressiven englischen Realismus. Den von René Magritte, dem großen Ironiker des Surrealismus, so nachhaltig postulierten Unterschied zwischen Realität und Abbild – die im schönen Beispiel gipfelt, eine gemalte Pfeife sei keine wirkliche Pfeife, sondern eben nur ihr Abbild – fegt Freud gnadenlos hinweg. Mit einer Malerei, die sich nicht der Farbe zu bedienen scheint, sondern wie aus Fleisch und Blut geformt daherstolziert. Lucian Freud will niemanden abbilden, sondern die Person auf der Leinwand erschaffen, die er malt: der Künstler als Demiurg.

Eine Fotografie von 2005 zeigt Freud in seinem Atelier mit freiem hagerem Oberkörper. Seine ausgestreckte Linke sucht aus dem geordneten Chaos der Malutensilien die richtigen Pinsel heraus, der Kopf seitlich gedreht; in der angewinkelten Rechten, die Farbpalette. Der Maler im Mittelpunkt, dynamisch positioniert. Dieses Foto von David Dawson erinnert an die »Erschaffung des Adam« von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle. Dialektisch gewendet eine ähnliche Dynamik, eine vergleichbare Positionierung. Wie Michelangelos Gottvater steht Lucian Freud nicht im Raum, sondern schwebt geradezu in ihm. Beider Aktionsräume, der kosmische des Michelangelo und das Atelier des Künstlers, sind Werkstätten der Erschaffung des Menschen.

ödipal Lucian Freud ist ein Enkel des Psychoanalytikers Sigmund Freud. Das verführt natürlich zu psychologischer Spurensuche in seinem Werk. Doch solche Spuren lassen sich nicht allzu leicht finden. Die Tiefe der Seele, die sein Großvater zu ergründen suchte, interessiert den Maler‐Enkel nicht. Lucians Passion ist die sichtbare Oberfläche, der menschliche Körper mit seiner alles dominierenden Geschlechtlichkeit. Das männliche Genital, ohne Scham präsentiert. Brüste, die jeden ödipalen Traum erfüllen. Vielleicht ist der Maler dem Psychoanalytiker doch näher als ihm und seinen Interpreten lieb ist.

Die kostspieligste ödipale Wunscherfüllung liegt auf einem etwas abgewetzten geblümten Sofa. Tonnenschwer: Sue Tilley, genannt Big Sue. Im Mai 2008 wurde das 1995 entstandene Gemälde für 33.6 Millionen Dollar bei Christie’s versteigert – bis dato das teuerste Bild eines lebenden Malers. Die Londoner Berufsberaterin Tilley ist für Lucian Freud ein bevorzugtes Modell gewesen. In dem Bild »Benefits Supervisor Sleeping« ist sie eine Wucht: ein skulpturaler Fleischklotz im Format eines Sumokämpfers. Der Körper als menschlicher Makel – und dennoch kann von abstoßender Hässlichkeit nicht die Rede sein. Alles, was an der Freudschen Malerei fasziniert oder abstößt, ist geradezu lebensecht auf das Sofa platziert. Hier lässt sich dann doch ein deutlicher Hinweis auf Familiengeschichte unterstellen, war doch das Sofa für Lucians Großvater Sigmund ein unverzichtbares Arbeitsinstrument.

Exhibitionismus Lucian Freud steht in der langen Tradition der europäischen Kunstgeschichte. Gelb‐Grau‐Braun sind die von ihm bevorzugen Farben, aus denen er seine Figuren destilliert. Und bei denen des Mannes ganze Herrlichkeit nicht selten wie ein vertrocknetes, abgebrochenes Geäst wirkt. Details lassen sich nur schwer unterscheiden. Die Farbschicht wird zur Speckschicht und umgekehrt. Dem prallen Leben ist die Vergänglichkeit mit eingemalt. Bei aller Übersteigerung der menschlichen Anatomie, keine nach Affekten haschende Deformationen. Manchen gilt Lucian Freud, der zu den bedeutenden figurativen Malern der Gegenwart zählt, als Zyniker, der sich an seinem Bildpersonal austobt und den Körper nur als Fortpflanzungsinstrument definiert. Doch bei allen gemalten Grausamkeiten haben seine Figuren etwas Melancholisches. Aber auch etwas Kolossales. Wie jener Männerakt von 1995, präsentiert, als wäre er ein römischer Gladiator – Malerei als Skulptur.

Im Selbstporträt »Painter Working« von 1993, Freud ist da gut siebzig Jahre alt, mag man jenen ihm unterstellen Hang zum Exhibitionismus erkennen. Nackt bis auf die übergroßen Schuhe, in denen sich gut und trotzig aufstampfen lässt. Eine pastose, zerfressene, erdige Malerei. Lucian Freud aufrecht stehend, gerüstet mit Pinsel und Palette zum letzten Malgefecht. Oder kehrt er hier schon aus der verlorenen Schlacht zurück? Freuds malerischen Exhibitionismus als Selbsthass zu definieren, sei der nun allgemein oder speziell jüdisch, lässt sich aus den in Paris gezeigten Bildern nicht begründen. Eher schon (s)ein Zivilisationsekel, der Teil der Moderne ist, aber im Gegensatz zu deren blindem Fortschrittsglauben steht.

Lucian Freud: L’Atelier. Centre Pompidou, Paris, bis 18. Juli
www.centrepompidou.fr

Frankfurt

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