Daniel Kahn

»Das Akkordeon war ein Schlüssel«

Der amerikanische Musiker Daniel Kahn (48) lebt seit 2005 in Deutschland. Foto: Adam Berry

Daniel Kahn

»Das Akkordeon war ein Schlüssel«

Der Musiker über seine Liebe zum Instrument des Jahres 2026

von Christine Schmitt  01.01.2026 09:28 Uhr

Herr Kahn, Sie sind Sänger, Musiker und Besitzer von neun Akkordeons. Also ein idealer Gesprächspartner, denn der Deutsche Musikrat hat das Akkordeon als Ins­trument des Jahres auserkoren. Eine gute Wahl?
Das ist wunderbar.

Was begeistert Sie am Akkordeon?
Es begleitet mich schon seit fast 30 Jahren. Als Kind habe ich natürlich mit dem Klavierspielen angefangen, dann kam die Gitarre dazu. Aber als ich als Jugendlicher mein erstes Akkordeon fand, hat es meinen Lebensweg beeinflusst, denn es hat mich zur jiddischen Musik gebracht. In Detroit, wo ich früher gelebt habe, bin ich leider nicht mit jiddischer Kultur aufgewachsen. Das war nicht Teil meiner jüdischen Bildung. Und als ich diese lebendige, tiefe, diasporische Kultur entdeckt habe, war das Akkordeon mein Schlüssel. Glücklicherweise hatte ich einen wunderbaren Lehrer, nämlich Alan Bern. Er hat mir auch Berlin schmackhaft gemacht, und so kam es, dass ich 2005 mit meinem Akkordeon nach Deutschland zog.

Spielen Sie immer noch auf diesem Ins­trument?
Nein, heute nehme ich meistens ein Hohner Tango-Akkordeon aus dem Jahr 1939.

1939? Woher wissen Sie, wann es gebaut wurde?
Ich habe es in Wilmersdorf für 200 Euro gekauft. Irgendwann war ich auf Tour in Süddeutschland, und jemand hat mir empfohlen, es für eine Überholung zur Hohner Fabrik zu bringen. Gesagt, getan. Die haben anhand der Seriennummer festgestellt, dass es am 21. April 1939 an einen Musikladen in Berlin verkauft wurde, und zwar für 200 Reichsmark.

Hat dieses Wissen Ihre Sicht erweitert?
Es war für mich irgendwie ein Klang aus einer anderen Zeit. Alte Instrumente tragen meiner Meinung nach schon viel Musik in sich. Das Akkordeon ist für mich sehr wichtig und hat einen besonderen Klang.

Wer Akkordeon spielt, muss Knöpfe und Tasten drücken und gleichzeitig den Blasebalg bedienen. Ist das anstrengend?
Für mich nicht, im Gegenteil. Es gefällt mir, dass es ein Tasteninstrument ist wie ein Klavier und zugleich ein Blasinstrument, wegen der Luftzufuhr. Die Luft steuert alles, lässt es atmen. Ich liebe es, Luft hinein- und wieder herauszulassen. Das mache ich gelegentlich auch nur für mich selbst. Es ist so lebendig.

Woher stammte Ihr erstes Akkordeon?
Das habe ich in einem Trödelladen gefunden. Es war ein rotes italienisches Akkordeon. Anfangs habe ich mir das Spielen mehr oder weniger selbst beigebracht – Jahre, bevor ich zur jiddischen Musik gekommen bin. Die habe ich erst in New Orleans entdeckt, dorthin war ich als Songwriter, Theatermacher und Aktivist gezogen. Dort wurde mir dieses Akkordeon gestohlen, und ich war deswegen sehr traurig. Aber dann fand ich es in einem Pfandhaus wieder und war glücklich!

Wo setzen Sie es ein?
In verschiedenen Projekten. Auch viel am Theater. Aktuell ebenso in meinem neuen Album. Es heißt »UMRU/UNREST« und hat viel mit Wanderung zu tun, mit Bodenlosigkeit oder Wurzellosigkeit, mit dieser Suche und der Diaspora. Und da passt das Akkordeon sehr gut. Es ist ein wunderbarer Begleiter. Ich spiele es beispielsweise bei Georg Kreislers »Ich fühlʼ mich nicht zu Hause«, übersetzt ins Jiddische.

1829 soll das Akkordeon in Österreich patentiert worden sein, es ist also ein relativ junges Instrument. In Deutschland entwickelte sich eine Akkordeon-Industrie, das Instrument wurde auch viel exportiert. Auch Emigranten haben es in ihre neue Heimat mitgenommen. Strahlt es eine besondere Melancholie aus?
Es hat viele Facetten. Zunächst einmal ist es ein Instrument mit Migrationshintergrund und -vordergrund. Und es ist sehr flexibel und sehr gefühlsbetont. Nicht wie eine Geige oder eine Gitarre. In einem Akkordeon steckt auch ein ganzes Orchester. Da gibt es die Bässe, Streicher und Klarinette. Da ist alles drin. Früher wurde es auch Brustorgel genannt. Oder Quetschkommode. Auf Jiddisch heißt »kvetshn« meckern oder klagen. Das ist eine stolze Tradition bei uns.

Ist es schwer, das Akkordeonspiel zu lernen?
Ja und nein. Es kommt darauf an, was man damit machen will. Wenn man Klassik darauf spielen will, dann ist es schwer. Man kann alles auf ihm spielen – auch Bach. Das machen viele, ich aber nicht. Leben ist schwer. Lernen ist ein Teil des Lebens.

Was würden Sie dem Instrument für die Zukunft wünschen?
Eine menschliche Zukunft. Mich interessiert der menschliche Ausdruck, die menschliche Kunst und Kreativität. Bisher haben wir keine KI und keinen Roboter, die Akkordeon spielen. Das ist gut. Mich interessiert der menschliche Inhalt. Das Akkordeon ist ein menschliches Instrument. Weil es atmet. Und weil wir es mittragen können auf unserem Weg.

Sie sind auch Songwriter. Würden Sie dem Akkordeon ein Liebeslied schreiben?
Da fällt mir nur meine jiddische Übersetzung des Geburtstagslieds des Krokodils Gena ein. Das ist eines der bekanntesten Lieder aus der Sowjetunion. Das Krokodil singt an seinem Geburtstag allein auf der Straße ein Lied und begleitet sich selbst mit dem Akkordeon. Die Straßen sind vom Regen nass. Ich nenne es Germoshka, wie im Original. Es ist ein etwas trauriges Lied, aber sehr schön. Und deswegen haben wir es auch ins Jiddische übertragen, für die neuere Generation, die sich mit Jiddisch auseinandersetzt. Das ist auch eine Liebeserklärung.

Mit dem Musiker und Schauspieler sprach Christine Schmitt.

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