Gedenken

Damit es nie wieder geschieht

Haus der Wannsee-Konferenz Foto: Omer Messinger

Am vergangenen Freitag jährte sich die Wannsee-Konferenz zum 75. Mal. Am 20. Januar 1942 waren 15 hochrangige Polizei- und Ministerialbeamte der Einladung von Reinhard Heydrich, dem Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, in das damalige Gästehaus der SS am Großen Wannsee im Südwesten Berlins gefolgt. Bei einer »Arbeitsbesprechung mit anschließendem Frühstück«, wie es euphemistisch in der Einladung hieß, berieten die NS-Funktionäre über einen einzigen Tagesordnungspunkt: die sogenannte Endlösung der Judenfrage.

Das von der Konferenz überlieferte »Wannsee-Protokoll« markiert nach Ansicht von Historikern den Übergang vom »wilden« Morden der Einsatzgruppen im besetzten Osteuropa zum bürokratisch-industrialisierten Genozid an den Juden Europas während des Zweiten Weltkriegs.

Anspruch Am Ort der Täter der Opfer gedenken, das ist der Anspruch der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Am vergangenen Donnerstag erinnerte die Einrichtung an die berüchtigte Konferenz vom 20. Januar 1942, bei der in der Villa am Großen Wannsee 56–58 in Berlin vor 75 Jahren die Vernichtung der europäischen Juden geplant wurde.

»Die Erinnerung an die Wannsee-Konferenz warnt uns davor, zu schweigen, wenn Menschen heute aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt und diskriminiert werden«, sagte die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU). An der Gedenkzeremonie in einem eigens für den Anlass aufgebauten Zelt auf dem Areal der seit nunmehr 25 Jahren bestehenden Bildungsstätte nahmen neben der Kulturstaatssekretärin auch Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) teil. Die Botschafter Israels, Südafrikas und Norwegens waren als Ehrengäste geladen.

Bürokratie »Die Erinnerung an die Wannsee-Konferenz ist wichtig für die Zukunft unserer Gesellschaft und für die Aufrechterhaltung und Verteidigung unserer Demokratie und unserer Freiheit«, sagte Michael Müller. Wer sich mit dieser Zusammenkunft auseinandersetze, könne begreifen, wohin Rassismus, Antisemitismus und Menschenverachtung in Verbindung mit ideologischer Verblendung und Bürokratie führen können, so Müller in seiner Ansprache.

Der Regierende Bürgermeister betonte zudem, wie wichtig die Gedenk- und Bildungsstätte am historischen NS-Täterort für die Erinnerungskultur in Berlin sei. Insbesondere in einer Zeit, in der immer weniger Zeitzeugen von den Schrecken der Schoa berichten könnten, komme der Arbeit der Einrichtung eine besondere Bedeutung zu. »Wir werden die Zeugen bald nicht mehr unter uns haben. Umso wichtiger ist es, dass an authentischen Orten wie im Haus der Wannsee-Konferenz der Holocaust und insbesondere die Durchführung des Massenmords an den europäischen Juden dokumentiert werden«, erklärte Müller.

Zeitzeuge Ein Zeitzeuge war an diesem Donnerstag eigens aus Jerusalem an den Wannsee gereist. Otto Dov Kulka, 83 Jahre alt, überlebte das KZ Theresienstadt und das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau als Jugendlicher. Der in der Tschechoslowakei geborene Kulka wanderte nach der Schoa mit nur 16 Jahren nach Israel aus. Der Historiker, der viele Jahre an der Hebräischen Universität in Jerusalem tätig war, las an diesem Nachmittag aus seinem autobiografischen Buch Landschaften der Metropole des Todes. Darin verarbeitet Kulka seine ihm bis heute im Gedächtnis präsenten Erinnerungen aus Auschwitz-Birkenau.

Für die musikalische Untermalung der Gedenkveranstaltung sorgte ein Streichertrio mit Violine, Viola und Violoncello. Die Musikergruppe spielte das Stück Theresienstadt 1944 von Gideon Klein. Klein war ein jüdischer Komponist und Pianist und stammte wie Kulka aus der Tschechoslowakei. Der damals 26-Jährige wurde vor der Befreiung im Januar 1945 im KZ Fürstengrube ermordet.

Zivilisation »Was hier in schönster Lage am Wannsee stattgefunden hat, war die Systematisierung des längst Vereinbarten: die Ausrottungsabsicht einer ganzen gesellschaftlichen Gruppe«, erklärte Norbert Lammert. Der Bundestagspräsident sagte, dass ein Land, welches sich nicht mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen wolle, seine eigene Zivilisation zur Disposition stelle. »Die Bundesrepublik mit ihrem Grundgesetz kann nicht ohne die Erfahrungen aus den unglaublichen Geschehnissen der Vergangenheit bestehen. Es ist daher wichtig, dass die Erinnerungskultur eine zentrale und ureigene Aufgabe dieses Staats ist und bleibt«, so Lammert.

Nach der Gedenkveranstaltung in der Bildungsstätte fand in der nahe gelegenen Andreaskirche unter Leitung von Rabbiner Andreas Nachama und Pfarrer Lutz Nehk ein gemeinsamer christlich-jüdischer Gottesdienst zur Erinnerung an die sechs Millionen Opfer der Schoa statt.

Ruth Weiss

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