Michal Govrin

Damals in Aschkelon

Michal Govrin wurde 1950 in Tel Aviv geboren. Foto: Flash90

Michal Govrin

Damals in Aschkelon

In Israel ist die Autorin und Theaterregisseurin seit vielen Jahren etabliert – ihr Roman »Strandliebe« erscheint nun auf Deutsch

von Frank Keil  29.04.2023 23:29 Uhr

Er trägt einen Anzug; beigefarben, aus billigem Stoff, Massenkonfektionsware, er könnte sich etwas ganz anderes leisten, etwas Teureres, vor allem etwas Repräsentatives. Doch dieser Anzug wird auf ihn wie eine zweite Haut übergehen, während er, der wohlhabende Mann aus Paris, immer mehr die Kontrolle über sein Leben verliert.

Esther dagegen hat sich für ein hellblaues Strandkleid entschieden, schulterfrei, mit dünnen, fast unscheinbaren Trägern. Kommt sie abends vom Unterricht nach Hause, zieht sie zuvor eine Bluse über das Kleid. Nicht auszudenken, was ihre orthodox lebenden Eltern denken würden, entdeckten sie das Kleid, wo sie ohnehin tief verwirrt bemerken müssen, dass ihr Kind, das sie dem Leben abgetrotzt haben, damals im DP-Camp bei München, eine erwachsene Frau geworden ist und dass es sie belügt, beispielsweise.

trauerwoche Esther und Moïse werden sich begegnen. Und Moïse, der nur kurz ins neue Land seiner Herkunftsfamilie gekommen ist, weil seine Mutter im Sterben liegt, er müsste wieder fahren zu Frau und Kind. Die Trauerwoche ist vorbei, aber er bleibt, ohne zu verstehen, warum er bleibt. Und dann ist da Alex, der junge Mann aus Bue­nos Aires, der einst von der Revolution schwärmte und der ebenfalls seinen Platz im Leben sucht, wo auch immer der sein könnte.

Noch ist Sommer, wir sind in Israels südlicher Küstenstadt Aschkelon, es ist das Jahr nach dem Eichmann-Prozess. Noch einmal hat alle tief erschüttert, was während der Verhandlungstage an Grausamkeiten benannt werden musste. Am ersten September wird Esther ihr Kleid gegen eine Uniform wechseln und ihren Militärdienst antreten.

In der Strandbar legt der kriegsversehrte Ascher seine Schallplatten auf. Er spielt die Hits von Paul Anka, von Adamo, die von Elvis Presley natürlich. Und die jungen Leute drängen auf die Tanzfläche; mal eng umschlungen, mal wild zappelnd, ist ihnen nach Leben zumute, nicht nach Arbeit, Pflicht und Unterordnung, während ihre Eltern so müde und erschöpft wie enttäuscht zurückbleiben. Esthers Eltern etwa: Ihr Vater zieht sich für die Nacht auf den Balkon zurück, ihre Mutter stellt im Wohnzimmer das Klappbett auf. Sie reden nicht einmal mehr miteinander.

Es gibt eine kleine Szene, sie scheint nicht wirklich wichtig für das Geschehen, da holt Esthers Mutter Fela einen Karpfen aus dem Bassin des Fischgeschäftes, das sie mit ihrem Mann betreibt. Sie schlägt dem Tier auf den Kopf, sie schneidet ihm den Bauch auf, holt mit festem Griff die Innereien hervor, dann schneidet sie das Tier in Scheiben, wickelt alles in Zeitungspapier und überreicht es dem Kunden mit besten Wünschen. Es ist einerseits eine fließende Handlung, ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Und andererseits ist da dieser kurze Moment, wo sie sich fragt: Ist alles so, wie es sein soll?

STRUDEL Gut möglich, dass man am Anfang ob der wuchtigen, manchmal fast körperlich anmutenden Schilderungen, die einen wie in einen Strudel ziehen, ein wenig irritiert und verunsichert ist. Was ist da los? Was wird passieren? Und worauf wird das alles hinauslaufen?

Aber keine Sorge: Michal Govrin ist eine wunderbare Schriftstellerin, die es versteht, die von ihr anfangs so lose ausgelegten Handlungsstränge am Ende gekonnt zusammenzuknüpfen, ohne ihnen in irgendeiner Form Gewalt anzutun. So wie es ihr gelingt, das Drama der Erwartungen der Generation der Holocaust-Überlebenden auf die ihr nachfolgenden Kinder auf großer Bühne aufzuführen, weil sie dabei auf die Kraft der Literatur vertraut und niemals fahrlässig psychologisiert.

Es ist dem Schweizer Geparden Verlag, in diesem Jahr frisch gegründet – und es ist bekanntlich ein Wahnsinn, in diesen Zeiten auf einen Buchverlag zu setzen –, nur tief zu danken, dass er mit diesem Roman die Welt betritt, dass er uns dabei mitnimmt und seinen Lesern auch etwas zutraut.

Michal Govrin: »Strandliebe«. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Geparden, Zürich 2023, 392 S., 32 €

Geburtstag

Seiner Zeit voraus: Vor 100 Jahren wurde John Schlesinger geboren

Regisseur John Schlesinger lebte seine Homosexualität offen und rührte mit seinen Filmen früh an gesellschaftliche Tabus, etwa mit dem Oscar-prämierten »Asphalt Cowboy«. An die atmosphärische Dichte seiner Werke knüpfen Filmemacher noch heute an

von Barbara Schweizerhof  09.02.2026

Fernsehen

Gil Ofarim: »Der Dschungel hat mich wieder zurückgeholt, zurück ins Leben«

»Wenn Gil gewinnt, verliere ich den Glauben an Reality-Shows«, sagte Simone Ballack. Dieser Fall ist nun eingetreten

von Jonas-Erik Schmidt  08.02.2026

Fernsehen

Gil Ofarim gewinnt das RTL-Dschungelcamp. Und nun?

Unser Kolumnist ist nach 17 Folgen ausgebrannt - und zieht ein letztes Mal Bilanz

von Martin Krauß  08.02.2026

Meinung

Warum ich mich für meine Teilnahme am Dschungelcamp nie schämen würde

Die »Lindenstraßen«-Darstellerin Rebecca Siemoneit-Barum war 2015 bei der berühmt-berüchtigten RTL-Sendung in Australien dabei. Hier erzählt sie, was die Zeit im Dschungel bis heute für sie bedeutet

von Rebecca Siemoneit-Barum  09.02.2026 Aktualisiert

Medien

Holger Friedrich, die Juden und ihre offenen Rechnungen nach dem Fall der Mauer

Der Verleger der »Berliner Zeitung« gibt im Gespräch mit Jakob Augstein einmal mehr Einblicke in sein krudes Geschichtsverständnis

von Ralf Balke  08.02.2026

Kunst

Ausstellung zu Kriegsfotograf Robert Capa in Monschau

100 Schwarz-Weiß-Aufnahmen des berühmten Fotografen jüdischer Herkunft werden gezeigt

 08.02.2026

»Dschungelcamp«

Gil Ofarim im Finale: »Ich versteh’s selbst nicht«

In der Folge 15 des »Dschungelcamps« ging es erneut um Ofarims Umgang mit seinem falschen Antisemitismusvorwurf. Am Ende schafft es der Sänger in die Runde der letzten drei

von Martin Krauß  08.02.2026

Musik

Matti Caspi im Alter von 76 Jahren gestorben

Der Musiker ist nach langer Krankheit gestorben. Präsident Herzog würdigte ihn als einen »der größten israelischen Komponisten seiner Generation«

 08.02.2026

Geschichte

Spuren im Schnee

Garmisch-Partenkirchen erinnert an die Olympischen Winterspiele 1936 unter der NS-Herrschaft

von Martin Krauß  08.02.2026