Bilder

»Daheim und fremd zugleich«

Yael Ben Zion, Sie sind 1973 in Minneapolis geboren, von dort mit Ihren Eltern nach Israel gezogen, dann zum Studium wieder in die USA gegangen. Heute leben Sie in New York, betrachten Israel aber weiter als Ihre Heimat. Jetzt haben Sie einen Fotoband über das Land veröffentlicht »5683 Miles Away«. Wie kam es dazu?
Ich bin eigentlich ausgebildete Rechtsanwältin. Die Fotografie war für mich anfangs ein Hobby. Während ich für meinen Doktor in Jura in Yale weiterstudierte, habe ich parallel einige Fotografiekurse belegt, die mir – im wahrsten Sinne des Wortes – die Augen für die Fotografie als ausdrucksstarke Kunstform geöffnet haben. Als ich später dann ein Vollzeitstudium am »International Center of Photography« begann, war mir klar, dass ich ein Projekt über Israel machen wollte. Seit ich in die USA gezogen bin, versuche ich, die Unterschiede in der Lebensweise, der Mentalität der Menschen hier und dort zu benennen und zu verstehen. Mir ging es auch darum, meine Gefühle für mein Heimatland auszuloten. Wann immer ich nach Israel zurückkehre, habe ich gemischte Emotionen: Ich fühle mich zugehörig und fremd zugleich.

Was ist für Sie mit Ihrem Blick der gleichzeitig Eingeweihten und Außenstehenden das Spezifische am jüdischen Staat?
Es gibt ein hebräisches Lied, in dem es heißt: »Die Dinge, die man hier sieht, kann man von dort nicht sehen.« Ich habe eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass das, was in Israel als das »normale Leben« bezeichnet wird, woanders nicht als normal bezeichnet werden würde. Die Menschen leben im ständigen Ausnahmezustand. Man ist nicht nur in Kriegszeiten angespannt, sondern auch in verhältnismäßig ruhigen Perioden. Man rechnet damit, dass die Situation ständig eskalieren kann. Das hat natürlich Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens. Die Menschen sind daran gewöhnt, immer mit dem Unerwarteten zu rechnen. Sie sind gut im Improvisieren, darin »Feuer zu löschen«, wie es im Hebräischen heißt, einander beizustehen und ihre Lieben zu beschützen. Allerdings muss man dafür auch einen Preis bezahlen: Toleranz, Großzügigkeit und Gewaltlosigkeit werden in solchen Zeiten aufs Spiel gesetzt.

Sehen die Israelis selbst das auch so?
Ich denke, wenn man in Israel lebt, stellt man sich bestimmte Fragen einfach nicht. Ich habe es zu meiner Zeit dort auch nicht getan. Man fragt sich nicht, ob es eine Alternative zu dem Leben gibt, das man gerade führt. Stattdessen schafft man sich eine Art schützende Hülle, mit der man sich abgrenzt. Eine Hülle, die hilft, das Alltagsleben fortzuführen. Man versucht auch grundlegende Fragen über die Existenz dieses Landes, seine Gegenwart und seine Zukunft zu vermeiden. Wenn man von außen auf Israel blickt, stellt man sich ständig diese Fragen.

Die Fotos in »5683 Miles Away« sind eine Mischung aus Stillleben, Porträts und Landschaftsaufnahmen: ein Baby im Strampler mit militärischem Tarnmuster; ein altes Paar am Meer; schwarz blühende Pflanzen in der Wüste; ein Soldat, der Schutz sucht vor der Mittagssonne. Welches der Bilder ist Ihr persönlichstes?
Ich denke, es gibt kein einzelnes Bild, das meine komplette Sicht auf das heutige Israel bündelt. Deshalb habe ich ja auch ein ganzes Buch gemacht. Aber das erste und das letzte Motiv dort kommen meiner Sicht auf das Land am nächsten. Das erste Motiv, »Milk«, zeigt eine Milchtüte in einer Plastikkanne und eine Ausgabe der Zeitung Haaretz auf einem Tisch. Die Plastikkanne hat für mich etwas Nostalgisches, denn die meisten Menschen kaufen ihre Milch heute in Kartons. Die Schlagzeile der Haaretz lautet: »Syrien ist grausam und …« Das letzte Foto in dem Band heißt »And come to Zion ...«. Es zeigt eine Inschrift auf einer Tür in der Stadt Safed. Die Worte stammen aus dem biblischen Vers »und der Erlöser wird nach Zion kommen«. Mein Buch bleibt wie die Tür auf dem Bild offen.
Hat die Arbeit an den Bildern Ihr Verhältnis zum Land verändert?
Das Projekt hat mir geholfen, über meine Gedanken und Gefühle zu meinem Heimatland Israel klar zu werden. Es hat mir bestätigt, wie komplex und widersprüchlich Israel ist und wie die politischen Umstände die Identität das Land geformt haben. Und es hat mir deutlich gemacht, dass – im Guten wie im Schlechten – Israel immer ein wichtiger Teil meiner eigenen Identität sein wird.

Sie pendeln seit Jahren zwischen den Flughäfen Ben Gurion und John F. Kennedy. Können Sie sich vorstellen, von New York eines Tages wieder für immer nach Israel zu ziehen?
Meine kurze Antwort darauf lautet »Ja«. Die lange Antwort ist komplizierter und Gegenstand meines nächsten Projekts.

Yael Ben Zion: »5683 Miles Away«. Mit Texten von Joanna Lehan. Kehrer, Heidelberg 2010, 88 S., 55 Abb., 36,- €

Berlinale

Dokumente zu Holocaust-Film von Jerry Lewis in Berlin

Sohn des 2017 gestorbenen Schauspielers und Regisseurs übergibt Deutscher Kinemathek Archivmaterial

 22.02.2020

Berlinale

Am besten nichts Neues

Bei den 70. Internationalen Filmfestspielen beschränken sich die Filme mit jüdischen Themen überwiegend auf Schoa, Vergangenheit und schuldbeladene Gegenwart

von Georg M. Hafner  20.02.2020

Literatur

Lyrik einer jungen Diaspora

Israelische Autoren, die in Deutschland leben, präsentieren ihre Gedichte in einer Anthologie und bei einer Lesung in Berlin

von Ralf Balke  20.02.2020

Film

Schlafwandler mit VR-Brille

Eine Berliner Schau zum 100. Geburstag des Stummfilmklassikers »Das Cabinet des Dr. Caligari«

von Katrin Richter  20.02.2020

Finale

Der Rest der Welt

An alle Väter: Sind Sie Ihren Töchtern auch peinlich?

von Beni Frenkel  20.02.2020

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  20.02.2020

Wuligers Woche

Spur des Steines

Über Symbolpolitik in der Nachbarschaft

von Michael Wuliger  20.02.2020

Erfurter Goldschatz

Judaistin forscht zu Artefakten

»Judaistin in Residence« Merav Schnitzer will mehr zur Funktion und Bedeutung silberner Schlüssel im jüdischen Kontext herausfinden

 17.02.2020

Musik

»Ich bin eben ein Jerusalem-Typ«

Die Sängerin und Schauspielerin Avigayil Koevari bewegt sich zwischen verschiedenen Welten

von Sandra Hilpold  15.02.2020