Literatur

Dämonen, Sex und Charedim

Das Böse trägt Bart: Für Hagai Dagan, den Gewinner des diesjährigen Geffen-Preises, sind Ultraorthodoxe das Feindbild. Foto: cinetext

Rabbinische Verschwörungen, Heldinnen, die auf dem Leviathan reiten, eine streng geheime israelische Armeeeinheit, die Dämonen jagt, Gespenster, Menschen, die an Amnesie erkranken, ein schwuler Messias – all das findet sich in dem halben Dutzend Bücher, die für den diesjährigen Geffen-Preis für den besten israelischen Fantasy- oder Science-Fiction-Roman nominiert wurden. Der Preis wurde Ende September von der Israeli Society for Science Fiction and Fantasy verliehen.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass man berechtigterweise darüber klagen konnte, dass Fantasy in der israelischen Literatur nur schwach vertreten und Science-Fiction nicht viel besser vertreten war, überhaupt die hebräischsprachige Literatur dem Fantastischen und Spekulativen mit Misstrauen begegnet. (Eigentlich ironisch, bedenkt man, dass Theodor Herzl, der Begründer des Zionismus, in seinem utopischen Roman Altneuland selbst eine ziemlich fantastische Geschichte erzählt hatte.)

genremix Das hat sich geändert. Der Geffen-Preis selbst ist ein Zeichen für das Aufblühen von Science-Fiction und Fantasy in Israel. Der Preis wurde erstmals 1999 vergeben, aber nur für ins Hebräische übersetzte Romane und für Kurzgeschichten. Vier Jahre später wurde für literarische Texte israelischer Autoren in Buchlänge eine eigene Kategorie ins Leben gerufen; bis zum Jahr 2007, in dem Hagar Yanais Ha-livyatan mi-bavel ihn erhielt, wurde der Preis alle zwei Jahre verliehen.

Seitdem wird jedes Jahr ein hebräisches Werk in Romanlänge ausgezeichnet. (Die beiden Genres Science-Fiction und Fantasy werden für den Preis zusammengefasst, wie es auch beim Hugo- und Nebula-Award der Fall ist.) Die Preise werden auf dem ICon-Festival in Tel Aviv bekannt gegeben, das jedes Jahr rund 3000 Fantasy-, Science-Fiction- und Rollenspiel-Fans anzieht.

Ein Blick auf die sechs Romane, die für den diesjährigen Geffen-Preis nominiert wurden, zeigt, was die aktuelle israelische Science-Fiction und Fantasy-Literatur an neuen Mitteln und Möglichkeiten auslotet und was die Autoren umtreibt. Zum einen spiegeln diese Bücher internationale Trends wider, vor allem das Verschwinden eindeutiger Genregrenzen zwischen Fantasy, Science-Fiction und anderen Richtungen.

Während sich einige der Texte an die jeweiligen Genre-Konventionen halten, bedienen sich die meisten Autoren kunterbunt und ganz bewusst bei Fantasy, Science-Fiction, Horror, Kriminalroman und anderen Genres. Zudem ist in ihren Romanen der Einfluss des Films mindestens ebenso groß wie der Einfluss ernsthafter und populärer Literatur.

Was bei den Büchern, die in diesem Jahr nominiert wurden, jedoch am meisten auffällt, ist ihre Beschäftigung mit dem Judentum. Zwei von ihnen, Eshtonot (Das Buch der Unordnung) von Ofir Touché Gafla und Etsba’ot shel pesantran (Klavierfinger) von Yali Sobol, haben, jedes auf seine Art Israel zum Thema, ganz gleich, ob es sich um den realen Staat oder ein dystopisches Israel in der nahen Zukunft handelt; doch es geht in ihnen nicht um das Judentum an sich. Die anderen vier Nominierten hingegen, einschließlich des diesjährigen Siegers, stellen Aspekte des jüdischen Glaubens ins Zentrum ihrer literarischen Fantasien.

mythen Besonders ausgeprägt zeigt sich das beim Gewinner des diesjährigen Geffen-Preises, Shedim be-rechov Agrippas (Dämonen in der Agrippastraße) von Hagai Dagan. Der Roman handelt von einer Gruppe übersinnlich begabter Kriminalbeamter, die locker mit der Armee zusammenarbeiten, um renitente Dämonen unter Kontrolle zu halten – eine Art israelischer »Ghostbusters« oder »Men in Black«.

Der Held von Dagans Geschichte heißt Shabi, ein sexbessessener Chaot und Taxifahrer in Jerusalem, der für die Polizeieinheit angeworben wird, nachdem er eine mysteriöse Begabung an den Tag legt, mit diesen übernatürlichen Wesen umzugehen. Bald findet Shabi heraus, dass eine kosmische Krise bevorsteht: die Verschwörung einer mächtigen Gruppe böser Engel, die beabsichtigen, das Universum für immer der dunklen und gewalttätigen Seite Gottes auszusetzen, dem, was die Kabbalisten »Din« (Urteil) im Gegensatz zu »Chesed« (Gnade) nennen.

Damit ihr Plan triumphieren kann, müssen diese Engel eine Gruppe gefangen gehaltener heidnischer Gottheiten hinrichten, insbesondere die ägyptische Isis und die römische Fortuna. Und so finden sich Shabi und seine Kollegen – eine feministische Unidozentin, ein ehemaliger Jeschiwa-Schüler, ein ehemaliger Physiker und eine muslimische Frau aus dem Sudan – in einem Wettrennen gegen die Zeit, um die Göttinnen zu retten und das Ende aller Tage zu verhindern.

Dagan bedient sich für seinen Roman bei seinem eigenen Handbuch jüdischer Mythen und Gegenmythen von 2003, Ha-mitologyah ha-yehudit (Jüdische Mythologie) und zitiert sogar wörtlich daraus. In »Dämonen in der Agrippastraße« wird es als dämonisches Buch, als »Bibel der Hölle«, präsentiert.

religionskritik Dagan hat eine israelische Version jener Art von Roman geschrieben, die, wie American Gods von Neil Gaiman, Sterbliche mächtigen uralten Gottheiten begegnen lassen. Dagan macht sich einen Spaß daraus, solche Begegnungen als Komödie aufzubereiten, mit viel Slapstick und anzüglichen Witzen. Doch trotz aller komischen Passagen geht es in Dagans Roman um ernste theologische und politische Themen.

Der Kampf zwischen bösen Engeln und heidnischen Göttern dient Dagan in seinem Roman dazu, das traditionelle Judentum zu attackieren. Das Judentum, so die These des Buchs, hat die lebensbejahenden weiblichen und naturnahen Dimensionen des Heidentums verbannt und wurde so steril und unterdrückerisch.

In der berühmten talmudischen Geschichte vom Backofen des Achnai appelliert Rabbi Eliezer mit Erfolg an Gott und bittet, der Herr möge seine Interpretation des Gesetzes unterstützen, was jedoch von den anderen Rabbinern wegen einer Formsache verworfen wird. In Dagans Roman erscheint Eliezer als couragierter, wenn auch erfolgloser Held, der versucht, die jüdischen und heidnischen Gottheiten harmonisch zu verschmelzen.

Eliezer wollte den Gott der Hebräer mit den heidnischen Göttinnen zu einem sexbejahenden Kult zusammenführen, um Weiblichkeit und die Natur zu zelebrieren, statt der erdrückenden und patriarchalischen Rigidität des jüdischen Gesetzes zu gehorchen. Einer von Eliezers späteren Anhängern spricht davon, dass es notwendig sei, »das Judentum zu irgendetwas Lebendigem werden zu lassen. Irgendetwas, das mit der Welt jener Göttinnen und Götter verbunden ist, die hier waren, bevor Gott beschloss, allein zu herrschen.«

politik Das erinnert ein wenig an die kanaanitische Bewegung, eine Gruppe von Schriftstellern und Künstlern, die in den 40er-Jahren in der Kunst- und Literaturszene auftauchten; diese Gruppe plädierte dafür, die israelische Kultur vom Judentum abzunabeln und stattdessen eine von ihnen fantasierte vorbiblische Kultur, die im gesamten Nahen Osten Gültigkeit hatte, anzunehmen.

Die engeren ideologischen Verwandten von Dagan sind allerdings die unterschiedlichen Varianten feministischer Spiritualität, die seit den 70er-Jahren das Judentum attackieren, weil es angeblich das Patriarchat erfunden und die weibliche Welt des Heidentums unterdrückt hat – eine Sichtweise, die die alten christlichen Vorwürfe, das Judentum sei nichts als trockener und seelentötender Legalismus, ebenso wiederbelebt wie den Vorwurf des Gottesmordes, in diesem Falle den Mord an Göttinnen.

Dagans Religionskritik geht Hand in Hand mit einer offen zutage liegenden Feindschaft gegenüber ultraorthodoxen Juden und dem, was viele säkulare Israelis als die »Charedisierung« von Jerusalem beklagen. Der Roman enthält eine Menge giftiger Bemerkungen über charedische Juden (eine der Figuren fragt an einer Stelle halb scherzhaft, ob sie überhaupt Menschen seien).

Um ja keine Zweifel an Dagans Haltung zu dem Thema aufkommen zu lassen, lässt er den bösen Hauptengel sich als ultraorthodoxen Rabbiner verkleiden, der jenseits der Grünen Linie im arabischen Silwan eine Jeschiwa leitet. Und während alle orthodoxen Juden im Roman böse sind – oder verkappte Dämonen –, sind alle arabischen Figuren Menschen voller Güte und guter Absichten trotz ihrer Unterdrückung durch orthodoxe Juden. Wenn das Judentum, so unterstellt es der Roman, sich dem Heidentum und dem Weiblichen öffnen würde, wie es Rabbi Eliezer vor 2000 Jahren wünschte, würde zwischen Juden und Arabern heute Frieden herrschen.

Michael Weingrad ist Professor für Jüdische Studien an der Portland State University im US-Bundesstaat Oregon und Betreiber des Blogs investigationsandfantasies.com.

Der Text ist eine gekürzte Fassung seines Essays »Riding Leviathan: A New Wave of Israeli Genre Fiction«, erschienen in der neuen Ausgabe der Jewish Review of Books
http://jewishreviewofbooks.com/articles/602/riding-leviathan-a-new-wave-of-israeli-genre-fiction

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