Sachbuch

Czernowitz, mon amour

Der Bahhof von Czernowitz Foto: imago images / Volker Preußer

Insgesamt dreimal ist Helmut Böttiger nach Czernowitz gereist, in die Geburtsstadt von Paul Celan und Rose Ausländer. Der 1956 geborene Publizist und Literaturkritiker hatte als Jugendlicher Anfang der 70er-Jahre in einem kleinen Würzburger Alternativ-Buchladen die Gedichte Paul Celans entdeckt – in einer Zeit also, in der Czernowitz, die einstige jüdisch geprägte Kultur-Metropole der Bukowina, längst verschwunden zu sein schien, verschandelt zu einem sowjetischen Provinznest hinter dem Eisernen Vorhang.

Wobei natürlich nicht allein der Untergang des multi-ethnischen und duldsamen k. u. k. Reichs zum Verfall der Stadt beigetragen hatte, sondern auch der berüchtigte Hitler-Stalin-Pakt, in dessen Folge die Stadt dem sowjetischen Einflussgebiet zugeschlagen wurde. Unter der bolschewistischen Herrschaft wurden Juden dann als »Kapitalisten« deportiert, während danach die Deutschen und rumänische Faschisten bei ihren Deportationen und Morden die ganze jüdische Gemeinschaft ins Visier nahmen.

Wie aber kommt nach dem Ende der Sowjetunion ein westlich sozialisierter Nachkriegsdeutscher in die Stadt? Mit Kenntnis der Vergangenheit und Neugier auf das Gegenwärtige, auch wenn sich dieses (vorerst) noch in einer arg postsowjetischen, mitunter sogar surreal-absurden Tristesse zeigt.

Diese beschreibt Böttiger auf seiner ersten Reise im Sommer 1993 lakonisch und präzise, vor allem aber ohne jene vorgeblich progressive Attitüde, die sich angesichts der deutschen Geschichte kein Urteil über die Verheerungen zutraut, die dem Sowjetsystem zuzurechnen sind. Denn noch liegt gleichsam Mehltau über der einst so mondänen Stadt, ist die Erinnerung an das vielfältige jüdische Erbe verschüttet, kennt selbst in der architektonisch noch einigermaßen intakten Altstadt kaum jemand den Namen Paul Celans.

Als Helmut Böttiger im Mai 2005 – ein Jahr nach der »Orangenen Revolution« in Kiew – nach Czernowitz zurückkehrt, hat sich schon einiges getan.

Als Helmut Böttiger im Mai 2005 – ein Jahr nach der »Orangenen Revolution« in Kiew – nach Czernowitz zurückkehrt, hat sich indessen schon einiges getan. Auch wenn das wuchtige Paul-Celan-Denkmal ebenso wie das stilisierte Metallbuch am (vermeintlichen) Geburtshaus noch immer den wenig subtilen Geist sowjetischer Ästhetik atmet – etwas beginnt, etwas versucht, sich freizuschaufeln. So etwa in neu entstandenen Buchhandlungen und lauschigen Cafés, betrieben von rührigen jungen Leuten, die ganz klar westwärts blicken und gleichzeitig die ehemalige kulturelle Blüte ihrer Stadt (in der es freilich kaum noch Juden gibt) als Chance und Auftrag verstehen.

Der ebenso aufmerksame wie uneitle Besucher aus der Bundesrepublik schaut und notiert und hat dabei für impressionistische Alltagsdetails ebenso einen Blick wie für die nun langsam wieder freigelegten historischen Zickzack-Linien. Dann, während der dritten Reise im September 2022, ist (wieder) Krieg. Und gerade auch diejenigen, die das jüdische Erbe von Czernowitz zu bewahren trachten – nunmehr gegen Putins Panzer und Raketen, auch wenn diese die Stadt vorerst verschont haben –, beenden ihre Veranstaltungen mit dem längst legendär gewordenen Freiheits- und Verteidigungsruf »Slawa Ukrajini«. »So militärisch befremdend sich das für westliche Zugereiste auch ausnehmen mag: Das ist mittlerweile ein Akt der Selbstverständigung, die sich vor allem als ein Gegenentwurf zum russischen Imperialismus versteht.«

Viel lernt Helmut Böttiger auch von den Schriftstellern, die er trifft und deren Insistieren auf einer ukrainischen Sprache ebenfalls das Gegenteil nationalistischer Einkapselung ist: »Die ukrainische Literatur handelt von einer Gegenwart, die keineswegs fern ist; es ist die Gegenwart Europas … Plötzlich ist das alles nicht mehr so abstrakt wie in Deutschland. Im Kriegsgebiet selbst zu sein und nicht aus einem sicheren Abstand heraus zu urteilen, ist atmosphärisch ein größerer Unterschied, als es für mich vorstellbar gewesen wäre.«

Auch wenn man sich gerade an dieser Stelle noch ein paar deutlichere Worte gegenüber jenen im deutschen Polit- und Kulturbetrieb gewünscht hätte, die sich solcher Einsicht bis heute arrogant verweigern: Helmut Böttiger hat ein stilles und sehr genaues Buch geschrieben, dem eine Art Fortsetzung gewiss zu wünschen wäre.

Helmut Böttiger: »Czernowitz. Stadt der Zeitenwenden«. Berenberg, Berlin 2023, 87 S., 22 €

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