Sefarad

Cocktails im Rabbinerhof

Juden leben hier seit 1492 nicht mehr: der Call in Girona Foto: dpa

Sefarad

Cocktails im Rabbinerhof

Viel Erbe, wenig Gegenwart: Impressionen aus dem jüdischen Katalonien

von Michael Wuliger  07.06.2010 16:13 Uhr

Wenn bei den Hausfrauen von Girona Großreinemachen ansteht, nennen sie das katalanisch »fer dissabte« – Sabbat machen. Sprachforscher vermuten, dass die Redewendung auf zwangsgetaufte Juden zurückgeht, die demonstrativ am Samstag ihren Hausputz erledigten, um den Verdacht zu zerstreuen, sie würden weiter »judaisieren«. Denn die Neuchristen, die »Conversos« wurden von der Inquisition argwöhnisch beäugt. Wer verdächtig war, jüdische Riten heimlich weiter zu befolgen, dem drohte dasselbe Schicksal wie den nicht getauften Juden, die 1492 aus Spanien vertrieben worden waren. Hunderttausende mussten ihre Heimat verlassen. Ihr Vermögen durften sie nicht mitnehmen.

relikte Mit dem Ausweisungsedikt der katholischen Könige Ferdinand und Isabella hörte auch die jüdische Gemeinde von Girona auf, zu bestehen. Seit Gründung durch die Römer hatten in der Stadt am Fluss Ter Juden gelebt, unter ihnen der große Talmudist Moses ben Nachman Girondi, bekannt als Nachmanides oder Ramban. Am 10. Juli 1492 endete diese Ära. An diesem Tag wurde die Synagoge an die Domherren der örtlichen Kathedrale verkauft. Ein Faksimile der Verkaufsurkunde ist im jüdischen Museum der Stadt ausgestellt, neben anderen Artefakten, darunter Grabsteine vom einstigen Friedhof, dem Montjuic, deutsch Judenberg.

Das Museum wurde in den 90er-Jahren errichtet. Es ist Teil eines groß angelegten Programms, mit dem Katalonien sich seiner jüdischen Geschichte wieder besinnt. In Girona wurde das alte Judenviertel, der Call (das katalanische Wort geht auf das hebräische »Kehilla« für Gemeinde zurück), aufwendig restauriert. Heute ist der Call eine der trendigsten Wohngegenden der Stadt. Die mittelalterlichen Häuser, an deren Toren man gelegentlich noch Spuren der Mesusot entdecken kann, die dort einst befestigt waren, beherbergen Kunstgalerien, teure Boutiquen und angesagte Restaurants, von denen manche »sefardische Menüs« anbieten, etwa Lammeintopf mit Kichererbsen und Zimt. Eine beliebte Cocktailbar heißt »El Pati del Rabi« – Der Hof des Rabbiners. Hier lebte einst der Kabbalist Azriel de Girona.

Auch an anderen Orten Kataloniens wird das jüdische Erbe gepflegt. In der mittelalterlichen Stadt Besalú können Besucher eine Mikwe aus dem 13. Jahrhundert bewundern, das einzige noch erhaltene Ritualbad auf der iberischen Halbinsel. In Tortosa am Ebro, in La Bisbal an der Costa Brava und in Castelló d’Empúries sind die alten jüdischen Viertel gut erhalten. Und natürlich hat auch Barcelona sein altes jüdisches Quartier mit der ältesten Synagoge Europas, erbaut im 6. Jahrhundert, 2006 wieder eingeweiht.

Kleingemeinde Die katalanische Hauptstadt hat etwas zu bieten, das man an anderen Stätten des jüdischen Erbes schmerzlich vermisst: lebende Juden. Es gibt in Barcelona eine orthodoxe Gemeinde, eine liberale, auch eine Filiale der allgegenwärtigen Lubawitscher fehlt nicht. So pittoresk wie die aufwendig gepflegten Zeugnisse der Geschichte ist das aktuelle jüdische Leben allerdings nicht. Streng genommen gehört es nicht einmal zu diesem Erbe. Die rund 3.500 Gemeindemitglieder stammen zum Großteil aus dem Maghreb oder sind aus Lateinamerika zugezogene Aschkenasim. Ihren Lebensunterhalt verdienen viele von ihnen als kleine Geschäftsleute. Es gibt auch einige Künstler, Intellektuelle und Akademiker. Eine ganz unspektakuläre jüdische Gemeinde, die im Stadtleben keine große Rolle spielt. Bei rund 1,6 Millionen Einwohnern machen Juden gerade mal 2 Promille der Barceloneser Bevölkerung aus. Zu den Blütezeiten im Mittelalter waren es 15 Prozent.

déjà-vu Den Besucher aus Deutschland beschleicht ein Déjà-vu-Gefühl. Ein Land mit einer großen jüdischen Vergangenheit, von der zumeist nur noch steinerne Relikte übrig geblieben sind; dazu wenige jüdische Klein- und Kleinstgemeinden, und die auch nur in den Metropolen. Ähnlich war es auch in der Bundesrepublik vor 1989. 30.000 Juden lebten hier, die meisten von ihnen in Berlin, Frankfurt/Main und München. Außerhalb gab es vor allem jede Menge jüdischer Friedhöfe und zu Begegnungsstätten umfunktionierte einstige Synagogen. Das Wort »jüdisch« wurde meist mit vorgeschaltetem »ehemalig« gebraucht. Wäre nicht die Zuwanderung aus den Staaten der früheren Sowjetunion gewesen, das jüdische Leben in Deutschland würde inzwischen wahrscheinlich dem Kataloniens ähneln: Viele geschichtliche Zeugnisse, von Nichtjuden engagiert gepflegt, doch wahrnehmbare Gegenwart nur noch am Rand. Wer, wie viele »Eingesessene«, über die Belastungen klagt, die mit den »Russen« verbunden sind, vergisst, dass ohne sie viele Gemeinden heute mutmaßlich nur noch musealen Wert hätten. Auch das kann man als Lehre von einer Reise durch das jüdische Katalonien mitnehmen.

Informationen zu jüdischen Stätten in Katalonien gibt es unter www.catalunya.com
oder beim Katalanischen Tourismusamt in Frankfurt/M. info@katalonien-tourismus.de

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  02.07.2026 Aktualisiert

Fußball

Länderspiel verlegt: Irland verzichtet auf Israel-Boykott

Irlands Fußballverband FAI will das UEFA-Nations-League-Spiel gegen Israel nun in Serbien austragen - auch, um einen Abstieg zu vermeiden

 02.07.2026

Großbritannien

London ehrt Stefan Zweig

84 Jahre nach seinem Tod wird der berühmte österreichische Schriftsteller Stefan Zweig in London geehrt. Dorthin war er 1936 vor den Nazis geflohen

 02.07.2026

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« gegründet

Rund 60 Theaterschaffende haben in Augsburg ein neues Netzwerk gegen Judenfeindlichkeit ins Leben gerufen. Ihnen geht es etwa darum, antisemitismuskritische künstlerische Werke zu entwickeln. Und sie wollen expandieren

von Christopher Beschnitt  02.07.2026

Kulturkolumne

In der Hitze des Sommers

Zwischen Deutschland und Israel: Wenn die Luft sich nicht bewegt und die Zeit stillsteht

von Laura Cazés  02.07.2026

Thüringen

Achava-Festspiele: Dialog zwischen Religionen und Kulturen

Die Achava-Festspiele gehen mit mehr als 80 Veranstaltungen in ihre zwölfte Ausgabe. Neben Konzerten umfasst das Programm Ausstellungen, Filme, Vorträge, interreligiöse Begegnungen sowie Angebote für Familien und Schulen

 02.07.2026

Weimar

Ausstellung zeigt Verstrickung von Ärzten im NS-Staat

Die Weimarer Ausstellung »Systemerkrankung« skizziert ausgewählte Biografien von Medizinern im NS-Staat. Die Texte und Hörstationen ordnen dabei die Rolle der individuellen Verstrickungen, aber auch Widerstandshandlungen zwischen 1933 und 1945 ein

 02.07.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  02.07.2026

Bachmannpreis

Sie ging – der Roman kommt

Die Autorin Slata Roschal las in Klagenfurt ihren Text »Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet«. Und sie verursachte einen kleinen Skandal

von Katrin Richter  02.07.2026