David Rubinger

Chronist einer Nation

David Rubinger (1924–2017) Foto: dpa

Vor allem der Geruch von Erbsensuppe rief bei David Rubinger Erinnerungen an seine Kindheit in Wien wach. Es waren Erinnerungen an eine verlorene Welt. »Rubinger muss Bilder im Geiste aufgenommen haben, lange bevor er seine erste Argus in Paris erhielt. Licht und Schatten haben wohl schon in seiner Kindheit eine große Rolle gespielt«, schrieb der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk über Rubinger.

David Rubinger wurde 1924 in Wien geboren. Kurz nach dem »Anschluss« Österreichs 1938 wurde er seiner Schule verwiesen und floh 1939 mithilfe der Jugend-Alija ohne seine Familie nach Palästina. Seine Mutter sah er nie wieder – sie wurde im Holocaust ermordet. In Palästina lebte Rubinger einige Jahre im Kibbuz, bevor er 1942 in die Britische Armee eintrat.

soldat Den Zweiten Weltkrieg erlebte er als Soldat der jüdischen Brigade der britischen Armee in Italien. Nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 begann der Autodidakt Rubinger, als freiberuflicher Fotograf zu arbeiten – zunächst für lokale Medien, später für Magazine wie TIME und LIFE. Sein 1967 nach der Eroberung der Altstadt von Jerusalem im Sechstagekrieg entstandenes Foto israelischer Soldaten, die ehrfürchtig an der Klagemauer stehen, zählt zu den berühmtesten Aufnahmen in der Geschichte der Kriegsfotografie.

Ein Honorar für sein bekanntestes Bild hat er jedoch nie erhalten. Seine Klage auf Vergütung wies der Oberste Gerichtshof mit der Begründung zurück, das Foto sei »nationales Kulturerbe«. Das verdeutlicht die enorme Symbolkraft, die sein Werk heute in Israel genießt.

Rubinger, Pionier der Presse- und Dokumentationsfotografie, begleitete die Geschichte Israels mit seiner Kamera und dokumentierte die turbulenten Phasen der Staatswerdung. Er schuf Bilder, die heute Teil der kollektiven Erinnerung Israels sind, und porträtierte sowohl Politiker und Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben, die maßgeblich zum Aufbau des Landes beigetragen haben, als auch Flüchtlinge oder einfache Frauen und Männer.

Sein Werk gewährt Einblicke in längst vergangene Lebenswelten: die Zeit des Britischen Mandats, Einwanderungswellen aus aller Welt, Überlebende der Schoa und ihre Ankunft in Palästina, die Aufbauarbeit der 50er- und 60er-Jahre und die Auffanglager für Neueinwanderer, die sich mit Koffern und Kisten auf den Weg in eine ungewisse Zukunft machten. Auch sehen wir in eindrucksvollen Momentaufnahmen die blutigen Demonstrationen in Jerusalem 1952 gegen die sogenannten Wiedergutmachungsverhandlungen mit Deutschland.

identität In seinen Fotografien visualisierte David Rubinger öffentliche Debatten, dokumentierte politische Auseinandersetzungen und kriegerische Konflikte, zeigte aber auch große Politik und stille Momente des Alltags. David Rubinger war immer mittendrin, ohne sich einzumischen. Seine Werke erkunden das Lebensgefühl der Menschen in einem Staat auf der Suche nach Identität und Normalität. Seine Fotografien fügen sich zu einem beeindruckenden Zeitpanorama zusammen, das heute von den enormen Herausforderungen berichtet, denen das Land ausgesetzt war.

Schimon Peres nannte ihn »den Fotografen einer im Entstehen begriffenen Nation«. Und Rubinger war mit seiner Biografie selbst Teil dieses Werdens, das bis heute eng mit der Suche nach Identität und Heimat verbunden ist. Er hat das Werden Israels fast acht Jahrzehnte mitgeprägt, und sein unverwechselbarer Blick ist heute Teil des visuellen Gedächtnisses Israels geworden. Am Mittwoch vergangener Woche ist David Rubinger im Alter von 92 Jahren in Jerusalem gestorben.

Meinung

Warum ich mich für meine Teilnahme am »Dschungelcamp« niemals schämen würde

Die »Lindenstraßen«-Darstellerin Rebecca Siemoneit-Barum war 2015 bei der berühmt-berüchtigten RTL-Sendung in Australien dabei. Hier erzählt sie, was die Zeit im Dschungel bis heute für sie bedeutet

von Rebecca Siemoneit-Barum  08.02.2026 Aktualisiert

Kunst

Ausstellung zu Kriegsfotograf Robert Capa in Monschau

100 Schwarz-Weiß-Aufnahmen des berühmten Fotografen jüdischer Herkunft werden gezeigt

 08.02.2026

»Dschungelcamp«

Gil Ofarim im Finale: »Ich versteh’s selbst nicht«

In der Folge 15 des »Dschungelcamps« ging es erneut um Ofarims Umgang mit seinem falschen Antisemitismusvorwurf. Am Ende schafft es der Sänger in die Runde der letzten drei

von Martin Krauß  08.02.2026

Musik

Matti Caspi im Alter von 76 Jahren gestorben

Der Musiker ist nach langer Krankheit gestorben. Präsident Herzog würdigte ihn als einen »der größten israelischen Komponisten seiner Generation«

 08.02.2026

Geschichte

Spuren im Schnee

Garmisch-Partenkirchen erinnert an die Olympischen Winterspiele 1936 unter der NS-Herrschaft

von Martin Krauß  08.02.2026

Alice Zaslavsky

»Hühnersuppe schmeckt nach Heimat«

Die Kochbuch-Autorin kam als Kind mit ihrer Familie aus Georgien nach Australien und kennt die jüdische Gemeinde von Bondi Beach. Ein Gespräch über Verbundenheit, Gerüche und Optimismus

von Katrin Richter  08.02.2026

Zahl der Woche

6:3, 6:1

Fun Facts und Wissenswertes

 08.02.2026

Interview

»Isidor hätte es gefallen«

Shelly Kupferberg über ihren Bestseller »Isidor«, seine Inszenierung am Wiener Burgtheater und konstruktive Erinnerungsarbeit

von Mascha Malburg  08.02.2026

Aufgegabelt

Tahini-Mousse

Rezepte und Leckeres

 08.02.2026