Oscar-Museum

»›Casablanca‹ ist erschreckend aktuell«

Frau Berger, Sie stammen aus Österreich, haben auch lange in Berlin gearbeitet. Wie kamen Sie an dieses Museum?
Nach Los Angeles kam ich 2008 aus privaten Gründen. Ich bin Kunsthistorikerin und Filmwissenschaftlerin und hatte schon lange für Museen gearbeitet. Hier in L. A. konnte ich am Skirball Cultural Center, einer jüdischen Institution, eine Ausstellung über deutschsprachige Emigranten in der Filmindustrie machen, die in der Nazi-Zeit flüchten mussten. Ein Großteil der Emigranten war jüdischer Herkunft. Es waren an die 1500, und einige Hunderte schafften es, in Hollywood Fuß zu fassen und zum Teil auch die amerikanische Filmkunst bedeutend mitzuprägen. Das ist eine großartige Geschichte. Dieses Projekt führte mich schließlich zum Filmmuseum, für das ich seit 2015 arbeite.

Einige deutsche Filmkünstler kamen schon vor der Machtergreifung Hitlers in die USA, angezogen von der Kreativität und dem Glanz Hollywoods, wie Marlene Dietrich, Friedrich Wilhelm Murnau und Ernst Lubitsch. Aber die große Welle der Emigration setzte dann schon bald ein.
Ja, viele jüdische Filmleute verloren 1933 schnell ihre Arbeit, etwa bei der UFA wurden sie umgehend entlassen. Von einem Tag auf den anderen erwerbslos geworden, mussten sie sich neu orientieren und gingen, wenn es möglich war, in die USA. Dazu kamen dann auch Gegner des Nazi-Regimes, die ebenso emigrierten. Es war nicht einfach, in die USA zu gelangen, man musste im Voraus Arbeitsgenehmigungen vorweisen. Wie heute ist so eine Jobgarantie schwer zu beschaffen, aber damals waren die Kommunikationswege sehr viel länger, alles lief noch über Briefe. Manche der Emigranten machten große Karrieren, wie die Regisseure Fritz Lang und Billy Wilder, die übrigens Österreicher waren, oder wichtige Komponisten wie Franz Waxman und Erich Wolfgang Korngold. Darsteller wie Peter Lorre, Conrad Veidt und Hedy Lamarr prägten ebenfalls jene Ära von Hollywood entscheidend mit, die wir heute klassisch nennen.

Wie waren denn die Arbeitsmöglichkeiten in diesen Jahren? Es gab doch bereits eine etablierte Filmindustrie mit vielen Spezialisten.
Aber es gab auch ein gut funktionierendes Netzwerk von Emigranten. Künstler wie die Drehbuchautorin und Schauspielerin Salka Viertel, der Regisseur Ernst Lubitsch und, ganz wichtig, der Produzent und Gründer von Universal Pictures, Carl Laemmle, haben anderen geholfen. Es ist richtig, die Filmindustrie war bereits etabliert, aber Sie dürfen nicht vergessen, dass sich Hollywood ab 1927 den Herausforderungen des noch relativ jungen Tonfilms stellen musste. Für diese neuen Möglichkeiten brauchte man viele Talente. Der Film Noir ist ein gutes Beispiel des ästhetischen Einflusses von Emigranten. Er ist Anfang der 40er-Jahre entstanden und wurde aus den amerikanischen »hard-boiled« Kriminal- und Detektivgeschichten entwickelt, aber die düstere, expressionistische Bildsprache in den Filmen kommt eindeutig von den Europäern. Es war übrigens auch eine Zeit, in der sich für afroamerikanische Künstler neue Chancen im Film ergaben, besonders auf dem Feld der musikalischen Unterhaltung.

Auch einen jüdischen Agenten sollte man unbedingt erwähnen, der große Verdienste um exilierte Künstler hatte: Paul Kohner.
Unbedingt. Paul Kohner kam schon früh aus Europa nach Hollywood und hatte zunächst für die Universal Pictures gearbeitet. Er gründete seine eigene Agentur und betreute Stars wie Greta Garbo, Marlene Dietrich, John Huston und Billy Wilder. Im Jahr 1938 gründete er zusammen mit anderen europäischen Filmschaffenden wie Ernst Lubitsch, Liesl und Bruno Frank den European Film Fund, der wichtig war, um Jobs zu besorgen, aber auch, um Gelder für die direkte Hilfe bereitzustellen. Er hat sehr vielen Künstlerinnen und Künstlern geholfen.

Wie ist die Materiallage im Museum, aus welchem Fundus können Sie schöpfen?
In unserer Margaret Herrick Library in Beverly Hills werden seit 30 Jahren zweidimensionale Objekte gesammelt, also alles aus Papier, darunter rund zwölf Millionen Fotos, Poster, Drehbücher und Briefe. Sehr spannende Dokumente des Exils finden sich auch in anderen Sammlungen in der Stadt, wie in der Feuchtwanger Library oder in der Exile Library der University of Southern California. Unser Museum selbst sammelt erst seit 2008 alle dreidimensionalen Objekte wie Kameras und Kostüme. Wir haben also nicht alles und werden auch nie alles haben, deshalb sind wir ständig auf der Suche nach Leihgebern und sprechen die großen Filmstudios mit ihren Archiven sowie auch Academy-Mitglieder gezielt an.

Gibt es Dokumente, die Ihnen persönlich besonders wichtig sind, die Ihnen vielleicht neue Einsichten geschenkt haben?
Ich war sehr berührt vom Briefwechsel zwischen Billy Wilder und Marlene Dietrich. Er wollte mit ihr »A Foreign Affair« drehen. Sie sollte in diesem Film von 1948 eine Nazi-Sympathisantin spielen, was sie strikt ablehnte, ihre Haltung zum Hitler-Regime ist ja bekannt. Es sind kurze Mitteilungen im Telegramm-Stil, aber Wilder umgarnte und überredete sie sehr überzeugend. Der Film wurde dann letztendlich mit ihr gedreht.

Von all dem, was Sie so anregend berichten, sehe ich in der Ausstellung aber nichts.
Wir präsentieren im ständigen Teil der Ausstellung zu den Academy Awards den Drehbuch-Oscar, den Billy Wilder zusammen mit Charles Brackett für »Sunset Boulevard« erhalten hat. Seit Februar gibt es eine Ausstellung zu »Casablanca« von 1942. Es ist vielleicht der berühmteste Exilanten-Film überhaupt, es geht um Menschen im Exil, und er wurde hauptsächlich mit Emigranten als Schauspieler wie Peter Lorre, Paul Henreid, Curt Bois und Conrad Veidt gemacht. Erschreckend, wie aktuell dieser Filmklassiker heute ist. Zudem bereiten wir eine Ausstellung über die wichtige Rolle von jüdischen Einwandern vor, die aus Ost- und Mitteleuropa in die USA kamen und die Grundsteine für die amerikanische Filmindustrie in Hollywood gelegt haben. Carl Laemmle zum Beispiel gründete 1915 Universal Pictures und stieg zu einem der großen Mogule auf, neben anderen jüdischen Einwanderern wie Adolph Zukor (Paramount Pictures), William Fox (Fox Film Corporation), Louis B. Mayer (MGM) oder die Gebrüder Warner (Warner Brothers). »Hollywoodland« wird diese Ausstellung heißen und im November 2023 eröffnet.

Bis April ist im Museum eine sehr interessante Ausstellung über afroamerikanische Filmpioniere zu sehen. Es gibt sehr schöne Abschnitte über Animationskunst und über die Oscars. Aber einen roten, filmhistorischen Faden konnte ich nicht so recht entdecken, eher Module.
Genauso ist es. Die Galerien zur Oscar-Geschichte werden bleiben, aber wir haben keine permanente Ausstellung unserer Sammlung, sondern haben uns für eine Ausstellungsform entschieden, die auf Dialogen aufbaut, anstatt einen alteingesessenen Filmkanon, der, wie wir wissen, ja viele Menschen und Filme ausgeschlossen hat, zu präsentieren. Es sind verschiedene, wechselnde Module unter dem übergreifenden Motto: »Stories of Cinema«. Dieser Plural ist uns sehr wichtig. Wir präsentieren keine durchgehende Kinogeschichte, sondern eröffnen einen Zugang zu Filmgeschichten. Das erlaubt uns, über einen längeren Zeitraum mit immer neuen Themen auch unterschiedliche Interessengruppen anzusprechen, divers und sehr vielschichtig zu sein. Wir haben als Museum auch eine erzieherische Mission, wollen Schulklassen einladen. Jeder sieht Filme, wenn auch sehr verschiedene, genau das eröffnet ja so universelle Gesprächsmöglichkeiten. So konzentrieren wir uns zum Beispiel in einem Modul auf einen einzigen Film und zeigen, wie dieser gemacht ist – mit einem Hauptaugenmerk auf die Zusammenarbeit aller Filmkünste wie Maske, Ton, Setdesign und viele andere. Zur Eröffnung präsentierten wir eine Ausstellung zum Film »Der Zauberer von Oz« mit den magischen roten Schuhen, darauf folgte »Der Pate«.

Erst jetzt wird mir das Konzept des Museums völlig klar. Vielleicht sollte man das eingangs schon deutlich machen?
Darüber denken wir auch gerade nach. Aber nichtsdestotrotz wird unser Haus seit der Eröffnung vor über einem Jahr sehr gut angenommen. Viele fragen, warum es dieses Museum nicht längst gab. Es ist ein großer Gewinn für die Museumslandschaft in Los Angeles, aber auch für die gesamten USA. Man muss sich das einmal vorstellen, es gibt im ganzen Land nur ein einziges weiteres Filmmuseum – in Queens in New York das Museum of the Moving Image, das aber kleiner ist und eine breitere Ausrichtung hat als wir. Hin und wieder machen Kunstmuseen auch Filmausstellungen wie das MoMA in New York oder das Los Angeles County Museum of Art nebenan. Aber es gibt hier leider keine gewachsene Filmmuseumskultur, die nicht nur in die Zukunft schaut, sondern auch zurück in die Vergangenheit. Genau das wollen wir tun, nicht als Hollywood-Museum, sondern als ein Haus für die internationale Filmkunst.

Mit der leitenden Kuratorin des Academy Museum of Motion Pictures sprach Knut Elstermann.

Information

Die Sehnsucht nach einem »Oscar-Museum« war groß, immer wieder wurde die Eröffnung angekündigt, zuletzt musste sie wegen Corona verschoben werden. Im September 2021 war es endlich so weit: Das Academy Museum of Motion Pictures öffnete in Los Angeles seine Pforten, das Filmmuseum der Institution, die auch alljährlich die Oscars ausrichtet. Das Gebäude am Wilshire Boulevard, Ecke Fairfax Avenue mit einer Ausstellungsfläche von 28.000 Quadratmetern wurde von dem Architekten Renzo Piano errichtet. Dafür gestaltete er das denkmalgeschützte May Company Building um, ein markanter Department Store von 1939. Piano baute eine spektakuläre, riesige Betonkugel hinter das alte Haus, die an ein schwebendes Raumschiff erinnert. Von der Terrasse in der Kugel hat man nach dem Museumsrundgang einen fantastischen Blick über Hollywood und den berühmten Schriftzug. Es ist, als sei die Filmstadt selbst ein Objekt der Ausstellung geworden. Herzstück der Schau ist eine glanzvolle Inszenierung des Oscars, mit Aufnahmen von historischen Momenten der Verleihungen, den abendlichen Roben der Preisträgerinnen und Preisträger und vielen der goldenen, kahlköpfigen Statuen. Besucher stehen vor der Schreibmaschine, auf dem das Drehbuch für »Psycho« geschrieben wurde, oder schauen auf zum letzten erhaltenen Modell des weißen Hais von Steven Spielberg. Trotz solcher Reliquien der Filmgeschichte präsentiert sich das Museum ganz anders, als man es von ähnlichen Häusern kennt. Es bietet keinen stringenten Gang durch die Filmgeschichte. Und was noch aussteht: die Ausstellung über die jüdischen Gründer der Filmindustrie, die im November 2023 eröffnet werden soll. Kritiker hatten deren Fehlen nach Eröffnung des Museums bemängelt und ihre »Nachreichung« angemahnt.

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