Neuverfilmung

Brutalität und Menschlichkeit

Szene aus »Nackt unter Wölfen« Foto: MDR/UFA FICTION

Das Aufnahmeritual ist gleichermaßen brutal wie zynisch. Das Nein auf die Frage, ob der neue Häftling den Grund seiner Einweisung ins Konzentrationslager kennt, beantwortet die SS mit Schlägen. Dagegen wird der Zimmermann, der sich selbst der »bolschewistischen Propaganda« bezichtigt, mit einem zynischen Spruch empfangen: »Gab’s da nicht schon mal einen, den man ans Kreuz genagelt hat?«

Mit Szenen wie diesen beginnt die Neuverfilmung des Buchenwald-Klassikers Nackt unter Wölfen, die heute Abend und damit kurz vor dem 70. Jahrestag der Lagerbefreiung in der ARD gezeigt wird. Grundlage für den Spielfilm, der unter Federführung des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) am Originalschauplatz und in Tschechien in einem nachgebauten Lager entstand, waren Motive aus der 2008 erschienenen Neuausgabe des gleichnamigen Buches von Bruno Apitz (1900-1979).

Solidarität Den Roman von 1958, in der DDR das meistverkaufte Buch, gibt es mittlerweile in 30 Sprachen. Doch die Geschichte um einen dreijährigen jüdischen Jungen, der das Konzentrationslager Buchenwald dank der Solidarität unter den Häftlingen überlebt, galt damals vor allem als Metapher für den heldenhaften Widerstand der Kommunisten gegen den Terror der SS-Wachmannschaften in dem Lager bei Weimar.

Dieser Grundhaltung folgte auch der DEFA-Klassiker von 1963 in der Regie von Frank Beyer und mit Darstellern wie Armin Müller-Stahl, Erwin Geschonneck und Fred Delmare. Fünf Jahrzehnte später verband Drehbuchautor Stefan Kolditz Motive des Romans mit dem heutigen Wissen um den einstigen Lageralltag. Regisseur Philipp Kadelbach fand dafür überaus anrührende und beeindruckende Bilder.

Dabei mutet das Team von Unsere Mütter, unsere Väter in seinem neuen Film dem Zuschauer durchaus auch das Brutale zu. Denn Bilder wie diese sind Teil der verbürgten NS-Geschichte - nicht nur in Buchenwald. Daneben scheint immer wieder die Banalität des Bösen auf.

Volkslied Während auf dem Appellplatz die Häftlinge zum Zählappell antreten müssen, flanieren draußen vor dem Lagerzaun junge Frauen mit ihren Kinderwagen vorbei. Die Lagerkapelle verabschiedet eine Häftlingskolonne beim Abmarsch zum Transport mit dem Volkslied »Muss i denn zum Städtele hinaus«. Gegen solche Bilder stehen immer wieder die großen, fragenden Augen des Kindes mit einem Ausdruck zwischen Angst und Zutrauen.

Die Geschichte seines Überlebens erinnert an das reale Schicksal des jüdischen Jungen Stefan Jerzy Zweig. Dabei streift der neue Film auch Legenden um den kommunistischen Widerstand, wie die vermeintliche »Selbstbefreiung« am 11. April 1945 und die widersprüchliche Rolle der »roten Kapos von Buchenwald«.

Sie waren von der SS an herausgehobenen Positionen zur Lagerselbstverwaltung eingesetzt, beispielsweise in der »Arbeitsstatistik«. An dieser Schaltstelle des Lageralltags konnten sie nicht nur darüber entscheiden, wer welchem Arbeitskommando zugeteilt wurde. Bisweilen ging es auch um Leben und Tod – etwa bei der Zusammenstellung von Deportationslisten.

Kapo Der kleine Junge in Nackt unter Wölfen überlebt, weil an seine Stelle ein Kapo den Namen eines anderen Häftlings auf die Liste setzte. Die Überlebensgeschichte des Dreijährigen erzählen die Filmemacher unsentimental und ohne aufgesetztes Pathos. Das Ergebnis ist ein Film über bewahrte Menschlichkeit.

Sie lag für die »roten Kapos« in der unmenschlichen Lagerwirklichkeit wohl stets zwischen den Gegenpolen, »Handlanger der SS« oder aber Beschützer der Schwachen zu sein. »Häftlingsgemeinschaften als homogene Solidargemeinschaft wären wunderbar – ist aber unter dem Überlebensdruck schier unmöglich«, beschreibt Direktor Volkhard Knigge von der Gedenkstätte Buchenwald das damalige Spannungsfeld. Der neue Film gibt davon eine beklemmende Vorstellung.

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