Sound of Hollywood

»Botschaft für die Ewigkeit«

Herr Hope, Sie gelten als einer des besten Sologeiger und sind auch noch Buchautor. Nach dem Album Escape to Paradise, auf dem Sie überwiegend Filmmusik jüdischer Emigranten während der Nazizeit eingespielt haben, heißt Ihr Buch nun Sounds of Hollywood. Was verbirgt sich dahinter?
Ich bin immer voller Bewunderung für diese Menschen, die es trotz ihrer fürchterlichen Situation und Überlebensängste geschafft haben, nicht nur in Hollywood Fuß zu fassen. Sie haben ein ganzes Genre kreiert, was ich unglaublich finde. Dank ihrer Talente und ihrer Kraft nie aufzugeben. Die Lebensläufe dieser Komponisten habe ich aufgezeichnet.

Wie würden Sie den Klang der 30er-Jahre beschreiben?
Er ist magisch, mystisch, episch. Es war eine glückliche Fügung, denn die Hollywoodstudios haben nach einem sinfonischen Klang gesucht und diese Komponisten konnten ihn liefern, da sie so talentiert waren. Es ist zwar amerikanische Filmmusik – aber sie ist im übertragenden Sinne in Europa entstanden.

Können Sie ein paar Lieder nennen, die damals in Deutschland und Österreich beliebt waren und aus deren Feder stammen?
Veronika, der Lenz ist da, Irgendwo auf der Welt, Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt.

Welche Hits entstanden in Amerika?
Für mich sind die Filmmusiken bedeutend, beispielsweise die Vertonung zu Robin Hood von Erich Wolfgang Korngold, King Kong und Vom Winde verweht von Max Steiner und Ben Hur von Miklos Rozsa.

Würden Sie sagen, dass sich der Einfluss der Emigranten bis heute fortsetzt? Derzeit ist ja Star Wars ein Kinohit, dessen Musik von John Williams stammt.
Williams sagt öffentlich, dass er nie Filmkomponist geworden wäre ohne Korngold. Er hat unter Mario Castelnuovo-Tedesco studiert. Es gibt also eine direkte Ader.

Der Emigrant und Komponist Arnold Schönberg hat von einer Vertreibung ins Paradies gesprochen. Was meinte er damit?
Auf eine gewisse Art und Weise schien es, als ob es ein Paradies war. In Schönbergs Fall war es aber das Wetter. Gesundheitlich litt er an der Ostküste, wo er zuerst war. Dann kam er nach Kalifornien und die Sonne hat geschienen.

Aber die Künstler haben ja nicht freiwillig ihre Heimat verlassen.

Vertrieben waren sie auf jeden Fall. Für einige war es das Paradies, für andere die Hölle. Bertolt Brecht und auch Hanns Eisler waren überhaupt nicht begeistert, sondern haben es schwer gehabt.

Warum?
Sie mussten mit der neuen Art des Betriebes zurechtkommen, dass das Studio alles bestimmt und dass es knallhart um das Geschäft ging. Auch waren sie damals in Deutschland, speziell in Berlin, sehr gefeiert. Sie genossen ein großes Ansehen – und nun waren sie nur noch Statisten. Auch die sprachliche Barriere stand im Weg, für die jüdischen Schauspieler war es schwer. Sie mussten meistens Nazis in Hollywood spielen.

Waren die Komponisten mit ihren Gedanken oft in ihrer Heimat?
Ja, ganz viel. Wenn man sich beispielsweise das Hollywood- Songbuch von Eisler anhört, dann spürt man die Sehnsucht und Melancholie, und auch den Blick zurück nach Europa.

Wie sind Sie auf diese Thematik gekommen?
Ich sehe es als eine Weiterentwicklung an, denn ein gutes Jahrzehnt meines Lebens ist okkupiert mit Fragen und Recherchen zum Holocaust. Ich bin Menschen begegnet, die mir viel erzählt haben. Jemand, der nach Theresienstadt deportiert worden war, hätte auch in Hollywood sein können – wenn er es geschafft hätte. Das hat mich sehr berührt, diese Schicksale. Ich habe dann angefangen zu fragen, wie es den Menschen erging, die nicht ermordet worden sind, sondern denen die Flucht gelungen ist.

Und warum gerade Film-Komponisten?
Ich war immer besessen vom Film, vor allem von alten Hollywood-Streifen. Ich fand die immer toll und liebe die Soundtracks. Immer wenn eine Frau sich verliebt hat, spielte die Geige.

Wie sind Sie bei den Recherchen vorgegangen?
Ich war in Museen, Archiven, habe Quellen gesucht und gefunden und natürlich etliche Gespräche mit Überlebenden und deren Angehörigen geführt. Beim Paramount-Studio hatte ich einen privilegierten Zugang zu den Archiven. So ging das über drei bis vier Jahre.

Sie haben einen Film über Theresienstadt mitgestaltet und sich dafür eingesetzt, dass der aus Magdeburg stammende Pianist Menahem Pressler die deutsche Staatsangehörigkeit erhält, Sie sind bei Gedenkveranstaltungen aktiv. Warum?
Dass man diese Menschen für die Ewigkeit festhalten kann, bevor es zu spät ist – das ist mir ein großes Anliegen. Sie haben einfach viel zu sagen und ich finde es eine Schande, wenn es Menschen gibt, die sagen, dass es den Holocaust nicht gegeben haben soll. Das kann ich nicht akzeptieren. Und jetzt ist es mir noch wichtiger, diese Botschaft für die Ewigkeit festzuhalten, denn ich habe einen zweijährigen Sohn.

Williams, der die Musik zu Star Wars geschrieben hat, komponierte auch die Musik zu Schindlers Liste. Er widmete dieses Werk dem Geiger Itzaak Perlman, der wiederum Yehudi Menuhins Geige spielt. Sie haben soeben eine CD produziert, die eigentlich eine Widmung an Menuhin ist, den sie von klein auf kennen. Was erwartet den Hörer?
Die CD ist eine musikalische Reise durch sein Leben. Menuhin hatte Glück, er wurde in New York geboren. Er hat Deutschland den Frieden angeboten, indem er als erster jüdischer Künstler nach dem Krieg auftrat. Ich habe mir Stücke ausgesucht, die wir zusammen gespielt haben. Ich war acht Jahre alt, da spielten wir das Vivaldi Doppelkonzert. Er hat soviel in meine Noten hineingeschrieben. Wenn ich seine Notizen sehe, dann ist das wie ein Nachhausekommen. Seine Freundschaft zu Elgar wird gestreift, sein Lehrer Enesco gewürdigt.

Mit dem Geiger sprach Christine Schmitt.

Tobias Korenke

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