Ehrenmedaille

»Bleiben Sie gesund. Bleiben Sie stark, bleiben Sie böse.«

Marcel Reich-Ranicki fühlt sich bis heute als Außenseiter. Foto: Rafael Herlich

Marcel Reich‐Ranicki hat sich nicht gelangweilt, als ihm am Sonntagmittag in der Frankfurter Paulskirche die Ludwig‐Börne‐Medaille für sein Lebenswerk verliehen wurde. Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, hatte im Vorfeld der Preisverleihung für einigen Gesprächsstoff im Literaturbetrieb gesorgt. Denn nur den wenigsten war entgangen, dass der Kritiker in den Wochen vor der Veranstaltung noch ungeduldiger als sonst und oft auch ungewohnt barsch auf Anfragen jeder Art reagierte.

Bekannte Doch angesichts der unterhaltsamen und von Anekdoten gespickten Ansprachen der Festredner erwiesen sich letztlich alle Bedenken als unbegründet. Mit unübersehbarer Freude nahm Reich‐Ranicki an der Preisverleihung teil und traf dabei auf etliche alte Bekannte (Martin Walser wurde nicht gesichtet). Zu den geladenen Gästen gehörten seine Kritikerkollegen Hellmuth Karasek und Joachim Kaiser, die Schriftstellerinnen Eva Demski und Ruth Klüger sowie die Freunde Dieter Graumann und Salomon Korn, beide Vize‐Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. FDP‐Generalsekretär Christian Lindner und Erika Steinbach (CDU), Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, waren die einzigen Bundespolitiker, die den Weg in die Paulskirche gefunden hatten.

Michael Gotthelf, der Vorsitzende der Börne‐Stiftung, brachte mit einer humorvollen Eröffnungsrede das Publikum mehr als einmal zum Lachen. Er berichtete davon, wie er mit Reich‐Ranicki vor einem Jahr über mögliche Laudatoren sprach. »Golo Mann wäre ein guter Redner«, habe der Literaturkritiker vorgeschlagen, obwohl Thomas Manns ungeliebter Sohn schon seit mehreren Jahren tot ist. Glücklicherweise, scherzte Gotthelf, habe man sich mit Mühe und Not doch noch auf Lebende einigen können. Als zweite Rednerin rühmte Oberbürgermeisterin Petra Roth Reich‐Ranicki für sein Werk. Die ganze Stadt schätze »sich glücklich ob dieses großen Frankfurters«, der Vergleich Reich‐Ranickis mit Ludwig Börne, dem zweiten legendären Kritiker der Stadt, sei mehr als angebracht.

Entertainer Harald Schmidt sang für Reich‐Ranicki Bertolt Brechts Gedicht »Erinnerung an Marie A.«. Thomas Gottschalk erklärte mit entwaffnender Ehrlichkeit, warum er als Unterhaltungskünstler eine Laudatio auf die personifizierte Hochkultur halte. Er sei schlicht und einfach ein guter Freund Reich‐Ranickis und habe es sich nicht nehmen lassen wollen, ihm zu gratulieren. Gottschalk sprach aber auch von Entertainer zu Entertainer: »Deine funkensprühende Begeisterung für die Literatur macht auch und gerade Deinen heiligen Zorn unterhaltsam, Deine Unduldsamkeit ist mühsam für Deine Gesprächspartner, aber mitreißend für das Publikum, und für Deine Spontaneität gibt es keinen besseren Zeugen als mich.«
Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Reden von Zustimmung und uneingeschränktem Lob gegenüber dem Preisträger geprägt. Dann betrat Henryk M. Broder das Rednerpult.

Dem Börne‐Preisträger des Jahres 2007 gelang es, mit einer herzlichen, zugleich aber auch kritischen Rede Reich‐Ranicki seine Reverenz zu erweisen. Broder forderte den Literaturkritiker auf, sich auch jenseits der Bücherwelt einzumischen, wenn etwa der Gaza‐Streifen wie dieser Tage wieder einmal unzulässig mit dem Warschauer Ghetto verglichen werde, das Reich‐Ranicki mit seiner Frau Tosia überlebt hatte. Broder fragte: »Bekommen Sie nicht eine Gänsehaut, wenn im Zusammenhang mit den Lebensbedingungen in Gaza von ›Zuständen wie im Warschauer Ghetto‘ geredet wird? Packt Sie da nicht die Wut und das Verlangen, Ihr Zuhause in der deutschen Literatur für einen Moment zu verlassen und sich draußen auf der Straße umzusehen, wo nicht die Freunde von Heine und Hölderlin unter den Linden flanieren, sondern die Anhänger von Hamas und Hisbollah‚ Zionisten raus aus Palästina!‹ rufen?«

Zu Hause Er wünsche sich von Reich‐Ranicki, seinen Status als populärer Literaturkritiker dazu zu nutzen, sich für Israel auszusprechen. Denn: »Man kann in der deutschen Literatur zu Hause sein, aber man kann nicht so tun, als würde man in der deutschen Literatur leben.« Nachdem Broder die Bühne verlassen hatte, um dem Jubilar zu gratulieren, stand Reich‐Ranicki auf und umarmte Broder – eine Geste, die an diesem Tag wohlgemerkt nur Broder zuteil wurde. Die letzte Rede hielt Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er würdigte Reich‐Ranicki als »das Staatsoberhaupt in der literarischen Republik«. Er erinnerte sich an ihre Zusammenarbeit und zeichnete noch einmal ein Porträt des mit allen rhetorischen und komödiantischen Wassern gewaschenen Publikumslieblings.

Aussenseiter Das Schlusswort hatte der Preisträger selbst. Er habe sein Leben lang nur das getan, was ihm Spaß mache: Er lese Bücher und schreibe anschließend darüber. Schon allein das mache ihn zu einem »Außenseiter«, sagte er. Auch heute noch fühle er sich – Börne‐Preis hin oder her – ausgegrenzt. Ja, möchte man hinzufügen, Marcel Reich‐Ranicki ist ein Außenseiter, und dieses Gefühl wird ihm wohl auch keiner mehr nehmen können. Indes: Er wäre nicht der einzige Virtuose, der aus einem Gefühl der Unzugehörigkeit und des Ausgeschlossenseins heraus, die in ihm angelegten Fähigkeiten perfektionierte – und somit noch mehr zum Außenseiter wurde.

Reich‐Ranicki verlässt den Saal unter großem Applaus und stehenden Ovationen: Die Verleihung der Ludwig‐Börne‐Ehrenmedaille an ihn war ein Triumph und die Krönung einer erstaunlichen Karriere. Gelangweilt hat er sich während der Veranstaltung keineswegs. So soll es auch bleiben. Oder, um es mit Henryk M. Broder zu sagen: »Bleiben Sie gesund. Bleiben Sie stark, bleiben Sie böse. Vor allem aber: Bleiben Sie!«

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