Irving Penn

Bilder für die Ewigkeit

Nichts überließ er dem Zufall. Jede Pose, jeder Gesichtsausdruck, jeder Faltenwurf der Kleidung sitzt perfekt. Wenn Irving Penn auf den Auslöser seiner Rol­leiflex drückte, ordnete sich alles dem absoluten Willen zur Inszenierung und seinem Streben nach Ästhetik unter, ganz unabhängig davon, ob er Persönlichkeiten wie Alfred Hitchcock, George Grosz und Igor Strawinsky, Mode-Diven oder Kinder in peruanischer Tracht porträtierte.

Bestimmend, ja geradezu autoritär rückte er sie mit einem Höchstmaß an Kontrolle vor der Kamera zurecht, wie ein Bildhauer, der an der Komposition seiner Skulptur arbeitet. Ein langer, langsamer Prozess, der das Modell nicht nur in ein äußeres, sondern auch seelisches Gleichgewicht bringen sollte. Stets lag sein Fokus dabei auf dem Wesentlichen – dem Menschen selbst. Keine Kulisse, die den Blick des Betrachters ablenkt, keine unnatürlichen Lichteffekte, die den Bildeindruck stören.

konzeption Auch die Retrospektive des Künstlers in der Berliner C/O-Galerie gibt sich klar und nüchtern in ihrer Konzeption. Centennial – Der Jahrhundertfotograf ist mit rund 240 Werken die bisher größte Ausstellung des amerikanischen Bildermachers Irving Penn, der als einflussreichster Fotograf des 20. Jahrhunderts gilt.

Sie zeigt vorwiegend die von ihm selbst bevorzugten Schwarz-Weiß-Versionen seiner Arbeiten – angefangen von den »Existenziellen Porträts« der Jahre 1947/48, für die Penn seine Modelle in die hinterste Ecke eines schmalen, spitzwinkligen Korridors stellte oder setzte, sodass sie in der Tat wie existenziell in die Enge getrieben wirken, über die stilbildenden glamourösen Modefotografien für die »Vogue« bis hin zu den berühmten Bildnissen von Marlene Dietrich, Pablo Picasso oder Salvador Dalí. Zusammen mit den Projekten »Small Trades«, Fotos von Arbeitern mit ihrem Handwerkszeug, sowie den ethnografischen Studien indigener Völker zählen sie zu den Höhepunkten seiner künstlerischen Arbeit.

1917 als Sohn litauisch-jüdischer Immigranten geboren, wuchs Penn in ärmlichen Verhältnissen in New Yorks Lower East Side auf. Der Vater war Uhrmacher, nach der frühen Trennung der Eltern jonglierte die Mutter mit Jobs, um die Familie durchzubringen. Der junge Mann wollte zunächst Maler werden. Doch schon bald wurde ihm klar, dass sein Talent woanders lag. Ab 1943 arbeitete er unter Alexander Liberman, dem Artdirektor der »Vogue«, für das renommierte Modeheft.

Noch im selben Jahr fotografierte Penn sein erstes Cover, dem allein 165 Titelbilder folgen sollten. Über nahezu sieben Jahrzehnte hinweg entstanden Ikonen der Fashion Photography, makellose Porträts weltbekannter Modelle, gehüllt in die kostbaren Stoffe der Star-Couturiers. Ein Leben lang begeisterte sich Irving Penn für den schönen Schein der Modewelt, vielleicht auch, weil der Realismus der realen Welt für ihn etwas »beinahe Unerträgliches« hatte, wie er einmal sagte.

masken Sein Interesse am Menschen führte ihn jedoch weit über die klassischen Typologien hinaus. Er reiste 1948 nach Peru sowie in den Jahren zwischen 1967 und 1971 für das Projekt »Worlds in a Small Room« nach Westafrika, Neuguinea und Marokko. Als Perfektionist zog Penn es auch hier vor, im Studio zu fotografieren. Mit ein paar Leinwänden schaffte er kleine mobile Tageslicht-Ateliers und porträtierte Männer in traditionellen Kriegsmasken, tätowierte, in weite Gewänder gekleidete Tuareg oder verhüllte Berberfrauen.

Selbst in seinen Stillleben, sagte der Fotograf einmal, müsse der Mensch durchscheinen. Gegen Ende seines Lebens faszinierten ihn Alterungsprozesse und das Thema Vergänglichkeit, gespiegelt in Bildern von Pflanzen und Blumen, die »das Stadium der Vollendung überschritten haben, wenn sie allmählich fleckig und bräunlich werden und sich in die Erde zurückschlängeln«, wie er es beschrieb.

Irving Penn besaß die Fähigkeit, seine Motive zu veredeln und zu etwas Besonderem zu machen. Jenseits aller Moden und Stile sind seine Werke zeitlose Kunst. »Ich persönlich betrachte die Fotografie als ein Mittel zur Überwindung von Sterblichkeit«, hat er einmal gesagt. Seine Bilder zeigen, dass er diesem Anspruch in vollendeter Weise gerecht wurde.

»Irving Penn. Centennial – Der Jahrhundertfotograf«, C/O Berlin, bis 1. Juli

www.co-berlin.org

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