TV-Kritik

Betreutes Fernsehen am späten Abend

Diskutierten bei Sandra Maischberger (2.v.r.): Rolf Verleger, Jörg Schönenborn, Gemma Pörzgen, Ahmad Mansour, Michael Wolffsohn und Norbert Blüm (v.l.) Foto: dpa

Gibt es einen neuen Antisemitismus?», wollte Sandra Maischberger in ihrer Talkshow wissen, womit am gestrigen Mittwoch ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswerter ARD-Antisemitismus-Themenabend ausklang. Auslöser war die Dokumentation Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa von Sophie Hafner und Joachim Schroeder, die nach hitzigen Debatten nun doch gezeigt wurde. Wenn auch in einer Form, wie sie im deutschen Fernsehen bislang einmalig ist.

Am unteren Bildschirmrand lief regelmäßig ein Hinweis mit, der dem Film offen die Seriosität absprach. Mehrmals wurde die Dokumentation auch angehalten, damit eine Off-Stimme die Gegenreden von soeben kritisierten Organisationen verlesen konnte. Betreutes Fernsehen zum späten Abend.

Testbilder «Wenn Sie auch bei allen anderen Dokumentationen Ihres Hauses so gründlich vorgehen würden, müssten Sie fast immer Testbilder ausstrahlen», warf der Historiker Michael Wolffsohn später dem WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn vor. Und damit sind wir auch schon in der Maischberger-Sendung, in der über Antisemitismus diskutiert werden sollte.

Schnell bildeten sich zwei Gruppen heraus: auf der einen Seite der Psychologe Rolf Verleger, die Journalistin Gemma Pörzgen und Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm, auf der anderen Wolffsohn und der Experte für muslimischen Antisemitismus, Ahmad Mansour. Schönenborn wiederum hatte sich nur auf ein exklusives Gespräch am Katzentisch neben dem Gästesofa eingelassen und verließ die Sendung danach auch schon wieder.

Der Jüdischen Allgemeinen sagte Wolffsohn nach der Sendung: «Wenn es dem WDR tatsächlich um Qualität und Fairness ginge, hätte man einen der Autoren einladen müssen und nicht zweieinhalb Teilnehmer mit Bauchgefühl statt Wissen. Ahmad Mansour lebt vor, was Koexistenz und Freundschaft zwischen Juden und Arabern ist.»

Obwohl es vor allem um Antisemitismus in Deutschland gehen sollte, brauchten die Gäste in ihren Wortbeiträgen nie lange, um in Israel zu landen. Nur Mansour betonte immer wieder, dass es wichtig sei, auch über den weit verbreiteten Antisemitismus innerhalb der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland zu sprechen. Wie wenig Sensibilität für dieses Problem da ist, machte die Reaktion des selbsterklärten Israelexperten Norbert Blüm deutlich. Statt dass ihm die Schilderungen des Streetworkers Mansour Sorgen bereiteten, rief er aus: «Kann es sein, dass Sie da pauschalisieren?», und nickte zufrieden, als Mansour entgegnete, dass er doch nicht von allen gesprochen habe. Dann ist ja gut.

Anekdotenonkel Blüm gelang ohnehin ein Auftritt irgendwo zwischen politisiertem Abenteuerurlauber und faktenarmem Anekdotenonkel. Immer wieder verlor er sich in Schilderungen davon, wie israelische Soldaten Palästinenser gängeln und demütigen würden. Zwar irrte er sich fröhlich in Jahreszahlen und Orten, machte das aber durch ein hohes Maß an moralischer Empörung wieder wett.

«Ja, es gibt Antisemitismus, aber der Islamhass ist größer», relativierte Rolf Verleger das Problem des Judenhasses, wobei sein Standpunkt nie so richtig klar wurde. Das ehemalige Direktoriumsmitglied des Zentralrats der Juden inszenierte sich als wackerer Einzelkämpfer, der es in einem pro-israelischen jüdischen Umfeld schwer habe und an den Rand gedrängt werde. In der Pose eines stolzen Leserbriefschreibers, der für seine Courage Lob erwartet, las er zwischendurch auch einen israelkritischen Text vor, den er vor Jahren geschrieben hat und dessen Manuskript er seitdem offenbar immer in seiner Jackentasche mitführt.

Ganz in seinem Element war Michael Wolffsohn, der seinen Gesprächspartnern (und vor allem den Millionen TV-Zuschauern) nicht nur eloquent und unaufgeregt Nachhilfe in Israelkunde gab, sondern immer wieder auch die Antisemitismus-Dokumentation als Meilenstein lobte. Blüm fühlte sich von ihm so sehr in die Defensive gedrängt, dass er von ganz oben Hilfe ersuchte. «Mein Gott wurde als Semit Mensch!», erklärte der Ex-Politiker, der aber auf Nummer sicher ging und noch einen zweiten Zeugen seiner Integrität aufrief: sich selbst.

Fremdschämen Niemand dürfe ihn Antisemiten nennen, denn er sei keiner, stellte Blüm fest und kritisierte später auch noch die angebliche Antisemitismuskeule, die immer geschwungen werde und deren Einsatz er auch stolz pantomimisch darstellte. Der Höhepunkt seiner Fremdschäm-Aussagen: Gerade weil die Deutschen das unfassbare Verbrechen der Schoa begangen haben, dürfe man als Deutscher zum angeblichen Unrecht der israelischen Regierung nicht schweigen.

Pörzgen hingegen verbrachte einen ruhigen Abend zwischen Maischberger und Verleger und versuchte sich an einer sauberen Trennung von Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik. Nachdem Wolffsohn ihr nachwies, dass diese Trennung in der Realität nicht besteht, machte sie noch mit dem Hinweis auf sich aufmerksam, dass deutsche Schüler muslimischen Glaubens nicht unbedingt mit auf Auschwitz-Klassenfahrt gehen müssten. «Das ist unsere Geschichte!», meinte sie und wurde von Mansour aufgeklärt, dass auch «Achmed ein Deutscher» ist und der Holocaust damit auch Teil seiner Geschichte.

Überhaupt waren Mansours Beiträge neben Wolffsohns die interessantesten. Nicht nur, weil er aus der Perspektive eines israelischen Arabers, der sich heute mit Judenhass in Deutschland beschäftigt, das Thema in seiner ganzen Breite abdeckt. Sondern auch, weil er darauf hinwies, dass antisemitische Hetzreden nicht nur in Gaza stattfinden, sondern auch in deutschen Städten.

muslime Mansour betonte, wie wichtig Begegnungen sind, die Klischees und Vorurteile abschaffen. Er selbst sei lange Antisemit gewesen, erklärte er, und habe erst während des Studiums in Israel bemerkt, dass die Juden nicht die Feinde der Menschheit sind, wie es ihm bis dahin beigebracht wurde.

Insgesamt zeigte sich in dieser Talkrunde wieder das Phänomen des modernen Antisemitismus, der zwar Opfer kennt, aber keine Täter mehr. Mit Blüm, Verleger und Pörzgen taten sich gleich drei der fünf Gäste sichtlich schwer, auch den Judenhass aus der muslimischen Gemeinschaft als Problem anzuerkennen. Lieber sprachen sie über die israelische Besatzung, wenn Mansour den Antisemitismus an Berliner Schulen mit hohem muslimischen Anteil ansprach, oder versuchten gar, diesen Hass zu einem gegenseitigen zu verklären.

Als ob es auch Jagdszenen aus Frankreich geben würde, wo Juden Muslime in ihren Vierteln attackieren oder auf Demonstrationen «Moslems ins Gas!» skandieren. Längst ist der Antisemitismus in Europa wieder öffentlich, laut und tödlich. Gleichzeitig wird er unterschätzt, sobald er keine Springerstiefel trägt, sondern ein Palästinensertuch. Auch das zeigte sich bei Maischberger.

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