Interview

»Besser Marbach als Jerusalem«

»Der Inhalt der Züricher Safes ist längst bekannt«: Reiner Stach Foto: dpa

Herr Stach, vergangene Woche wurden vier Bankschließfächer in Zürich mit Teilen des Nachlasses von Max Brod und Franz Kafka geöffnet. Über den Inhalt ist offiziell noch nichts bekannt. Aber es wird schon heftig spekuliert. Die israelische Zeitung Ha’aretz schreibt, es befinde sich eine bisher unveröffentlichte Erzählung Kafkas unter den Papieren. Sie sind der Autor einer mehrbändigen Kafkabiografie, die bei S. Fischer erschienen ist. Müssen Sie die jetzt umschreiben?
Davon kann keine Rede sein, denn der Inhalt der Safes in Zürich, um den »Ha’aretz« ein so großes Geheimnis macht, ist längst bekannt. Zum einen gibt es eine Inventarliste aus den achtziger Jahren, die den gesamten Nachlass Max Brods erfasst. Zum anderen hatten die Herausgeber der Kritischen Kafka‐Ausgabe Zugang zu allen Autographen Kafkas, die im Besitz der Brod‐Erben sind. Darunter eben auch die Blätter, die sich noch immer in Safes in Zürich befinden, insbesondere das Fragment »Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande« sowie der Briefwechsel Kafkas mit Brod. Das alles ist längst veröffentlicht, mit Ausnahme einiger Zeichnungen Kafkas. Wenn man die von dem Journalisten Ofer Aderet in »Ha’aretz« seit Monaten verbreiteten Meldungen verfolgt – die leider weltweit ungeprüft nachgedruckt werden –, muss man den Eindruck gewinnen, die Existenz der Kritischen Kafka‐Ausgabe sei ihm völlig entgangen.

Haben Sie, als Sie ihre Biografie geschrieben haben, den fehlenden Zugang zu den Brod‐Papieren als Mangel empfunden?
Das war und ist eine erhebliche Einschränkung – so erheblich, dass ich mich dazu entschlossen habe, die drei Bände meiner Kafka‐Biografie nicht in der chronologischen Reihenfolge zu schreiben und zu veröffentlichen, sondern den Band über die frühen Jahre Kafkas zurückzustellen. Diese Zeit etwa bis 1910 ist recht lückenhaft dokumentiert. Es wäre daher von größter Bedeutung, die Korrespondenzen und die Notizbücher von Kafkas engstem Freund Max Brod einsehen zu können. Diese Materialien liegen aber nicht in Safes, sondern befinden sich überwiegend noch in der Wohnung einer Tochter von Esther Hoffe, die wiederum die Erbin Brods war. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Tausende von Dokumenten und Büchern, die in der Wohnung verblieben sind, für die Literaturwissenschaft von viel größerem Wert sind als die längst ausgewerteten Autographen in den Safes.

Das israelische Nationalarchiv beansprucht den Nachlass Brods und Kafkas für sich und streitet darüber mit den Erbinnen Brods. Wem, glauben Sie, gehört der Nachlass?
Dass die Erbinnen Brods ein Anrecht auf diesen Nachlass haben, wurde bereits in den siebziger Jahren von einem israelischen Gericht bestätigt. So viel zur juristischen Seite. Etwas ganz anderes ist natürlich die kulturelle Verantwortung. Der sind die Erbinnen absolut nicht gerecht geworden. Sie haben Jahrzehnte verstreichen lassen, in denen sie lediglich Kafka‐Manuskripte oder den Zugang zu ihnen versilberten, anstatt den gesamten Nachlass Brods in ein öffentliches Archiv zu überführen. Das sollte jetzt endlich geschehen.

Damit wären wir beim nächsten Konflikt. Das Deutsche Literararchiv in Marbach, hat 1988 das Manuskript des Romans »Der Prozess« erworben, das die Brod‐Erbinnen hatten versteigern lassen. Das israelische Nationalarchiv meint, dieses Dokument und andere gehörten als nationales Kulturerbe nach Jerusalem.
Mit großen Begriffen wie »nationales Kulturerbe« zu argumentieren, erscheint mir wenig hilfreich. Nach solchen unklaren und zu Recht umstrittenen Kriterien könnten Prag und Wien ja ebenso gut Ansprüche erheben. Man sollte jetzt eine pragmatische Entscheidung treffen: Der Nachlass Brods ist dort am besten aufgehoben, wo man reiche Erfahrung mit deutsch‐jüdischen Nachlässen hat und wo auch die materiellen Ressourcen vorhanden sind, um einen solchen Berg von Dokumenten zügig zu erschließen und dann der Wissenschaft langfristig zur Verfügung zu halten. Und diese Bedingungen sehe ich viel eher in Marbach erfüllt als im israelischen Nationalarchiv.

Was auffällt, ist, dass die Geschichte um den Nachlass breites Interesse in der Öffentlichkeit findet, weit über die Fachwelt hinaus. Woher kommt diese Faszination für Kafka?
Obwohl Kafkas Leben, Denken und Schreiben mittlerweile außerordentlich gründlich erforscht sind, ist er für große Teile der Öffentlichkeit noch immer eine legendenumwobene Figur, bei der man alle möglichen Geheimnisse und Mysterien vermutet. In diese Kerbe schlägt auch die Bericht‐ erstattung über den Nachlass Max Brods. Journalisten in aller Welt – und vermutlich auch ihre Leser – sind nur allzu gerne bereit, Geschichten über Kafkas letzte Geheimnisse Glauben zu schenken. Diese Geschichten passen einfach zu gut ins Bild, und dass Kafka noch etliche Jahrzehnte nach seinem Tod zum Anlass immer neuer kafkaesker Vorgänge wird, ist eine Pointe, die man sich ungern entgehen lässt.

Das Gespräch führte Michael Wuliger

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