»Weinhebers Koffer«

Berliner Bruchstücke

Michel Bergmann Foto: dpa

»Weinhebers Koffer«

Berliner Bruchstücke

Michel Bergmann reist in seinem Roman durch deutsch-jüdische Befindlichkeiten einst und heute

von Tobias Prüwer  09.03.2015 18:36 Uhr

Dir weist das Meer den Weg ins Licht/ Mich führt es heim.» Das letzte Lebenszeichen des Schriftstellers Leonard Weinheber ist ein kleines Gedicht. Kurz nachdem er es aufschrieb, verliert sich seine Spur auf dem Mittelmeer – um rund 75 Jahre später in Berlin wieder aufgenommen zu werden.

Mit Weinhebers Koffer hat Michel Bergmann eine unterhaltsame Fährtenlese mit tragischem Unterton vorgelegt. In Bruchstücken erzählt er vom jüdischen Leben in den 20er- und 30er-Jahren in Deutschland, schildert den Aufbau des Staates Israel und gewährt Einblicke in die insbesondere deutsche Diskussionslage um und die Mentalität gegenüber dem Judentum in der Gegenwart. Eine rührende Liebesgeschichte bietet das Buch obendrein.

TRödler Alles beginnt bei einem Trödler. Der jüdische Journalist Elias Ehrenwerth stolpert auf der Suche nach einem besonderen Geschenk über einen Lederkoffer mit den Initialen «L.W.» – die gleichen, die auch seine Liebste hat.

Bald schon macht Ehrenwerth den Vorbesitzer des Gepäckstücks ausfindig, den Autor Leonard Weinheber. Der, ein assimilierter deutscher Jude, war von den Nazis mit Berufsverbot belegt und vielerlei Schikanen ausgesetzt worden, bis er schließlich nach den Novemberpogromen keinen anderen Weg sah, als Deutschland zu verlassen.

Anfang 1939 schiffte Weinheber gen Palästina aus. Ehrenwerth folgt seiner Spur, grast mögliche Zeitzeugen und Kontakte in Berlin ab, um dann in Israel die Archive zu durchstöbern und Menschen zu treffen, die Weinheber kannten.

Briefwechsel Diese zahlreichen Begegnungen machen den Reiz des Buches aus. Denn Bergmann vermischt geschickt zwei Zeitebenen. Sein Held Elias Ehrenwerth trifft in Israel und Deutschland nicht nur auf die Geschichte, sondern auch auf die Gegenwart beider Länder und ihrer Menschen. Die Vergangenheit blitzt durch eingefügte Briefwechsel und Erinnerungen auf, wobei gerade die Dokumente Lebendigkeit erzeugen.

Indem er wesentliche Kapitel aus Weinhebers Roman, den kein Verlag nach Hitlers Machtübernahme mehr veröffentlichen wollte, zitiert, zeichnet Bergmann zugleich ein Bild der 20er-Jahre, die alles andere als frei von Antisemitismus waren. Weinhebers unveröffentlichtes Buch handelt von einem jungen Anwalt in Berlin, der sich für die weitgehend rechtlosen Ostjuden einsetzt und eine verzweifelte Familie vertritt, deren kleines Geschäft beim Scheunenviertelpogrom 1923 zerstört wurde.

Schiffspassage Auch die Zerrissenheit vieler assimilierter deutscher Juden klingt bei Bergmann an, die schwere Entscheidung, ihre Heimat zu verlassen. Gut drückt das ein Gespräch auf der Schiffspassage übers Mittelmeer aus. Während Weinheber wehmütig an das «Land der großen Geister», wie er es nennt, denkt und den Gang ins Ungewisse scheut, zeigt sich eine junge Frau gerade über dieses Ungewisse ausgelassen froh, weil es ihr Hoffnung auf ein Leben ohne Ausgrenzung und Verfolgung gibt.

«Ich bin jung genug, um dieses ekelhafte Land hinter mir zu lassen. Für mich ist es versunken, im Meer! Im Meer des Vergessens. Wie ein Piratenschiff mit schrecklichen, verlorenen Kreaturen.»

befindlichkeiten Schnörkellos, mal feinsinnig ironisch, mal mit derbem Zuschnitt, hat Michel Bergmann seine Geschichte aufgeschrieben. Vor allem die deutschen Befindlichkeiten von heute nimmt er mit bissigen Kommentaren aufs Korn. «So kam, wie bei jeder kultivierten deutschen Geselligkeit, der Holocaust auf die Tagesordnung.» Aber nur kurz, denn «dann wurde die zweite Stufe gezündet: Israel!».

Novellenartig angeschnitten, nicht ausgewalzt, gestaltet sich der Roman. Die Konzentration aufs Geschehen statt umfänglicher Umgebungsbeschreibungen oder Figurencharakterisierung machen ihn zur flüssigen Lektüre, die mit den lakonischen bis bissigen Kommentaren des Ich-Erzählers obendrein eine angenehme Spur Subjektivität enthält.

Michel Bergmann: «Weinhebers Koffer». Roman. Dörlemann, Zürich 2015, 144 S., 16,90 €

Preisverleihung

Werner-Schulz-Preis wird an Marko Martin übergeben

Der Schriftsteller und Publizist Marko Martin ist Träger des zweiten Werner-Schulz-Preises. Die Auszeichnung wird am Donnerstag bei einer Festveranstaltung in Leipzig verliehen

 21.01.2026

Auszeichnung

Großer Kunstpreis Berlin geht 2026 an Meredith Monk

Die sechs Sektionen der Akademie der Künste wechseln sich bei der Vergabe des Großen Kunstpreises Berlin ab. In diesem Jahr ist die Sparte Musik dran. Sie ehrt eine US-amerikanische Sängerin und Komponistin

 21.01.2026

Fernsehen

»Jahrhundertzeugen - Leon Weintraub« am 27. Januar im TV

Der Holocaust-Überlebende berichtet auf anschauliche und ergreifende Weise von der Entmenschlichung durch die Nazis

 21.01.2026

Toronto

Israelischer Comedian wird stundenlang am Flughafen festgehalten

Guy Hochman braucht Hilfe von Israels Außenminister Gideon Sa’ar, um nach Kanada einreisen zu können. In New York verhindern Israelhasser einen Auftritt

von Imanuel Marcus  21.01.2026

Entscheidung

Noam Bettan startet beim ESC für Israel

Mehrere Länder boykottieren wegen Israels Teilnahme den Eurovision Song Contest 2026. Jetzt wurde entschieden, wer für das Land in diesem Jahr bei dem Musikwettbewerb an den Start geht

von Cindy Riechau  21.01.2026

Fernsehen

Dieser Israeli begleitet Gil Ofarim ins »Dschungelcamp« nach Australien

Ofarims Ehefrau Patricia fliegt nicht mit, da sie sich lieber im Hintergrund hält. Wer ist es dann?

 21.01.2026

Zahl der Woche

15.000.000 Dollar

Fun Facts und Wissenswertes

 20.01.2026

Köln/Murwillumbah

Der neue Dschungel-Cast: Genialer Coup oder totaler Flop?

Gil Ofarim und Co.: Das neue Dschungelcamp-Ensemble sorgt für geteilte Meinungen. Während die einen den Cast lieben, gibt es auch auffällig viele Debatten darüber. Lohnt sich das Einschalten diesmal?

von Jonas-Erik Schmidt  20.01.2026 Aktualisiert

Essen

»Holo-Voices«: Zeitzeugen des Holocausts sollen für immer sprechen

Auf der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen startet ein Medienprojekt, das Zeugen des Holocausts mit Besuchern in einen Dialog bringt. »Holo-Voices« soll Zeitzeugen »eine Stimme für die Ewigkeit« geben

 20.01.2026